Diplompsychologe und Autor Holger Lendt im Interview

»Treue ist uns wichtig, gelingt uns aber selten«

Ein Interview mit Holger Lendt

Untreue und Fremdgehen sind Dauerbrenner-Themen in Beziehungen. Und Gründe für Kummer, Tränen und Liebesleid. Die Diplompsychologen Holger Lendt und Holger Lendt wissen das aus Erfahrung: Viele Paare haben an dem Dilemma zwischen Treuewunsch und Untreuesehnsucht zu knapsen. Gibt es da überhaupt eine vernünftige Lösung? »Treue ist auch keine Lösung« behaupten die Autoren, und sagen in ihrem gleichnamigen Buch, warum das so ist. Provokante Thesen, viele Anregungen für ein Umdenken und jede Menge Stoff für eigene Gedanken bietet ihr vielschichtiges Plädoyer für mehr Freiheit in der Liebe. Und ist damit eigentlich ein Mutmachbuch für Liebende, die mit der Treue hadern, an ihr verzweifeln oder sie (ver)wünschen.

Buchcover: Treue ist auch keine Lösung. Ein Plädoyer für mehr Freiheit in der LiebeHolger Lendt ist Diplompsychologe und Sexualwissenschaftler. Er bietet in seiner Hamburger Praxis Beratung, Coaching und Hypnotherapie für Paare und EinzelklientInnen an – aber auch via Telefon, E-Mail oder Videofonie. Er schreibt ein Blog zum Thema Liebe für ElitePartner.de. Zusammen mit Lisa Fischbach bietet er auf www.BegegnungsArt.de Single-Coaching für Menschen auf Partnersuche an. 

Wir haben mit Holger Lendt über Möglichkeiten und Unmöglichkeiten der Treue in Beziehungen gesprochen.

Seitensprung-Fibel.de: Mal ganz provokativ: Wer möchte, kann Ihr Buch als Schmähschrift gegen Treue lesen. Warum stellen Sie diese Tugend so radikal in Frage?

Holger Lendt: Um zu diesem Schluss zu kommen, muss man das Buch selektiv lesen, denn wir entwickeln ja einen sehr positiven Treuebegriff, nur eben einen, der nicht abhängig ist von der Anzahl der beteiligten Partner – also einen, den man sowohl für eine monogame, als auch jede offenere Beziehungsform verwenden kann. Radikal heißt, etwas an der Wurzel anzugehen und darum haben wir uns tatsächlich bemüht, denn etwas, das so entscheidend und bedeutsam ist wie die Treue und gleichzeitig so selten gelingt, sollte man genauer unter die Lupe nehmen.

Wir sehen als Paarberater viel Leid in unserer Praxis, das – einen positiveren Treuebegriff vorausgesetzt – durchaus vermeidbar wäre. Unser Buch will zu nichts bekehren, außer vielleicht zum grundsätzlichen Nachdenken über eines der wichtigsten Themen in unserem Leben: Wie wollen wir lieben?

Seitensprung-Fibel.de: Liebe ist...ein beständiger Kampf zwischen Herz, Hirn und Hose. Können wir auf diesem Schlachtfeld überhaupt zu einer Friedensvereinbarung kommen?

Holger Lendt: Sie ist eher die Kraft, die genau diese innere Zerrissenheit vereinen will. Wir vergleichen diese drei Instanzen gern mit einer inneren Familie – ganz stark vereinfacht entspricht diese Dreifaltigkeit sogar den drei großen Abschnitten im Gehirn.

Die »Hose« meint die Leidenschaft und diese handelt und denkt nach dem Lustprinzip wie ein kleines Kind. Sie ist egoistisch, platzt vor Lebensfreude und Energie und schießt oft über das Ziel hinaus. Das »Herz« entspricht der emotionalen Fürsorge einer inneren Mutter. Sie fühlt und denkt in Beziehungen, schafft Verbindungen und sieht und kümmert sich um die beteiligten Menschen, kann aber auch emotionale Dramen produzieren. Das »Hirn« ist wie ein Vater, der sich um Vernunft, Planung, die Schaffung von Werten und das Aushandeln von Abkommen bemüht und im besten Fall hohe Ideale verfolgt, damit aber auch durchaus ignorant über die Anderen hinweg gehen kann.

Die Antwort auf die Frage nach einer Friedensvereinbarung finden Sie in echten, glücklichen Familien. Dort achten und lieben sich alle Beteiligten für ihre einzigartigen Qualitäten und gehen aufeinander ein, ohne bis zur Unkenntlichkeit miteinander zu verschmelzen oder einander zu unterdrücken. Diese innere Vielfältigkeit ist nicht leicht zu verwirklichen, aber ein sehr erstrebenswertes Ideal. Je besser diese Balance gelingt, desto größer ist wohl auch unsere Liebesfähigkeit! Der Familientherapeut Jesper Juul spricht von der Gleichwürdigkeit aller Beteiligten – das ist ebenso heilsam für echte Familien wie für unsere innere.

Seitensprung-Fibel.de: Wünschen wir uns nicht alle, von einem anderen Menschen exklusiv, also ausschließlich geliebt zu werden? Was ist so schlecht daran?

Holger Lendt: Die Frage ist, woher dieser Wunsch kommt und was er bewirkt! Selbst sehr tolerante Menschen sind oft überraschend dogmatisch, wenn es um diese Dinge geht. Warum? Weil wir überhaupt keine Alternativen zur Monogamie kennen. Wir wissen alle, wie selten Beziehungen unter diesen Bedingungen gelingen, aber wir ziehen keine Schlüsse daraus oder stellen die »Spielregeln« überhaupt in Frage. Treue kommt vom Wort »triuwe« und meint fest, stark, dick. Wir glauben, unsere Liebe würde stärker, wenn wir uns verbieten, andere auch zu lieben.

Das ist ein gefährlicher Trugschluss: Liebe wird stärker durch Liebe, nicht durch Besitzansprüche und Argwohn! Wenn wir uns sehr um einen Menschen bemühen, stärkt das die Bindung und das Vertrauen. Aber das tun auch polyamore Menschen, Swinger u.a. Im Rahmen der exklusiven Treue (»Du darfst keine anderen lieben«) kriminalisieren wir unser quicklebendiges inneres Kind und das hat Folgen: heimliche Seitensprünge und die Trennungen und den Schmerz, den sie bedeuten. Die traditionelle Treue bringt das Fremdgehen ebenso zwangsläufig hervor wie ein rein guter Gott den Teufel... es gibt intelligentere, weil menschenfreundlichere Konzepte und über die sprechen wir im Buch.

Seitensprung-Fibel.de: Freiheit in der Liebe ist ungemein wichtig, das belegen Sie in Ihrem Buch. Wer macht Ihrer Erfahrung nach eher Gebrauch von seinen Freiheitsmöglichkeiten – Männer oder Frauen?

Holger Lendt: Die Frage ist, ob Sie damit Fremdgehen oder eine einvernehmliche Variante offener Beziehungen meinen. In Sachen Fremdgehen herrscht aus unserer Sicht quasi völlige Emanzipation. Frauen und Männer tun es nur anders und vielleicht aus etwas anderen Motiven. Aber »untreu« sind beide Geschlechter offensichtlich fast gleichermaßen. Was offene Beziehungsformen angeht ist das sehr viel schwieriger zu sagen, weil diese Gruppen bislang kaum statistisch untersucht wurden. Unserer Wahrnehmung nach ist es aber auch dort relativ ausgeglichen. Im Bereich der Polyamorie glauben wir sogar, dass die Frauen eher häufiger vertreten sind, als die Männer.

Seitensprung-Fibel.de: Sie fordern den Abschied von unseren althergebrachten Treuevorstellungen – wie werden wir so glücklicher mit der Liebe?

Holger Lendt: Wir fordern nicht – wir empfehlen nur ein konsequenteres und mutigeres Nachdenken und dafür braucht es zunächst einen Bruch mit den unhinterfragten Dogmen. Die traditionelle Treue ist ein Tribut an unser Sicherheitsbedürfnis. Die Liebe folgt ganz klar anderen »Gesetzen«. Machen wir uns bitte klar: Menschen begehren und verlieben sich dauernd »fremd«, auch wenn sie ihre Partner noch lieben – wenn wir also an die Liebe glauben, woher kommen dann all diese nicht-monogamen Varianten, wenn nicht aus der Liebe selber? Geht die Liebe hier fehl? Ist die zweite Liebe irgendwie »Nichtliebe«?

Wenn die Liebe selber untreu zu sein scheint, dann können wir ehrlich sein und sagen, dass wir die Sicherheit über die Liebe stellen oder uns mal auf die Brisanz dieser Frage einlassen: Was will uns die Liebe zeigen? Wie sähe ein Leben aus, das sich wirklich von der Liebe führen ließe? Glücklicher mit der Liebe könnten wir so durchaus werden – nur bekommen wir dann erstmal Ärger mit allem »Althergebrachten«, ob im Innen oder Außen. Wir empfehlen nicht unbedingt, sich diesen Ärger einzuhandeln. Nur sollten wir wissen, was für einen Preis wir umgekehrt zahlen für unser Festhalten am Bekannten.

Seitensprung-Fibel.de: Wie coachen Sie ganz praktisch Paare, bei denen es mit der Treue hapert und die sich gegenseitig betrügen?

Holger Lendt: Fremdgehen ist sicher die problematischste Art zu lieben! Die Worte Vertrauen und Treue gehen auf die gleiche Wortwurzel zurück und das ist kein Zufall.

Liebe ist normalerweise ein Akt tiefen Vertrauens – Fremdgehen zerstört es! Unser Buch plädiert deshalb für ein Vorausfühlen und -denken. Es ist kein weiterer Ratgeber für Paare, bei denen es darum geht, einen Seitensprung zu verarbeiten. Trotzdem kommen viele Paare mit dieser Fragestellung zu uns. Es ist heikel, dann gleichzeitig in zwei Richtungen zu arbeiten: Ist das Modell Monogamie generell noch passend für das Paar? Und wie heilen diese beiden den akuten Vertrauensbruch? Ein Modellwechsel hin zu offeneren Liebesformen kann sehr sinnvoll sein, wenn eben Seitensprünge klar zeigen, dass die Fähigkeit zum monogamen Verzicht auf andere nicht so groß ist. Eine einvernehmliche Öffnung erfordert aber ein großes Maß an Vertrauen und Offenheit. Es ist ein Balanceakt, wenn das Kind schon in den Brunnen gefallen ist. Wenn aber Menschen kommen – vielleicht auch inspiriert durch das Buch – BEVOR etwas passiert ist, sind das ganz andere Voraussetzungen, denn dann gibt es dieses Vertrauen noch und Vertrauen ist die Basis für Liebe.

Lieber Herr Holger Lendt, wir danken Ihnen herzlich für dieses Gespräch!

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