DAS IDEAL DER TREUE

Ein Mann der über die Treue zu seiner Frau nachdenkt

Treue: der Stoff, aus dem Liebesbeziehungen sind

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Für den einen ist es ein Gefühl der Zusammengehörigkeit, der andere versteht bedingungslose Liebe darunter. Die eine definiert es als Loyalität, die andere interpretiert es als sexuelle Exklusivität. Manche verbinden damit ein Verantwortungsgefühl, einige betrachten es als Zwang: Treue fühlt sich für jeden Menschen anders an.

Was bedeutet Treue für Sie?

Für die meisten Menschen heißt treu sein, dass man ausschließlich einen Partner liebt und auch seine sexuellen Bedürfnisse nur auf diese Person richtet.

Treue hört für viele dort auf, wo diese Exklusivität eingeschränkt wird: Für viele beginnt der Treuebruch bereits beim Küssen, manche Paare ziehen die Grenze erst beim vollzogenen Geschlechtsverkehr.

Fakt ist:

  • 76 Prozent der Deutschen reagieren schon eifersüchtig, wenn der Partner mit einem anderen flirtet
  • Wolfgang Krüger ermittelte in einer Umfrage, dass für 85 Prozent der Befragten ein Kuss auf den Mund Liebesbetrug ist. 90 Prozent hielten heimliche SMS-Botschaften für eindeutige Untreuedelikte
  • Untreue ist einer der häufigsten Scheidungsgründe. Laut Statistik sind in ungefähr 35 Prozent der Fälle Eifersucht, Untreue oder ein neuer Partner Gründe für das Scheitern einer Ehe
  • Für 71 Prozent aller deutschen Männer ist der Seitensprung der Frau eine wahre Todsünde, nur 20 Prozent empfinden den Liebesbetrug als Kavaliersdelikt.
  • 45 Prozent der Deutschen halten einer Forsa-Umfrage zufolge Untreue für unverzeihlich.

Emotionale und sexuelle Treue

Was ist schlimmer: Ein einmaliger Sexausrutscher oder eine Freundschaft? Hier scheiden sich die Geister, beziehungsweise: unterscheiden sich die Geschlechter. Obwohl beide ähnlich auf Untreue reagieren, sind Frauen besonders empfindlich, wenn ihr Partner emotional abtrünnig wird, Männer leiden vor allem unter der sexuellen Untreue ihrer Partnerin.

Eine mögliche Erklärung dafür suchen Wissenschaftler in der Evolution. In Urzeiten mussten Frauen ihren Partner sorgfältig auswählen und fest an sich binden – denn ihr Überleben und das ihrer Nachkommen hing davon ab. Immerhin bedeuteten Schwangerschaft und Stillzeit eine hohe Investition. Männer dagegen hatten es auf maximale Fortpflanzung abgesehen, darum konnten und wollten sie sich viel Sex mit vielen Frauen erlauben.

Gefühle als Bindungsfaktor sind für Frauen dieser Theorie zufolge wichtiger, darum ist für sie emotionale Untreue bedrohlicher als sexuelle. Letzteres ist für Männer schwerer zu ertragen, denn damit werden sie in ihrer Männlichkeit angegriffen.

Wie wichtig ist Treue heutzutage?

Fast 90 Prozent aller Menschen wünschen sich einen treuen Partner. Aber jeder Zweite geht im Laufe einer festen Beziehung fremd. Wie kommt es zu diesem Widerspruch? Können wir einfach nicht treu sein oder wollen wir nur nicht? Oder bedeutet uns Treue an sich heute nicht mehr viel? Und kann es ein Patentrezept für Treue geben?

Das sagen unsere Liebesexperten:

  • Treue, meint Wolfgang Krüger, sei eines der Kernthemen von Liebesbeziehung, die Untreue entspreche quasi der Aufkündigung der Bindung und damit der Basis einer Partnerschaft. Treue sei uns nach wie vor sehr wichtig. Dennoch würden 38 Prozent der Befragten daran zweifeln, dass der Mensch von Natur aus treu sein kann.
  • Oliver Schott sagt, die meisten von uns wären gar nicht treu im eigentlichen Sinne des Wortes. Die serielle Monogamie, also das zeitliche Aufeinanderfolgen von mehreren Beziehungen im Laufe unseres Lebens, sei mittlerweile so etwas wie ein Standard. Nur eben zur gleichen Zeit nicht, dann sehen wir die Treue in Gefahr.
  • Treue sei oft missverstandene Liebe, so sehen es Lisa Fischbach und Holger Lendt. Sie behaupten »Treue ist auch keine Lösung« und schreiben in ihrem gleichnamigen Sachbuch, Treue sei durchaus auch heute noch sehr wichtig. Aber unsere Angewohnheit, Liebe mit Treue gleichzusetzen, sei falsch und fatal und oft der Quell des Liebesübels.
  • Das Vertrauen in die Lebbarkeit dauerhafter Treue hält Franz-Josef Wetz für stark erschüttert. Wir idealisieren seiner Meinung nach die Liebe, wir verbinden die Idee der großen Liebe mit Sex, Verliebtheit und Partnerschaft zu einer dauerhaften Einheit – die im wirklichen Leben bestenfalls zeitweilig vorkomme. Gerade jüngere Generationen hätten das mittlerweile erkannt, was gespiegelt werde durch ein reges Interesse an Alternativen, auch zur Treue.
  • Laut Wolfgang Schmidbauer verhindert die krampfhafte Verbindlichkeit in Beziehungen, die symbolisiert werde durch eine Überbewertung der Treue, einen spielerisch leichten, lustbetonten Umgang mit der Liebe in Beziehungen.

Liebe ist ... wenn Treue Spaß macht

Treue ist keine Frage des Könnens, sondern des Wollens. Wer sich für einen Partner entscheidet, dem fällt es nicht schwer, treu zu bleiben – das wird uns oft suggeriert. Denn wahre Liebe soll einzigartig, unteilbar und auf eine Person beschränkt sein. Aber so ganz stimmt das wohl nicht, denn Treue ist nicht immer ein Resultat von großer Liebe.

Prof. Dr. Ulrich Clement etwa meint, Treue sei nicht immer eine aktive Entscheidung. Paare können auch treu sein, ohne sich dafür entschieden zu haben, nämlich einfach nur aus Mangel an Gelegenheiten oder reizvollen Angeboten, aber auch aus Feigheit oder Desinteresse. Diese »passive Treue« sei weit verbreitet, schreibt der Paartherapeut in Wenn Liebe fremdgeht.

  • Ein Viertel der Deutschen bleibt treu – weil dann dasselbe Verhalten vom Partner verlangt werden kann
  • »Wie Du mir, so ich Dir«, nach diesem Motto handeln 31 Prozent der Frauen
  • Für 23 Prozent der Männer ist dieses Prinzip der Wechselseitigkeit ein Argument für Treue
  • 31 Prozent möchten ihren Partner nicht verletzen
  • 16 Prozent haben Angst, dass durch Untreue die Beziehung zerbrechen könnte
  • 12 Prozent der Männer und Frauen lehnen die Untreue aus emotionalen Überforderungsgründen ab. Sie glauben, nicht zwei Menschen gleichzeitig lieben zu können oder zu wollen

Das Geheimnis der (Un)Treue

Weil Untreue verunsichert, Beziehungen gefährdet und viel Kummer verursacht, wollen die meisten Menschen verstehen, wie es zur Untreue kommt, ob sie in uns angelegt ist oder doch verhindert werden kann.

  • Ob jemand treu bleibt oder nicht, hängt in erster Linie von seiner Einstellung ab, meint Andrea Bräu. Es gebe keine generellen Persönlichkeitsmerkmale oder Untreueindikatoren wie bestimmte Berufe, Aussehen oder Geschlecht, schreibt die Paartherapeutin in Es war doch nur Sex. Wer untreu wird, bringt von sich aus die Bereitschaft mit, fremdzugehen.
  • Monogamie, und damit Treue, sei ein gesellschaftliches Konstrukt, dem wir uns unterwerfen – weil wir müssen, nicht weil wir wollen, meint Oliver Schott. An sich sei der Mensch nämlich nicht für ewige Treue geschaffen, schreibt er in Lob der offenen Beziehung.
  • Immerhin gehen nur 3 Prozent aller Säugetiere überhaupt Paarbeziehungen ein, und die wenigsten davon monogam. Auch Menschen scheinen darauf programmiert zu sein, ihre Partner zu wechseln.
  • Womöglich liegt uns Untreue sogar in den Genen: So konnte eine schwedische Studie ein bestimmtes Gen ausmachen, das für die Ausschüttung des Hormons Vasopressin zuständig ist. Männer mit niedrigem Vasopressin-Spiegel neigten eher zu Promiskuität, waren seltener verheiratet oder lebten häufiger in problematischen Paarbeziehungen.

3 häufige Gründe für Untreue

Auch wenn für viele Menschen ein Seitensprung oder eine Affäre aus heiterem Himmel zu kommen scheint, ist es meist eine Folge einer langfristigen Entwicklung. Untreue, das meinen viele Experten, passiert nicht einfach so, sie durchdringt allmählich eine Partnerschaft und nistet sich ein, lange bevor es zum Seitensprung kommt.

  • Sexueller Frust: Bei zwei Dritteln aller Paare ist einer von beiden unzufrieden mit dem Sex. Laut Theratalk ist bei 76 Prozent der untreuen Männer und bei 84 Prozent der fremdgehenden Frauen Sexfrust der Auslöser für den Treuebruch.
  • Fehlende Aufmerksamkeit: Das nachlassende Bemühen um den Partner ist für rund ein Viertel der Seitenspringer mit ein Anstoss für ihre Untreue. Besonders Frauen bemängeln es, wenn der Partner nicht mehr aufmerksam ist und etwa neue Frisur, neuen Pulli oder wichtige Termine ignoriert.
  • Günstige Gelegenheit: Oft steckt hinter der Untreue keine Absicht, sie ist bisweilen Ergebnis einer Verkettung erotischer Umstände: Eine nicht unererhebliche Anzahl von Seitensprüngen, laut einer Studie von ElitePartner etwa 43 Prozent, gehen auf die Kappe des guten alten Zufalls.

Ewige Treue – gibt es das?

Statistisch gesehen ist Untreue in Beziehungen an der Tagesordnung. Ist Treue in Partnerschaften also gar nicht möglich? Gibt es überhaupt Beziehungen ohne Seitensprünge? Ja, es gibt Partnerschaften, in denen Fremdgehen nie ein Thema wird. Die Gründe dafür sind vielfältig, etwa diese:

  • Treu sein aus Liebe: Wer überzeugt ist von der Treue als hoher moralischer Tugend und seinen Partner liebt, kann der Untreue im entscheidenden Moment eher widerstehen.
  • Treu sein aus Mangel an Gelegenheiten: Keine Zeit, keine Lust, keine Kontakte – manch einer wird nicht untreu, weil er nicht kann. Es fehlen schlicht und ergreifend die Fremdgeh-Gelegenheiten. Bei manchen spielen auch äußere Faktoren eine Rolle: Sie sind zu schüchtern, zu unattraktiv, um überhaupt andere Personen anzuziehen.
  • Treu sein aus Pflichtgefühl: Menschen, die sich in einer Partnerschaft dem anderen verpflichtet fühlen oder in einer starken Abhängigkeit zueinander stehen, sind seltener von Untreue betroffen. Weil für sie der Preis für den Seitensprung zu hoch wäre.

Kann uns nie passieren! Sag niemals nie...

Schön wäre es ja, dagegen spicht aber die Realität. Und die beweist: Eigentlich kann Untreue es jeden treffen. Untreue ist menschlich, keiner ist davor wirklich auf immer und ewig sicher.

  • Mir kann so etwas nicht passieren! Irrtum: Eigentlich kann nur der von sich behaupten, er sei absolut treu und völlig immun gegen erotische Anfechtungen außerhalb der Beziehung, dem es wirklich noch nie passiert ist. Jeder kann im Laufe seiner Partnerschaft in Versuchung kommen.
  • Meine glückliche Beziehung schützt vor Untreue! Irrtum: Affären kommen auch in glücklichen Partnerschaften vor. In Umfragen begründen etwa nur 16 Prozent der untreuen Männer und 33 Prozent der untreuen Frauen ihren Seitensprung mit einer unglücklichen Partnerschaft.
  • Bei Affären geht es doch nur um Sex! Irrtum: Oft geht es beim Fremdgehen weniger um Sex, sondern auch um Selbstbestätigung, Lebenslust, Neugierde oder Eroberungswillen. Guter Paarsex ist also auch kein Garant für Treue.

Treue – Stärke oder Schwäche?

Meistens wird Treue positiv bewertet, Untreue dagegen verteufelt. Dabei ist gar nicht so klar, was Stärke und was Schwäche ist. »Ich bin halt schwach geworden«, ist eine seltsame Ausrede. Vielleicht ist ja gerade der schwach, der es nicht wagt, seine heimlichen Liebesbedürfnisse zu realisieren?

  • Wolfgang Krüger etwa schreibt in Das Geheimnis der Treue, oft sei die Treue das Resultat einer Lebensangst: Man könne sich ein Leben ohne den anderen nicht vorstellen, fürchte sich vor dem Alleinsein oder wäre emotional oder materiell abhängig vom Partner.
  • Franz Josef Wetz meint, der Mensch sei sowieso kein treubegabtes Wesen. Fast alle biologischen Erkenntnisse würden gegen die lebenslang Monogamie sprechen, schreibt er in Lob der Untreue. Treue funktioniere eigentlich nur dort gut, wo Männer und Frauen ihre promisken Bedürfnisse nicht ausleben können.

Ob Treue ausschließlich eine Stärke sei und Untreue immer eine Schwäche, lässt sich nicht pauschal sagen, findet Andrea Bräu. Beide könnten beides sein, es kommt auf die Umstände, die Persönlichkeit und auch auf die Gelegenheiten an. Wer treu bleibt, weil er keine Chance hat, untreu zu werden, den kann man nicht wirklich stark nennen. Vielleicht ist es ja eine Schwäche, nicht fremdzugehen, vielleicht zeugt es aber von ganz schon viel Mut, wenn man einen Seitensprung wagt.

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