Dr. Wolfgang Krüger im Interview

»Der Anfang einer Paartherapie ist immer davon geprägt, dass eine Sackgassen-Situation vorhanden ist«

Ein Interview mit Paartherapeut Dr. Wolfgang Krüger

Es trifft so gut wie jedes Paar: Irgendwann im Laufe der Liebe gibt es Beziehungsprobleme. Die Kunst besteht nicht darin, diesen aus dem Weg zu gehen, sondern sie gemeinsam zu erkennen und zu lösen. Manchmal kann uns auch die Literatur dafür die Augen öffnen – das sagt etwa Wolfgang Krüger. Der renommierte Paartherapeut stellt in seinem neuesten Buch Effi Briest auf der Couch 12 Liebesromane der Weltliteratur vor und erläutert, welche Liebeskonflikte darin zur Sprache kommen, wie mit ihnen umgegangen wird und was wir heute daraus lernen können.

Buchcover: Effi Briest auf der Couch: Eine psychologische Reise durch zwölf LiebesromaneOft genügt aber nicht der bloße Blick in Romane, Ratgeber oder Zeitschriften – es gibt Beziehungskrisen, bei denen professionelle Hilfe angebracht ist. Oder vielmehr: In denen zwei Menschen den objektiven Blick von außen brauchen, um auf ihrem Liebesweg weiter zu kommen. Eine Eheberatung bei einer kirchlichen oder städtischen Einrichtung kann ein erster Schritt sein, den Problemen auf den Grund zu gehen. Und eine Paartherapie kann dabei helfen, wiederkehrende Auseinandersetzungen und Krisen zu bewältigen oder zumindest einen anderen Umgang damit zu finden.

Viele Menschen gehen erst dann zur Paartherapie, wenn gar nichts anderes mehr in der Beziehung geht. Dann ist die Therapie fast schon der letzte Rettungsversuch, manchmal leitet sie auch die Trennung ein. Dabei kann eine Paartherapie zum richtigen Zeitpunkt das Ruder in einer Partnerschaft durchaus herumreißen.

Heute sind Paartherapien zwar populärer geworden, aber noch immer ist die Hemmschwelle manchmal hoch, das Wissen über den Ablauf gering. Zudem übernehmen die Krankenkassen die Kosten für die Sitzungen mit einem Paartherapeuten nicht, man muss also auch finanziell etwas investieren.

Wolfgang Krüger praktiziert seit mehr als 25 Jahren in eigener Praxis als Paartherapeut. Wir haben mit ihm über Chancen und Grenzen von Paartherapien, die Auswahl der Therapeuten und den Ablauf gesprochen.

Die Seitensprung-Fibel: Wann sollte ein Paar zum Therapeuten gehen?

Dr. Wolfgang Krüger: Wenn es den Eindruck hat, dass es sich bei Streitigkeiten immer im Kreis dreht. Wenn emotional eine auswegslose Situation besteht. Spätestens dann, wenn sich beide zunehmend aus dem Weg gehen und an Trennung denken.

Die Seitensprung-Fibel: Sexfrust, Alltagsüberforderung, Untreue, Krankheit – Krisen im Laufe einer langen Beziehung sind normal. Wie kann ein Paartherapeut da unterstützen?

Dr. Wolfgang Krüger: Krisen und Konflikte sind normal. Aber wir können sie in einer halbwegs konstruktiven Beziehung lösen. Dazu müssen beide teamfähig sein und sie müssen es vermeiden, die Partnerschaft durch einen ständigen Rückzug, durch massive Anschuldigungen und Kränkungen zu belasten. Und der Therapeut kann hier auf Fehlentwicklungen hinweisen, kann bei Missverständnissen vermitteln und kann jenes Wissen vermitteln, das für eine erfolgreiche Partnerschaft wichtig ist.

Die Seitensprung-Fibel: Gibt es Voraussetzungen, die zwei Partner mitbringen müssen, damit eine Paartherapie überhaupt einen Sinn hat?

Dr. Wolfgang Krüger: Ja, sie müssen möglichst daran interessiert sein, an der Beziehung zu arbeiten.

Die Seitensprung-Fibel: Paartherapie ist immer noch eher Frauensache: Warum scheuen sich Ihrer Meinung nach so viele Männer davor, sich Unterstützung bei Partnerschaftsschwierigkeiten zu holen?

Dr. Wolfgang Krüger: Frauen haben viel mehr Kompetenz in emotionalen Fragen, Männer fühlen sich hier eher hilflos. Sie haben aber noch immer den Anspruch, das Leben souverän zu bewältigen. Deshalb können sie mit dieser realen Unterlegenheitsrolle nicht umgehen und mauern.

Die Seitensprung-Fibel: Sie praktizieren seit vielen Jahren als Paartherapeut, was ist Ihre Erfahrung: Gehen heute Paare früher zur Therapie, hat sich in der Einstellung gegenüber professioneller Beziehungshilfe etwas geändert?

Dr. Wolfgang Krüger: Paare gehen heute viel früher in die Therapie und es ist dadurch besser möglich Ihnen zu helfen. Und sie sprechen auch gegenüber Freunden über die Behandlung. Die Paartherapie ist öffentlich akzeptierter als früher.

Die Seitensprung-Fibel: Mein Mann hat mich betrogen, ich möchte das mithilfe einer Paartherapie aufarbeiten, er weigert sich – was kann ich tun?

Dr. Wolfgang Krüger: 2/3 aller Männer weigern sich eine Paartherapie zu machen, wenn sie von der Partnerin vorgeschlagen wird. Frauen können dann eine eigene Therapie machen und für sich den Seitensprung aufarbeiten. Sie können sich erarbeiten: was waren die Motive für den Seitensprung? Lagen diese mehr in der Persönlichkeit des Mannes oder lagen Probleme in der Partnerschaft vor. War ich also mitbeteiligt und was kann ich tun, damit die Entfremdung in der Beziehung geringer wird. Alles, was ich dann für mich tue, hat immer eine Wirkung auf das Gesamtsystem Partnerschaft. Und die Partnerschaft hat natürlich auch Auswirkungen auf mein Leben. Dies kann letztlich bedeuten, dass ich mich auch zu einer Trennung entschließe, wenn dieser Mann mit den Seitensprüngen nicht aufhört.

Die Seitensprung-Fibel: Eine Frau oder ein Mann als Therapeut – spielt das eine Rolle? Oder ist es reine Geschmackssache?

Dr. Wolfgang Krüger: Das spielt heutzutage eine eher geringe Rolle. Es gibt sehr feminine Therapeuten und maskuline Therapeutinnen. Allerdings hat jeder seine Vorlieben, die auch mit Kindheitserfahrungen zusammenhängen.

Die Seitensprung-Fibel: Wäre es nicht am besten, ein Paar von einem Therapeutenpaar betreuen zu lassen, sodass sowohl die männliche als auch die weibliche Seite und damit Sichtweise abgedeckt sind?

Dr. Wolfgang Krüger: Das kann sinnvoll sein, ist allerdings aufwändig und teurer. Zudem kommt es sehr darauf an, wie diese beiden Therapeuten zusammen arbeiten und dadurch ein Vorbild für eine Partnerschaft sind.

Die Seitensprung-Fibel: Wie lange dauert im Schnitt eine Paartherapie?

Dr. Wolfgang Krüger: Meist zwischen sieben und 20 Sitzungen. Die meisten Paartherapeuten führen eine Behandlung nur fort, wenn es nach sieben Sitzungen gute Entwicklungen gegeben hat. Die Behandlung muss quasi angeschlagen haben...

Die Seitensprung-Fibel: Woran erkennen Sie, dass die Behandlung »angeschlagen« hat? Was sind gute Entwicklungen?

Dr. Wolfgang Krüger: Der Anfang einer Paartherapie ist immer davon geprägt, dass eine Sackgassen-Situation vorhanden ist. Ein Konflikt kann nicht gelöst, eine Kränkung nicht überwunden werden, es herrscht oft eine angespannte Stimmung, beide sind unzufrieden. Wenn es hier auch nur ansatzweise eine Lösung gibt, empfinden dies beide als Befreiung, oft als Aufgabe, die zu bewältigen ist, aber sie sehen wieder einen Weg. Und das sieht man einem Paar an: es redet wieder miteinander, man lacht wieder gelegentlich, fasst sich an, es gibt wieder die Überzeugung: wir haben eine Partnerschaft und wir lösen die Probleme gemeinsam. 

Die Seitensprung-Fibel: Wie läuft die Paartherapie ab?

Dr. Wolfgang Krüger: Beide schildern die Probleme, dann den Anfang, den Verlauf der Partnerschaft und die gegenwärtige Lebenssituation. Ich erfrage immer auch Grundzüge der Kindheit, um dann die sozialen Muster zu erkennen: wie gestaltet jeder die Partnerschaft, wie reagiert er auf die Angebote des Partners und geht mit dem Konflikt um. Daraus entsteht eine Krisenanalyse, die dem Paar vermittelt wird, um einen Ausweg aus dem Teufelskreis zu finden. 

Die Seitensprung-Fibel: Wie hoch ist die »Erfolgsquote« bei Paartherapien?

Dr. Wolfgang Krüger: Das ist umstritten. Es hängt zudem vom Schwierigkeitsgrad der Paare ab. Man kann davon ausgehen, dass mindestens jedem zweiten Paar geholfen wird, manche Kollegen gehen von einer Erfolgsquote von 80 % aus. Hierbei wird die Zufriedenheit des Paares ermittelt, es kann auch ein Erfolg sein, wenn sich das Paar trennt.

Die Seitensprung-Fibel: Oft stellt sich doch heraus, dass einer der Partner ein schwereres emotionales Altlastenpäckchen mit sich herumträgt. Kann man diese tiefer liegenden Probleme innerhalb einer Paartherapie aufarbeiten oder ist da dann davor oder begleitend eine Einzeltherapie ratsam?

Dr. Wolfgang Krüger: Je stärker persönliche Anteile an dem Paarproblem sind, desto mehr ist eine Einzeltherapie zu empfehlen, weil solche Anteile in einer Paartherapie wenig berücksichtigt werden können.

Die Seitensprung-Fibel: Sie müssen sich in die Partner hineinversetzen, um ihre Liebesnöte zu verstehen. Wie gelingt es Ihnen dabei, neutral zu bleiben? Eine der Positionen wird Ihnen doch sicherlich näher liegen?

Dr. Wolfgang Krüger: Es ist meist ein Anfängerfehler, dass man einen viel sympathischer findet. Wenn man viel Erfahrung hat, kann man dies vermeiden. Aber es passiert letztlich doch, dass man vor allem dann einen Klienten sympathischer findet, wenn es starke Dominanzprozesse gibt. Einer unterdrückt dann den anderen und oft solidarisiert man sich mit dem Schwächeren.

Die Seitensprung-Fibel: Die Beziehung hat noch Zukunft oder sie ist hinüber – woran merken Sie als Paartherapeut, ob noch etwas und wenn ja, was liebestechnisch da noch zu machen ist?

Dr. Wolfgang Krüger: Man kann nie sagen, ob eine Beziehung unrettbar ist. Aber es gibt sehr schwierige Entwicklungen. Partnerschaften sind sehr gestört, wenn zwei sich kaum ausreden lassen, wenn es sich um eine massive Machtehe handelt. Wenn zwei keinen Humor mehr haben und keiner bereit ist, sich in die Situation des anderen hineinzuversetzen. Aber selbst dann ist eine Paartherapie nicht aussichtslos.

Die Seitensprung-Fibel: Gesetzt den Fall, Sie beraten ein Paar und merken nach den ersten beiden Stunden, dass die Beziehung unrettbar am Ende ist. Sagen Sie das?

Dr. Wolfgang Krüger: Nein, das Paar selbst muss spüren, ob die Beziehung wirklich zu Ende ist und sie möglicherweise beenden. Der Therapeut darf diese Entscheidung nicht treffen, weil es sich immer um eine emotionale Entwicklung des Paares handeln muss.

Die Seitensprung-Fibel: Sich einem wildfremden Paartherapeuten zu öffnen, ihm intime Beziehungsdetails zu offenbaren und Unangenehmes zu gestehen, fällt vielen Menschen schwer. Wie kann man Ihrer Meinung nach diese Hemmschwelle überwinden, oder ist das vielleicht gar nicht nötig?

Dr. Wolfgang Krüger: Es ist erstaunlich, dass es den meisten Menschen sehr leicht fällt, wenn sie sich zu einer Paartherapie entschlossen haben. Sie haben ja die Hoffnung, dass ihnen geholfen wird. Und es fällt ihnen gerade deshalb leichter, weil es ein wildfremder Mensch ist, der professionell mit meinen Antworten umgeht.

Die Seitensprung-Fibel: Körperkontakt und Intimität sind wichtige Bestandteile einer intakten Partnerschaft. Muss man in der Paartherapie über Sex reden?

Dr. Wolfgang Krüger: Ja – unbedingt. Allerdings ist der Sex immer das Ergebnis der Intimität, also der Beziehung des Paares. Insofern wird viel über die Beziehung, über die Nähe und die Distanz in einer Partnerschaft gesprochen, weil dies die Grundlage der Erotik darstellt.

Lieber Herr Dr. Wolfgang Krüger, wir danken Ihnen herzlich für dieses Gespräch!

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