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Trauige junge Frau auf der Couch

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Ich muss Dir was gestehen: Ich habe eine Affäre

Wenn in einer Beziehung dieser Satz fällt, reißt er dem betrogenen Partner fast immer den Boden unter den Füßen weg.

Für die meisten ist das der Beziehungshorror schlechthin. Schließlich glauben 80 Prozent aller Menschen an die Treue und wünschen sich einen Partner, der sie niemals betrügt. Tatsache ist aber, dass genau dies in 50 Prozent aller Partnerschaften irgendwann einmal passiert.

Fakt ist:

  • 44 Prozent der betrogenen Männer und 46 Prozent der betrogenen Frauen kommen dem Partner selbst auf die Schliche.
  • Ein Drittel der Männer erfährt den Seitensprung direkt von der Partnerin, 25 Prozent der betrogenen Frauen werden vom Fremdgeher selbst informiert.
  • Die meisten Fremdgeher, nämlich 80 Prozent, lieben ihren Partner und wären ihm auch gern treu.
  • Untreue ist einer der häufigsten Scheidungsgründe. Laut Statistik sind in ca. 35 Prozent der Fälle Eifersucht, Untreue oder ein neuer Partner Gründe für das Scheitern einer Ehe.
  • Nirgendwo in deutschen Landeshauptstädten wird so hemmungslos fremdgegangen wie in Hamburg, Düsseldorf und München. Großstädte verführen bis zu dreimal eher zum fremdgehen als ländliche Gebiete.
  • 45 Prozent der Deutschen halten einer Forsa-Umfrage zufolge einen Seitensprung für unverzeihlich.
  • 3 Prozent der Männer und Frauen würden ihren Partner verlassen, wenn er fremdgeht, ergab eine Umfrage des Forschungsinstituts Gewis.

Worunter Betrogene nach einem Seitensprung leiden

Untersuchungen zeigen, dass Menschen, die von ihrem Partner betrogen wurden, teilweise regelrecht traumatisiert sind. Sie leiden seelisch, aber auch körperlich unter Langzeitfolgen.

Das Göttinger Theratalk-Projekt kommt zum Ergebnis, dass Betrogene tatsächlich Symptome haben können, die denen einer Posttraumatischen Belastungs-Störung ähneln. Unter diesem Begriff versteht man die Reaktion auf existentiell bedrohliche Ereignisse wie Misshandlung oder Kriegserlebnisse – aber eben auch auf Seitensprünge.

Verunsicherung

Viele Betrogene fühlen sich als Opfer und sind extrem verunsichert. Sie können die Untreue nicht einordnen und stellen die ganze Beziehung infrage. Auch die Gefühle zum Partner sind ambivalent: Mal will man um ihn kämpfen, mal ihn in die Wüste schicken. Und über allem schwebt die belastende Frage: Wie konnte mein Partner mir das antun? 

Verlustängste

Betrogene fühlen sich wertlos, abgeschoben und zutiefst verletzt. Eine mögliche Reaktion ist Verzweiflung, die oftmals in Verlustängste mündet. So haben auch laut Theratalk 68 Prozent der betrogenen Männer und 69 Prozent der betrogenen Frauen Angst vor der Zukunft, 65 Prozent der Frauen und 61 Prozent der Männer fühlen sich ohnmächtig.

Wut

Eine unmittelbare Reaktion auf Liebesbetrug ist Wut. Frauen reagieren Untersuchungen zufolge extremer: Etwa doppelt so viele Frauen wie Männer empfinden Hass gegenüber ihrem Partner.

  • Bei 68 Prozent der Frauen richtet sich die Wut nach einem Seitensprung auf den eigenen Partner, bei 70 Prozent auf die Geliebte.
  • Auch 70 Prozent der Männer sind wütend auf den Geliebten, 47 Prozent auf die untreue Partnerin.
  • 40 Prozent der betrogenen Frauen und 22 Prozent der betrogenen Männer wollen den anderen für seinen Seitensprung bestrafen.
  • 30 Prozent der Frauen, aber nur neun Prozent der Männer lassen ihre Wut am anderen auch wirklich aus.

Misstrauen

Umfragen zufolge wiegt für viele Betrogene der Vertrauensmissbrauch schwerer als der Sex. Wer von der Untreue des Partners per Zufall erfährt, fühlt sich häufig gedemütigt. Oft sind auch Freunde oder Arbeitskollegen in die Affäre eingeweiht, der Betrogene erfährt manchmal als letzter von der Untreue. Die Folge sind erhöhte Wachsamkeit und Misstrauen:

  • Theratalk ermittelte, dass 69 Prozent der Männer und 81 Prozent der Frauen übertrieben auf das Verhalten des fremdgegangenen Partners reagieren.
  • 54 Prozent der betrogenen Männer und 58 Prozent der Frauen durchsuchen in den ersten 6 Monaten nach dem Betrug die Taschen des Partners, spionieren ihm hinterher oder lesen seine E-Mails.

Was tun nach dem Seitensprung des Partners?

Auch wenn Ihre Kränkungswut alles wissen will, um die Kontrolle zu behalten oder den Seitensprung zu verstehen, sollten Sie sich bremsen, rät Ulrich Clement in Wenn Liebe fremdgeht. Fragen Sie nicht nach Details, verzichten Sie auf Auskünfte, die Sie unnötig quälen. Stoppen Sie Ihren Partner, wenn er sein Gewissen durch eine ausführliche Beichte erleichtern möchte.

Auch wenn Sie sich als Betrugsopfer sehen, sollten Sie schnell aus dieser Rolle schlüpfen. Selbst wenn Sie das Mitgefühl anderer jetzt bitter nötig haben, bringt es nichts, sich zu bemitleiden. Besser sollten Sie gemeinsam mit Ihrem Partner die Untreue aufarbeiten, empfiehlt Wolfgang Krüger.

Hans Jellouschek ist für Geduld: Versuchen Sie, nicht überzureagieren und gleich alles hinzuschmeißen. Legen Sie z. B. einen bestimmten Zeitraum fest, in dem Sie vereinbaren, keine Entscheidung über die Form des Zusammenlebens zu treffen. Laut Jellouschek kann es sinnvoll sein, die Problematik langsam anzugehen.

Holen Sie sich Unterstützung: In Internetforen können Sie sich mit anderen Betroffenen austauschen oder sich Rat holen. Eine Hilfe können auch Freunde sein, denen Sie sich anvertrauen. Experten empfehlen, mittels professioneller Paartherapeuten den Seitensprung aufzuarbeiten – denn oftmals gelingt es Paaren nach einem Seitensprung nicht, sachliche Distanz zum Betrugsgeschehen aufzubauen. Ein Paarberater kann hier als ergebnisoffener Vermittler fungieren.

Die Schuldfrage beim Fremdgehen

Wer fremdgeht, ist schuld – das denken viele. Aber so einfach ist es selten. Denn zu einer Beziehung gehören immer zwei – zu einer Liebeskrise tragen beide irgendwie bei. Oft ist der Seitensprung Resultat einer langen, ungünstigen Entwicklung oder eine Reaktion auf unlösbare Problemkonstellationen innerhalb der Partnerschaft.
Darum raten viele Paarexperten, die Schuldfrage beim Fremdgehen außen vor zu lassen, wenn man betrogen wurde. Besser ist es, zu hinterfragen, wie es zum Seitensprung gekommen ist und welche Bedeutung er hat.

So denken auch 82 Prozent der betrogenen Männer und 80 Prozent der betrogenen Frauen darüber nach, wie sie selbst dazu beigetragen haben, dass es so weit kam.

Verstehen, verarbeiten, verzeihen?

Viele Betrogene glauben in ihrer Erschütterung, sie hätten das moralische Recht auf ihrer Seite – was laut Ulrich Clement die Sache verkompliziert. Es erschwert eine Aufarbeitung der Untreue, ganz gleich, ob das zu einer Trennung oder zu einem Beziehungsneustart führt. Wenn Sie Ihre Partnerschaft nach einem Seitensprung weiterführen möchten, geht eigentlich kein Weg an einer Aufarbeitung vorbei.

Sie stellen sich den Beziehungsproblemen

Eine Auseinandersetzung mit dem Seitensprung und eine Analyse der Untreuemotive kann zwar die Affäre nicht ungeschehen machen, aber den Schaden begrenzen beziehungsweise neue Zukunftsperspektiven eröffnen. So wollen auch 69 Prozent der Männer und 76 Prozent der Frauen mit einer Aussprache versuchen, die Beziehung zu retten.

Sie geben dem betrügenden Partner die Schuld

Das ist erstmal die einfachste Lösung: Sie denken, Ihr Partner hat schuld, schließlich hat er ja Sie betrogen. Also trägt er die volle Verantwortung und muss es wiedergutmachen. Diese einseitige Schuldzuweisung lindert weder Ihren Kummer, noch rettet er Ihre Beziehung – denn damit verteilen Sie die Rollen und nehmen sich selber Handlungsspielraum.

Sie trennen sich

»Einen Seitensprung würde ich niemals verzeihen!« – in der Theorie sind viele Menschen ziemlich konsequent. In der Praxis sieht das aber manchmal anders aus. Allerdings ist Fremdgehen für viele ein Grund, sich vom Partner zu trennen – denn der Vertrauensbruch kann nicht verschmerzt werden.

Wird mein Partner mich wieder betrügen?

Pauschal lässt sich das nicht sagen. Allerdings belegen Zahlen, dass viele Fremdgänger Wiederholungstäter sind und Ihren Partner erneut betrügen.

  • Für 49 Prozent der Fremdgeher und 55 Prozent der Fremdgeherinnen ist der aktuelle Seitensprung der erste in der jetzigen Partnerschaft.
  • 17 Prozent der Männer hatten ihre Lebenspartnerin zuvor schon einmal betrogen, 12 Prozent schon zweimal und 22 Prozent sogar mehrmals.
  • Für 20 Prozent der Frauen war es bereits der zweite, für 10 Prozent der dritte Seitensprung. 15 Prozent hatten ihren Partner mehrfach hintergangen.

Untreue – Chance für die Liebe?

Ihr Partner hat Sie betrogen – im ersten Schockmoment können Sie bestimmt nicht glauben, dass Untreue eine Chance für einen Neuanfang sein kann.

Natürlich könne ein Seitensprung eine Beziehung auch beleben, meint Wolfgang Krüger. Untersuchungen zeigen, dass 15 Prozent der Beziehungen durch die Untreue besser werden. In über 50 Prozent aller Fälle dagegen kehre erst nach Monaten wieder Ruhe in die Beziehung ein. Wenn überhaupt.

Eine Affäre kann auch als Wecker für eine eingeschlafene Beziehung dienen, meint Ulrich Clement. In Wenn Liebe fremdgeht schreibt er, durch die Untreue können unausgesprochene Probleme oder unterdrückte Konflikte erkannt und gelöst werden. Der Betrug muss dann als Übergangskrise wahrgenommen werden und dazu führen, dass eine andere Auseinandersetzung auf Paarebene stattfindet.

Wenn es einem Paar gelingt, die Untreue als biografisches Lebensereignis der Beziehung anzuerkennen und als Anlass für einen Aufbruch in eine gemeinsame Zukunft zu nehmen, dann kann ein Seitensprung aufzeigen, was fehlt und was verändert werden muss, meint Hans Jellouschek.

Lisa Fischbach und Holger Lendt sehen im Liebesbetrug Veränderungspotenzial. Durch Untreue könne man bei sich selber und auch in der Partnerschaft Gefühlsinventur betreiben und diese auf andere Füße stellen oder sogar den Treuebegriff neu definieren.

Wie kann ich meinem Partner jemals wieder vertrauen?

Kann man einen Seitensprung überhaupt verzeihen?

Ja, man kann. Das ist aber harte Arbeit, meint Wolfgang Krüger. Der Psychologe schreibt in Das Geheimis der Treue, Umfragen zufolge seien 80 Prozent der Betrogenen bereit, einen Seitensprung zu verzeihen – vorausgesetzt, der Partner verspricht, es nie wieder zu tun.

Auch Arnold Retzer ist der Meinung, einen Betrug könne man in der Beziehung verwinden – sofern man sich von romantischen Liebesvorstellungen löst und akzeptiert, dass man das Verhalten des anderen nicht berechnen und Vertrauen nicht erzwingen kann. Vergebung hält er für das Wichtigste.

Ist das Vertrauen zum Partner durch einen Seitensprung erschüttert, sollte man das Vertrauen in sich selbst stärken, rät Julia Onken in Die Kirschen in Nachbars Garten. Verunsicherungen und Misstrauen könnten niemals durch lückenlose Beweisführung für Treue aufgelöst werden. Misstrauen sei ebenso wie Vertrauen ein Urquell in uns selbst, es könne nicht von außen erzeugt werden.

Umfrage: Diese Fehltritte halten die Deutschen in einer Beziehung für verzeihbar

GEWISSHEIT VERSCHAFFEN: GEHT IHR PARTNER FREMD?

DER ERSTE SCHOCK

  • Umgang mit dem Seitensprung So stellen Sie das Vertrauen innerhalb einer Partnerschaft wieder her und überwinden die auch die Folgen nach dem Seitensprung
  • Welche Fehltritte sind verzeihbar? Die Unverzeihlichkeits-Skala deckt auf: welche Fehltritte die Deutschen ihrem Partner eher verzeihen und welche nicht

GEFÜHLE ORDNEN UND VERSTEHEN

VERZEIHEN, VERARBEITEN UND NEUES VERTRAUEN AUFBAUEN

Gehen oder bleiben

TRENNUNG UND NEUANFANG

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