Roland Kopp-Wichmann im Interview

»Das eigentliche Problem ist nicht die Untreue, sondern der Versuch, zwei Dinge zusammenzubringen, die nicht zusammengehen: Vertrauen und Aufregung«

Ein Gespräch mit Roland Kopp-Wichmann

Leichte Lösungen für komplizierte Situationen gibt es nicht – schon gar nicht, wenn es um Untreue in Liebesbeziehungen geht. Der Heidelberger Psychologe und Coach Roland Kopp-Wichmann, Jahrgang 1948, weiß das. Aus seinen vielen Praxiserfahrungen weiß er auch, dass Paare, bei denen einer der Partner fremdgegangen ist, vor einer Reihe schwer lösbarer Probleme stehen und einen mitunter langen Bewältigungsprozess vor sich haben. Dabei sind sie nicht allein: Es geht vielen Menschen so. Unterstützung und praktische Anregungen für einen konstruktiven Umgang finden alle, in deren Leben Untreue gerade eine große Rolle spielt, in Roland Kopp-Wichmanns neuem eBook Fremdgegangen – Wege aus dem Chaos.

Wir haben mit Roland Kopp-Wichmann über sein neues Buch, verschiedene Untreue-Arten und das Verzeihen nach dem Fremdgehen gesprochen. Mehr zum Autor erfahren Sie auf Seminare4you oder auf seinem Persönlichkeitsblog – seit 2005 schreibt der Psychologe hier für Menschen, die sich und andere besser verstehen wollen.

Interview geführt am 27.01.2015

Die Seitensprung-Fibel: In Ihrem neuen eBook geht es darum, wie der Seitensprung bewältigt werden kann. Und zwar von allen Beteiligten: den Untreuen, den Betrogenen und den Geliebten. Wie kamen Sie zu diesem Thema?

Roland Kopp-Wichmann: Vor allem durch meine Arbeit als Paartherapeut. Untreue ist oft ein Grund, warum ein Paar in eine ernste Krise rutscht. Manchmal ist auch eine Affäre, die schon lange her ist, eine Ursache, die wie ein Schwelbrand wirkt, warum ein Paar immer wieder miteinander streitet.

Die Seitensprung-Fibel: Wie sollten Betroffene Ihr Buch lesen?

Roland Kopp-Wichmann: Entweder ganz oder nacheinander die Kapitel, die momentan am meisten interessant sind.

Die Seitensprung-Fibel: Spielt die Art der Untreue, also ob es ein One-Night-Stand, ein online arrangierter Seitensprung oder eine längere Affäre war, eine Rolle?

Roland Kopp-Wichmann: In der Regel spielt die Dauer und die Absicht eine große Rolle für die Art und Intensität der verletzten Gefühle des/der »Betrogenen«. Wer auf einem Betriebsausflug im alkoholisierten Zustand fremdgeht, hofft und bekommt manchmal auch mildernde Umstände.Wer online einen Seitensprung arrangiert, investiert schon mehr Energie, um fremdzugehen. Das verzeiht ein Partner in der Regel nicht so leicht.

Wer über Monate oder Jahre eine geheime Affäre unterhält, führt praktisch ein Doppelleben, muss fortgesetzt vertuschen und lügen. Der betrogene Partner ist dadurch immer sehr verletzt, weil er sich hintergangen und sich und die Beziehung entwertet fühlt. Doch das sind allgemeine Erfahrungen. Es gibt auch Partner, die schon nach einem One-Night-Stand dem anderen die Koffer vor die Tür stellen. Manche Paare tauschen sich schon in der Frühzeit darüber aus, was würde ich machen, wenn du … Da bekommt man schon mal eine erste Einschätzung und kann hinterher nicht so tun als wäre man völlig überrascht.

Die Seitensprung-Fibel: Die Affäre ist aufgeflogen – was sollte der erste Schritt sein?

Roland Kopp-Wichmann: Man muss für sich zuerst klären, ob man es beichten oder vertuschen will. Das zu entscheiden, hängt von verschiedenen Faktoren ab.

Wie belastbar ist mein schlechtes Gewissen? Kann ich gut lügen, falls ich mal danach gefragt werde? Wie schätze ich selbst den Seitensprung ein? Hat es was mit der Beziehung zu tun oder war es ein »Unfall«? Was für ein Mensch ist mein Partner? Wie wird er auf das Offenlegen reagieren? Hat es etwas mit meiner Unzufriedenheit mit der Beziehung zu tun. Was müsste sich hier ändern (und wer?) damit ich nicht mehr dem Reiz des Fremdgehens erliege? Mache ich den Fehler, die Gefühle für meinen langjährigen Partner mit dem Reiz einer neuen Beziehung zu vergleichen? Liebe ich meinen Partner oder bin ich mehr in das Gefühl des Verliebtseins verliebt? Will ich mich eigentlich trennen?

Das Problem: man muss sich entscheiden. Ob es falsch oder richtig war, erfährt man erst irgendwann hinterher. Aber das gilt ja für alle Entscheidungen.

Die Seitensprung-Fibel: Sie halten nicht viel vom Verzeihen, schreiben Sie. Es klinge edel und indem man dem untreuen Partner seinen »Fehler« verzeihe, erhebe man sich über ihn. Was ist Ihrer Meinung nach eine Alternative zum Verzeihen?

Roland Kopp-Wichmann: Man akzeptiert, dass Menschen Fehler machen und Dinge tun, die andere verletzen. Ob ein Seitensprung ein »Fehler« ist oder ein Warnsignal für beide Partner, liegt im Interpretationsspielraum der Partner. Verzeihen setzt voraus, dass es eine Schuld gibt und nur einen Schuldigen, den Fremdgänger. Doch dass es zum Seitensprung kommt ist sehr komplex und meistens das »Werk« von beiden.

Die Seitensprung-Fibel: Oft geht es nach einem Seitensprung ja um die Schuldfrage: Ist der Betrüger schuld, schließlich ist er ja untreu geworden, oder trägt der Betrogene eine Mitschuld, weil er es soweit hat kommen lassen. Wie können Paare dieses Problem angehen?

Roland Kopp-Wichmann: Das ist schwer, aber die beste Möglichkeit, aus einem schmerzlichen Ereignis noch etwas Gutes zu machen. Dazu muss man die Schuldfrage streichen und stattdessen eine bessere Frage stellen: »Was haben du und ich dazu beigetragen, dass es zum Seitensprung kam?« Diese Frage impliziert nicht, dass beide daran schuld sind, schon gar nicht zu gleichen Teilen. Der Beitrag des einen kann größer oder kleiner sein als der des Partners. Die Frage nach dem beiderseitigen Beitrag deeskaliert die meistens sehr angespannte Situation. Ein Paar ist dazu aber meist nur dann bereit, wenn noch genug Liebe vorhanden und spürbar ist. Wenn einer oder beide sich schon vorher mit Trennungsgedanken beschäftigten, wird eher die Schuld verteilt. Man hat dann einen guten Grund, sich zu trennen.

Die Seitensprung-Fibel: Sie geben ganz konkrete Ratschläge, wie Partner mit der Untreue umgehen können. Unter anderem empfehlen Sie Betrogenen, dem untreuen Partner ein Ultimatum zu setzen: Wenn er bis in 4 Wochen die Affäre nicht beendet hat, dann verlässt man ihn. Ist das nicht eine Form der Erpressung, die nur dazu führt, dass das eigentliche Problem, nämlich die Untreue, verdrängt wird?

Roland Kopp-Wichmann: Das eigentliche Problem ist nicht die Untreue, sondern der Versuch, zwei Dinge zusammenzubringen, die nicht zusammengehen: Vertrauen und Aufregung. Die einzige Beziehungsform, wo das geht, ist die Polyamorie. Also wenn beide Partner neben ihrer Hauptbeziehung noch andere Partner haben. Das kann funktionieren, wenn es beide wollen und ihre Eifersuchtsgefühle zähmen können. Die meisten Fremdgeher sind damit aber überfordert und wollen nur eine einseitige Polyamorie.

Meiner Meinung erfordert eine Affäre eine Entscheidung. Das ist natürlich das Letzte, was der Fremdgeher will. Durch sein Verheimlichen zeigt er ja, dass er beides will: die vertraute Beziehung und die aufregende Affäre. Wenn der Partner das nicht dulden will, braucht es eine Entscheidung. Der Fremdgeher wird sagen, ich kann mich so schnell nicht entscheiden, brauche noch Zeit. Das ist aber immer eine Ausrede. Wer zwei Jobangebote hat und wirklich einen neuen Job will und nicht nur Angebote sammeln, steht vor derselben Situation. Er kann die beiden Unternehmen maximal um eine Bedenkzeit von ein zwei Wochen bitten – aber nicht um ein halbes Jahr oder länger.

Das Ultimatum baut Druck auf. Den anderen auf unbestimmte Zeit hinzuhalten, könnte man ja genauso gut als Erpressung bezeichnen. Es ist aber in beiden Fällen der Versuch, kein Risiko einzugehen, indem man sich nicht entscheidet. Wer sich aber zwischen zwei Optionen nicht entscheiden »kann«, will eben den Status quo – beide Optionen. Und der Preis, auf eines zu verzichten, ist ihm zu hoch.

Die Seitensprung-Fibel: Auch mit der Rolle der Geliebten befassen Sie sich in Ihrem Buch – und weisen darauf hin, dass vor allem fremdgehende Männer und deren Geliebten unterschätzen, wie stark die Bindung zu den Kindern ist. Inwiefern kann das zum Fallstrick werden?

Roland Kopp-Wichmann: Auch wenn die Beziehung zum Ehepartner schon lauwarm geworden oder erkaltet ist, spielt bei der Entscheidung für die Geliebte auch noch eine andere Beziehung eine wesentliche Rolle – die zum gemeinsamen Kind oder den Kindern. Diese durch eine Trennung aufzukündigen ist oft schwerer, weil die Kinder als unschuldig gesehen werden – es sei denn, man wollte sowieso kein Kind und die Beziehung zu ihnen ist schon lange sehr schlecht und nur eine Last. Der Ehepartner wird vielleicht als alt, unattraktiv, langweilig und nervig wahrgenommen, deshalb will man sich trennen. Aber für die Kinder gilt das nicht. Die Kinder sind einfach wie sie sind und entwickeln sich auch noch. Außerdem kann man den alten Mann/die neue Frau mit dem »alten« Mann/der »neuen« Frau vergleichen und fühlt sich zu der neuen Alternative mehr hingezogen. Die Kinder kann man mit niemandem vergleichen. Deswegen verweigern viele Männer die Trennung »wegen der Kinder«. Eine Mutter verlässt ihre Kinder wegen eines neuen Mannes sehr selten. Und wenn, hat sie vermutlich ein Leben lang Schuldgefühle.

Die Seitensprung-Fibel: Sie schreiben, einem Seitensprung gehe eigentlich immer eine ungute Entwicklung innerhalb der Partnerschaft voraus. Viele erkennen das aber gar nicht oder zumindest nicht frühzeitig. Worauf sollten Paare Ihrer Meinung nach besonders achten, um nicht in die Abwärtsspirale und damit in die Fremdgehzone zu geraten?

Roland Kopp-Wichmann: Unterdrückte Gefühle und ungelöste Konflikte sind der Hauptgrund für eine zunehmende Entfremdung eines Paares. Das fängt mit kleinen Lieblosigkeiten an, die vielleicht auch der lieblos Behandelte nicht ernst nimmt, die aber doch als kleine offene Wunde bestehen bleiben.

»In meiner Arbeit mit Paaren begegnen mir am häufigsten diese ungelösten Konflikte«

  • Heimliches Fremdgehen
  • Verbale Abwertungen (v.a. vor anderen) und körperliche Gewalt (auch in kleinen Dosen wie Ohrfeigen, Schubsen etc.)
  • Fehlende Abgrenzung wenn es zu Meinungsverschiedenheiten zwischen dem Partner und den eigenen Eltern geht.
  • Alleingelassenwerden während der Schwangerschaft und in den ersten Monaten nach der Geburt (oft in der Verbindung mit einem Seitensprung)
  • Wichtige Entscheidungen (Wohnung mieten, Arbeitsplatzwechsel, Urlaubsplanung etc.) ohne den Partner einzubeziehen.
  • Grundsätzliche Verschiedenheit über viele Themen, also eine fehlende gemeinsame Schnittmenge, was endlose Diskussionen nach sich zieht, die zu keiner Entscheidung führen.
  • Bagatellisieren oder Aufbauschen wichtiger Konflikte
  • Gottmans fünf apokalyptische Reiter: Angriff, Verachtung, Mauern, Rückzug in Streitgesprächen
  • Häufige Kämpfe darum, wer Recht hat, wie man es richtig macht mit den jeweiligen Schuldzuweisungen
  • Paare mit Kindern verlieren manchmal die Paarbeziehung aus den Augen, weil sie sich oder den anderen nur noch als Elternteil sehen. Meist dann, wenn man sich zu stark über die Kinder definiert und es mit ihnen besser machen will als die eigenen Eltern.
  • All das kann passieren, ist normal und menschlich. Der entscheidende Punkt ist, ob man es mitkriegt. Meist sind es die Frauen, die spüren, dass etwas nicht stimmt und wollen darüber reden. Männer hassen das, weil sie sich im Gespräch, wenn sie nicht unterbrechen oder brüllen dürfen, schnell unterlegen fühlen und deswegen das Gespräch ganz verweigern. Statistisch gesehen halten Partnerschaften, in denen es der Mann schafft, öfter auf seine Frau zu hören, länger.

Lieber Herr Roland Kopp-Wichmann, wir danken Ihnen herzlich für dieses Gespräch!

Hier geht es zu unserer Buchrezension Fremgegangen – Wege aus dem Chaos

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