Maja Langsdorff spricht über die gesellschaftliche Rolle der Geliebten

»In eine intakte Beziehung kann niemand eindringen«

Maja Langsdorff im Interview mit der Seitensprung-Fibel

Maja Langsdorff kennt einige Spielarten der (heimlichen) Liebe aus eigener Erfahrung. Die Journalistin und Fotografin war sechs Jahre lang mit einem verheirateten Mann liiert, danach lebte sie einige Zeit in einer Partnerschaft. Oh ne Trauschein, dafür aber mit getrennten Wohnungen. Ihren heutigen Ehemann lernte sie schließlich übers Internet kennen – zufällig, nicht via Kontaktbörse. Durch ihn fand sich Maja Langsdorff ungewollt und unerwartet in der Rolle der Frau zwischen zwei Männern wieder. Zwei Jahre lang sei sie in der nicht besonders angenehmen Situation gewesen, selbst liebestechnisch zweigleisig zu fahren, erzählt die ausgebildete Ballettänzerin.

Buchcover: Die Geliebte: Was es heißt die Andere zu sein Ihr 1987 erschienenes Buch »Die Geliebte« ist längst ein Klassiker zum Thema. Wir haben mit der Autorin, die heute als Imkerin die weibliche Dominanz im Bienenvolk sehr zu schätzen weiß, über Geliebte, Liebestoleranz und die Erfolgschancen von Affären gesprochen.

Seitensprung-Fibel.de: Ihr Buch »Die Geliebte« erschien erstmals 1987. Hat sich Ihrer Meinung nach seitdem an der Rolle der Geliebten in der Gesellschaft etwas geändert?

Maja Langsdorff: Dadurch, dass Frauen sich inzwischen öffentlich dazu bekennen, eine ernsthafte Beziehung zu einem verheirateten Mann zu haben, weiß die Allgemeinheit mehr über dieses gar nicht seltene Phänomen, was natürlich auch – wenn man selbst verheiratet ist – eine gewisse Bedrohung beinhaltet.

Man hat wohl in weiten Kreisen begriffen, dass die gängigen Klischees früherer Zeiten nicht mehr zutreffen. Aber leider ist das Thema »Geliebte« ein Medienthema, das vorzugsweise in der Saure-Gurken-Zeit aufgegriffen und oft auch reißerisch aufbereitet wird. Es bedient damit die Unterhaltungslust, den Voyeurismus, auch die Sensationslust mancher Medienkonsumenten. Das hilft den Betreffenden natürlich nicht weiter. Deswegen haben auch nur wenige den Mut, sich zu dieser subjektiv als defizitär erlebten Lebensform zu bekennen, die doch recht weit verbreitet ist. Vorurteile gibt es selbstverständlich immer noch, aber manchmal wird auch reflektiert.

Schön wäre es, wenn die Öffentlichkeit langsam begreifen und respektieren würde, dass es immer auch etwas mit dem verheirateten Mann und dem Zustand seiner Ehe zu tun hat, wenn sich eine Nebenbeziehung zu einer ungebundenen Frau entwickelt. Ich bin der festen Überzeugung, dass in eine intakte Beziehung niemand »eindringen« kann.

Seitensprung-Fibel.de: Sie sprechen sich für mehr Toleranz für die Frauen im Schatten aus. Wie kann und muss diese Toleranz aussehen?

Maja Langsdorff: Wie bei allen gesellschaftlichen Randgruppen: nicht über sie reden, sondern mit ihnen. Nicht nur die betreffende Frau als allein Schuldige zu sehen, sondern auch die Frage danach stellen, warum der verheiratete Mann sich »auf so was eingelassen« hat. Mehr Toleranz würde u. a. auch bedeuten, sich nicht darüber zu empören, dass Frauen, die so gegen die Frauensolidarität verstoßen und geschriebene und ungeschriebene Gesetze durchbrechen, auch noch über ihr Leiden an ihrer Beziehungssituation klagen.

Seitensprung-Fibel.de: Was raten Sie Frauen, die in eine Affäre mit einem verheirateten Mann hineinschlittern: Sollen sie um den Mann kämpfen oder die Liebessegel besser gleich streichen?

Maja Langsdorff: Darauf kann man nicht pauschal antworten, es hängt immer von der Situation ab. Wenn der Mann schon ellenlang verheiratet ist, wenn Kinder da sind und die üblichen Verpflichtungen, dann hat die Geliebte schlechte Karten. Auch wenn der Mann im Grunde seines Herzens eigentlich keine Veranlassung hat, zwischen dem warmen Nest Zuhause und der prickelnden Liebesbeziehung zur Anderen zu entscheiden. Wenn er vielleicht sogar stolz darauf ist, so eine tolle Frau erobert zu haben, gleichzeitig aber zu träge, zu feige oder zu verantwortungslos ist, um den Bedürfnissen dieser Frau nachzukommen.

Ich rate Frauen, die emotional abhängig sind von einem verheirateten oder gebundenen Partner, immer gleich zu Anfang, sie sollen mit ihrem eigenen Kopf denken, nicht mit seinem. Das heißt: an sich selbst denken und nicht denken, wie schlecht es ihm denn geht, was er alles aushalten muss, stets Verständnis für ihn zu haben und alle seine Unzulänglichkeiten und Unzuverlässigkeiten zu entschuldigen.

Sie sollten sich überlegen, wie sie selbst sich ihr Leben vorstellen, was ihre Träume, Wünsche, Hoffnungen und Ziele sind, und ob in diese Lebensplanung eine solche lang andauernde ambivalente Beziehung passt. Wenn sie zu dem Schluss kommen, dass es das alles wert ist, ist das ihre persönliche Einstellung. Aber dann sollten sie auch lernen, das was sie bekommen, zu genießen – und den Rest der Zeit ohne ihn genauso intensiv zu leben. Alles mit sich selbst auszumachen oder ergeben ewig warten und hoffen, das führt nur in die Depression, Isolation, Verzweiflung, Krankheit. Wichtig ist, selbstbestimmt zu entscheiden, also zu schauen: Wo bleibe ich dabei eigentlich? Und wann findet eigentlich mein Leben statt?

Seitensprung-Fibel.de: Hauptsächlich Frauen landen an zweiter Liebesstelle, sagen Sie. Was steckt dahinter, welche Gründe gibt es dafür, dass manche Frauen zu perspektivlos Liebenden werden und sich aus dieser undankbaren Rolle schlecht befreien können?

Maja Langsdorff: Frauen werden zum Erdulden, Ertragen, Aushalten, Liebsein erzogen. Auf gut deutsch: Sie werden zur Passivität erzogen. Bei Männern ist das anders. Sie dürfen und sollen aktiv und auch aggressiv sein. Sie lernen besser, sich zu wehren und durchzusetzen und lernen, dass das dem von ihnen erwarteten Rollenverhalten entspricht.

Wenn ich Männer treffe, die in der Situation sind, eine/n gebundene/n Partner/in zu lieben, dann sind es sehr oft homo- oder bisexuell veranlagte Männer, die von sich aus auf eine angenehme Weise schon nicht das Klischee des »harten Mannes« erfüllen, sondern meist mehr weibliche Anteile mitbringen. Dass Menschen in dieser perspektivenlosen Situation sich oft nicht allein befreien können, liegt auch an der unglaublichen illusorischen Qualität solcher Beziehungen. Wer nie den Alltag mit seinem Partner teilt, lernt ihn auch nie im Alltag kennen. Da gibt es keine Kratzer an der Fassade, nix was nervt, nichts, was einer Beziehung das faszinierend Prickelnde schnell nimmt. Der Partner wird zum Traumpartner, dessen wahres Gesicht man nur ansatzweise kennen lernt. Und kein real existierender Mensch kann mit einer Traumfigur konkurrieren.

Seitensprung-Fibel.de: Sie schreiben, nur in einen von zehn Fällen werde aus dem heimlichen Paar ein offizielles. Warum gibt es für Geliebte eine so geringe Erfolgsquote?

Maja Langsdorff: Alle Frauen schreiben mir in etwa das Gleiche: Sie hätten das Buch verschlungen, weil sie sich nicht nur erkannt sondern sogar persönlich beschrieben gefühlt hätten. Und das, obwohl sie keine »liebessüchtigen Tendenzen« in sich vermutet hatten. Das hat mich sehr berührt, zeigt es doch, dass wir alle miteinander verbunden sind und unsere Abgründe uns nicht peinlich sein müssen, da sie so verbreitet und menschlich sind. Viele schreiben mir, dass sie jetzt nicht nur sich, sondern auch ihren Partner besser verstehen könnten. Sie hätten damit begonnen, Schritte in Richtung »Liebe ohne Bedingungen« zu unternehmen. Mit einigen LeserInnen stehe ich in Kontakt und bin Zeuge ihrer Verwandlung in Sachen Liebe. Ich hätte mir nie träumen lassen, dass die Bewältigung meines »chronischen Liebeskummers« einmal so viele Frauen ermutigen könnte!

Seitensprung-Fibel.de: Welche positiven Erfahrungen kann man aus einer überwundenen Liebessucht ziehen?

Maja Langsdorff: Bei sich selbst anzukommen, »Ja« zu sich zu sagen, sich selbst und das Leben zu lieben und zu schätzen. Das Zentrum im eigenen Leben zu finden. Die Freiheit zu genießen, sich nicht mehr in einem Wartesaal zu befinden. Es kann sogar Spaß machen, die eigene Lovestory umzuschreiben. Und last but not least: eine erfüllende Partnerschaft! Liebe wird mehr, je mehr man davon gibt!

Seitensprung-Fibel.de: In Ihrem Buch steht die Geliebte im Mittelpunkt. Wenn Sie mal einen Blick auf die andere Seite werfen: Denken Sie, eine Affäre kann der eigentlichen Ehe gut tun und diese sogar aus der Erstarrung retten?

Maja Langsdorff: Das passiert gelegentlich, denn das verheiratete Paar wird damit konfrontiert, sich wieder zusammen- bzw. mit seinem Verhältnis auseinandersetzen zu müssen. In der Krise beginnen Denkprozesse. Oft lebt auch das Sexualleben wieder auf. Und man entdeckt, dass man ja doch irgendwo sehr aneinander hängt und den anderen nicht verletzen/nicht verlassen möchte. Und dann erlebt sich unter Umständen die Geliebte in der Rolle eines Katalysators, was für sie besonders deprimierend ist. Plötzlich hat der Wagen wieder 4 Räder, und das 5. ist überflüssig.

Seitensprung-Fibel.de: Flirtportale, Seitensprungagenturen und virtuelle Chatrooms bieten unendlich viele Möglichkeiten für außereheliche Liebe und heimliche Affären. Wie schätzen Sie diesen Trend ein?

Maja Langsdorff: Es ist eine andere, schnellere und unkompliziertere Form, Menschen für eine Affäre oder Liebesbeziehung kennenzulernen. Ich glaube, viele nutzen sie, um ihren »Marktwert« zu testen, um etwas Prickelndes zu erleben (auch wenn es vielleicht nur virtuell ist), um ohne großen Aufwand Defizite auszugleichen. Ich glaube nicht, dass diese Möglichkeiten die Scheidungsraten erhöhen und Ehen zerstören werden, denn wie ich schon andeutete, muss es doch immer eine Vorgeschichte geben, ehe jemand ausbricht. Und wer ein schnelles Abenteuer sucht, der findet es so oder so.

Seitensprung-Fibel.de: Welche Rolle spielt Ihrer Ansicht nach Treue heutzutage?

Maja Langsdorff: Sie gilt als altmodisch, jede/r erwartet bzw. wünscht sie sich im Grunde genommen vom eigenen Partner, aber wer an ihr als Tugend festhält, muss sich bei dieser aufgeklärten, offenen Gesellschaft fragen, ob er oder sie hoffnungslos romantisch oder ein Langweiler ist.

In unserer Konsumgesellschaft wird alles konsumiert; Werte vergangener Zeiten geraten in Verruf oder werden nicht mehr geschätzt. Anders als in früheren Jahrhunderten können wir uns die romantische Liebesheirat und die Patchworkfamilie leisten. Ich glaube, viele wären überfordert, wirklich »freier« zu lieben. Eifersucht ist ein ganz großes Thema in Dreierbeziehungen, und Treue hat viel mit Ehrlichkeit zu tun. Die Frage ist, ob es den Menschen tatsächlich zu eng und monoton in ihren Beziehungen wird, oder ob sie nicht zu hohe Erwartungen an die Partnerschaft haben. Auch wenn viele das erwarten, kann doch kein Mensch dem anderen alles sein.

Und deshalb glaube ich, dass Partnerschaften unter Menschen, die schon eine persönliche Reife haben, viel größere Chancen haben. Oft finden sich in der Lebensmitte – gerade übers Internet und Kontaktbörsen – Paare zusammen, die vorher langjährige Partner verlassen haben oder verlassen worden sind, und sie bringen in diese neuen Beziehungen wertvolle Erfahrungen ein statt großer Illusionen, überzogener Erwartungen und romantischer Vorstellungen eines rosaroten Glücks zu zweit. Dann funktioniert das mit der Treue meist automatisch.

Liebe Frau Maja Langsdorff, wir danken Ihnen herzlich für dieses Gespräch!

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