Andrea Bräu im Interview

»Sexfrust ist nicht der Hauptgrund für den Seitensprung«

Ein Interview mit Andrea Bräu

Niemand kommt als Beziehungsprofi zur Welt. Wir alle müssen uns in langen Liebesjahren von Erfahrung zu Erfahrung hangeln und den für uns selbst besten Beziehungsweg suchen. Finden Sie auch, das klingt verdächtig nach viel Arbeit?

Ist es auch, sagt Andrea Bräu. Aber der Aufwand lohnt sich, meint sie. In ihrer Münchner Beziehungspraxis berät die Einzel-, Paar-, Familien- und Sexualtherapeutin Paare und Alleinstehende, Getrennte und Wiedervereinte, Beziehungsfrustrierte und Liebesamateure – kurzum: alle, die mit der Liebe weiterkommen möchten. Sie selbst greift dabei auf wichtige, aber auch leidvolle Erfahrungen zurück: Trennung und Scheidung hat sie ebenso durchlebt wie eine Zeit als Alleinerziehende, eine Dreiecksbeziehung, Phasen als Patchworkfamilie und einiges mehr.

»Wer nicht beginnt zu bewegen, wird nicht vollenden« lautet so auch das Motto von Andrea Bräu. Und wer etwas im eigenen Leben bewegen will, der braucht bisweilen einen Anstoß – manchmal kann oder muss das sogar in der Liebe eine schwere Krise sein. Viele Menschen, das belegen Statisken, suchen heutzutage einen Ausweg aus Liebeskummer und Sexfrust im Seitensprung und wissen häufig selbst nicht, ob das pure (Beziehungs-) Verzweiflung ist, einfach nur Sex oder doch viel mehr.

Buchcover: Es war doch nur Sex: Seitensprung – ein altes Verlangen Andrea Bräu begegnet diesen Fragen in ihrer täglichen Arbeit als Therapeutin, in ihrem Buch »Es war doch nur Sex« sucht sie Antworten darauf. Das tut sie wertneutral und sehr einfühlsam: Sie erklärt, was es mit dem Fremdgehen auf sich hat, warum der Seitensprung kein neuzeitlicher Trend ist und wie wir damit umgehen (können). Und vor allem zeigt sie, dass es selten nur sexuelle Bedürfnisse sind, die jemanden zu einem Seitensprung treiben.

Wir haben mit Andrea Bräu über Außenbeziehungen, den Umgang mit Seitensprüngen und Kompromisse in der Beziehung gesprochen.

Seitensprung-Fibel.de: Ein ganzes Buch über Sex und Seitensprung – wie kam es dazu?

Andrea Bräu: In meiner Praxis nehmen Außenbeziehungen einen großen Teil der Paarkonflikte ein, dann begegnete mir das Thema vielfach im Freundes- und Bekanntenkreis und auch ich selbst war davor nicht gefeit. Amtlich bestätigt gehen 50 % der Menschen fremd (ich persönlich glaube, die Zahl liegt weit höher!). Ich wollte unter anderem der Frage nachgehen, ob der Seitensprung ein Phänomen der heutigen Gesellschaft ist und wie das früher eigentlich genau war. Das war übrigens auch der anstrengendste Teil meines Buches diesbezüglich zu recherchieren.

Seitensprung-Fibel.de: Unsere Einstellung zu Außenbeziehungen habe sich verändert, schreiben Sie. Ist der offenere Umgang mit Seitensprüngen, Affären und anderen Außenbeziehungen Ihrer Meinung nach eher Sittenverfall oder Freiheitszugewinn?

Andrea Bräu: Das scheint mir doch eine gesellschaftliche Frage zu sein. Früher standen Außenbeziehungen mehr im Blinkwinkel des öffentlichen Interesses, heute sind sie im Grunde Privatsache. Prangerte man damals den Fremdgänger öffentlich an (meist moralisch, in anderen Ländern auch körperlich, und das auch nur die Frauen!), scheint es sich heute »nur« noch um ein Kavaliersdelikt zu handeln. Zudem muss man betrachten, dass wir heutzutage größtmögliche Freiheiten in nahezu jedem Bezug haben, und viele Menschen damit überfordert sind und somit in der Freiheit fast schon eine Unfreiheit liegt. Damit adäquat umzugehen wäre die Herausforderung der heutigen Gesellschaft.

Seitensprung-Fibel.de:Eine Partnerschaft kann nur mit Kompromissen funktionieren, ist in Ihrem Buch zu lesen. Wie kann ein Kompromiss aussehen, wenn der Mann eine ausgeprägte Libido hat, die Frau sich aus Sex aber so gar nichts macht?

Andrea Bräu:Kompromisse wollen oft erarbeitet werden und müssen auch nicht gleichbedeutend 50:50 sein, sondern sollten letztendlich unter dem Strich ein Gleichgewicht zwischen den Partnern ergeben.

Mich würde in diesem speziellen Beispiel immer interessieren, wie es dazu kam, dass die Frau sich so gar nichts aus Sex macht. Ist das denn wirklich so? Nach meiner Erfahrung ist das häufig nämlich gar nicht so und hinterfragen lohnt sich immer und ist auch Aufgabe eines Therapeuten. Sich mit seiner Sexualität auseinanderzusetzen ist für die meisten nicht einfach und gerade sogenannte »Luststörungen« dienen gerne als Ausrede, genau das zu umgehen. Würde die Frau jedoch bei ihrer Meinung bleiben, sich aus Sex so gar nichts zu machen, wird das Paar nicht drum herum kommen, nach alternativen Beziehungsformen zu suchen. Denn die Bedürfnisse des Mannes gibt es ja schließlich auch noch.

Seitensprung-Fibel.de:Der eine sucht totale Nähe, die andere will mehr Freiheit – gibt es Ihrer Meinung nach Paarkonstellationen, die per se zum Scheitern verurteilt sind oder kann man an jeder Beziehung arbeiten?

Andrea Bräu: Theoretisch könnte man das, allerdings sind der ganzen Arbeit praktisch Grenzen gesetzt, weil auch wir Menschen begrenzt sind. In der Regel kommen die Menschen erst dann zum Therapeuten, wenn der Leidensdruck bereits sehr groß ist und die Energie für Beziehungsarbeit nicht mehr im Überfluss vorhanden ist.

Es gibt natürlich Paarkonstellationen, bei denen einer oder sogar beide Partner tiefliegende psychische Probleme haben und das ist keine leichte Arbeit. Die wichtigste Voraussetzung für Beziehungsarbeit ist jedoch immer ein echter(!) Veränderungswunsch bzw. der Wunsch nach persönlicher Weiterentwicklung.

Seitensprung-Fibel.de: Sexfrust entstehe oftmals im Laufe einer Beziehung und sei sozusagen ein Endergebnis. Woran merkt man frühzeitig, dass das erotische Miteinander nicht mehr klappt?

Andrea Bräu:Wir haben alle eine innere Stimme oder ein sogenanntes Bauchgefühl. Wenn wir es wagen würden, dies regelmäßig zu »befragen«, merken wir, wenn etwas nicht mehr stimmt in der Beziehung. Meistens ist es die Angst, die uns dazu verleitet, es zu ignorieren und somit zu verdrängen. Denn Wahrnehmung zieht auch immer Handlungskonsequenzen nach sich.

Sexuelle Unzufriedenheit entsteht nicht über Nacht, sondern immer schleichend (es sei denn, sie ist bereits zu Beginn der Beziehung vorhanden) und ein regelmäßiger Check-Up in Sachen Sex und Partnerschaft sollte doch einen ebenso großen Stellenwert haben, wie das EKG beim Hausarzt. Für die meisten Menschen steht eine erfüllte Partnerschaft auf der Liste zum Glück ganz oben und Beziehungsfähigkeit muss man erst lernen, denn keiner fällt bereits als guter Partner vom Himmel.

Seitensprung-Fibel.de:Umfragen zufolge gehen die meisten Menschen aus Sexfrust fremd. Ist das billige Ausrede, Schutzbehauptung oder doch die nackte Wahrheit?

Andrea Bräu: Vielen Umfragen nach ist das wohl so. Ich glaube, dass Unzufriedenheit, auch auf anderen Gebieten, sich immer auch auf die Sexualität eines Paares auswirkt, die in meinen Augen ein Spiegel der Partnerschaft ist. Daher mündet beispielsweise körperliche Unzufriedenheit oder auch mangelnde Kommunikation usw. letztendlich in sexueller Unzufriedenheit, was dann als Auslöser dasteht. Die ungelösten Konflikte davor sind jedoch meist die Ursachen und der wichtigere Teil.

Seitensprung-Fibel.de:Auch Treue kann eine Schwäche sein, behaupten Sie in Ihrem Buch. Wann ist das der Fall?

Andrea Bräu: Wenn wir hier den Begriff Treue nicht mit sexueller Ausschließlichkeit oder Exklusivität gleichsetzen, also die Treue nicht unbedingt im partnerschaftlichen Zusammenhang betrachten, dann wäre die Treue zu sich selbst die hochwertigste. Das halte ich persönlich für die größte Stärke. Zu sich selbst zu stehen ist eine Fähigkeit, die eine enorme Reife benötigt.

Wenn jemand demnach nur im sexuellen Sinne treu ist, um sich an die Konventionen oder Moralvorstellungen zu halten, möglicherweise sogar aufgrund seiner äußeren Faktoren stark eingeschränkte Gelegenheiten zum Fremdgehen hat, wäre das für mich keine herausragende Stärke.

Seitensprung-Fibel.de: Manche Menschen binden sich sehr früh und heiraten den ersten Bettgefährten. Kann das in späteren Beziehungsjahren zu einem Nachholbedürfnis in Sachen Sex und ergo zu einer größeren Bereitschaft zum Fremdgehen führen?

Andrea Bräu: Theoretisch nicht, aber in der Praxis zeigt sich das häufig so. Wir entwickeln uns, wenn wir das wollen, erst im Laufe der Jahre zu einem reifen Menschen, auch sexuell. Nichts spräche dagegen, sich mit einem Partner gemeinsam weiterzuentwickeln. In der Praxis ist es jedoch manchmal so, dass einer diesen Wunsch nicht oder nicht so wie der Partner hat und dann kommt es zu Konflikten.

Ich denke, Weiterentwicklung und Wachstum sind das Ziel und damit ist sowohl die Persönlichkeit, als auch die Sexualität gemeint. Wenn dies mit einem Partner nicht gelingen will, vorausgesetzt man hat das Potential ausgeschöpft, dann ist das ungünstig. Partner sollten sich in ihrer Entwicklung nicht hemmen, sondern fördern, sonst kommt es ohnehin zu Unzufriedenheiten.

Seitensprung-Fibel.de: Sie befassen sich auch mit arrangierten Seitensprüngen – glauben Sie, das Internet verleitet oder verführt zum Fremdgehen?

Andrea Bräu: Früher war die Anbahnung von Seitensprüngen oder Affären bedeutend schwieriger. Man musste sich im Theater, in der Oper oder über Dritte kennenlernen und dabei auch noch einen Gleichgesinnten für ein kleines Abenteuer zu finden, war nicht so leicht wie heute. Ein paar Klicks im Internet reichen aus, um zu zahlreichen Seitensprungortalen zu gelangen, bei denen beide das Gleiche zu suchen scheinen. Fremdgehen – ohne Verpflichtung – der Deal ist von Anfang an klar. Keine Spielart, keine Vorliebe bleibt mehr unbefriedigt. Man hat ja kaum noch eine Chance, die diversen Pop-Up‘s und Anzeigen zu ignorieren. Natürlich muss auch immer eine Bereitschaft zum Fremdgehen vorhanden sein, wenn dann aber noch die Gelegenheit dazu kommt, dann … Und die gibt es per Internet zuhauf.

Liebe Frau Andrea Bräu, wir danken Ihnen herzlich für dieses Gespräch!

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