Mann küsst Frau mit geschlossenen Augen

Ist Treue wichtiger als Liebe oder Sex?

Er soll mich lieben und gut im Bett sein, aber vor allem treu – entspricht das Ihren Vorstellungen vom idealen Partner? Dann gehören Sie zur Mehrheit der Deutschen, die Treue für das Wichtigste in einer Beziehung halten. Aber ist sie das wirklich?

»Das, was wir heute unter Treue verstehen, ähnelt meist einer besonderen Pflanze – nämlich der Würgefeige. Die Würgefeige setzt sich auf einen Wirtsbaum und überwuchert ihn, bis er schließlich erstickt….Unser Treueideal ist genau wie dieser Schmarotzer, der etwas Gesundes überwuchert hat, nämlich unsere früheste Seinserfahrung, unsere erste, ganz große Liebe.«

Lisa Fischbach, Holger Lendt: Treue ist auch keine Lösung

Die Themen dieses Beitrags:

Liebe, Treue, Sex: was hält den Beziehungswagen am Laufen?

Die Dreieinigkeit von Liebe, Treue und Sex beschäftigt die Menschheit seit Urzeiten. Gehören diese drei Dinge untrennbar zusammen, etwa wie Räder, Motor und Karosserie zu einem Auto? Ohne Räder (Sex) läuft nichts, der Motor (Liebe) muss in jedem Fall sein und die Karosserie (Treue) hält alles zusammen. Die Frage, was von diesen drei Größen am wichtigsten ist, lässt sich nur schwer allgemeingültig beantworten. Oder anders gesagt: Die müssen Sie sich selbst beantworten.Laut einer Emnid-Umfrage ist für 82 Prozent der Deutschen Treue wichtiger als Sex

Diese Meinungen von Experten könnten Ihnen dabei Wegweiser sein:

  • Treue, meint Paartherapeut Wolfgang Krüger, sei eines der Kernthemen einer Liebesbeziehung. In Das Geheimnis der Treue schreibt er, Untreue entspreche sozusagen einer Aufkündigung der kompletten Bindung, die Basis jeder Partnerschaft ist.
  • Der Philosoph Oliver Schott findet, was wir heute als Treue bezeichnen, sei Augenwischerei. Die meisten von uns wären gar nicht wirklich treu – weil die serielle Monogamie, also das zeitliche Aufeinanderfolgen von mehreren Beziehungen im Laufe unseres Lebens, mittlerweile Standard sei. Die wenigsten sind ein und derselben Person lebenslang treu.
  • Viele hätten Angst, ihr Partner könne mit einem anderen Menschen eine intime Beziehung eingehen, schreibt Robert Betz in Wahre Liebe lässt frei. Der Motivationscoach meint, das liege daran, dass wir darauf gepolt seien, in Besitzkategorien zu denken: Hat unser Partner Sex mit einem Dritten, dann bricht er das Treueversprechen und uns wird etwas genommen.
  • Der Psychotherapeut Wolfgang Schmidbauer glaubt, die krampfhafte Verbindlichkeit in Beziehungen – Resultat der theoretischen Überbewertung der Treue – verhindere einen spielerisch leichten, lustbetonten Umgang mit der Liebe. Ein zu starres Festhalten an Werten wie Treue ist demnach nicht gerade gut für die Liebe.
  • Der Hamburger Paarberater Michael Mary meint, Harmonie koste Leidenschaft: Je länger und enger ein Paar zusammen sei, umso mehr gehe die Fremdheit verloren und damit eine Basis für tollen Sex. Wie viel davon für die Liebe nötig ist, kann niemand sagen. Denn, so Mary in Mythos Liebe, wir können ja nicht einmal genau bestimmen, worauf unsere Beziehung eigentlich beruht, oder im Detail erfassen, was uns mit dem anderen verbindet.
  • Sexualität sei wichtiger Bestandteil einer guten Partnerschaft, sagt Paartherapeutin Andrea Bräu. Darum hätten auch viele Beziehungsprobleme mit Sex zu tun. Davon lässt sich aber nicht ableiten, wie wichtig Sex im Vergleich zu Treue ist, auch Rückschlüsse auf die wünschenswerte Sexhäufigkeit sind kaum möglich. Denn da Beziehungen immer auch auf Kompromissen basieren, müssen die Partner ihre Bedürfnisse irgendwie miteinander abgleichen.
  • Ehen oder Langzeitbeziehungen seien heute nicht mehr in erster Linie rational geschlossene Versorgungsbündnisse, schreibt der Philosoph Franz Josef Wetz in Lob der Untreue. Vor allem seien Partnerschaften erotische Erlebnisgemeinschaften, die auf Zuneigung, sexueller Anziehung und letztlich Liebe beruhen. Gerade darum seien sie so störanfällig und brüchig. Die Erwartungen, die wir an Beziehungen haben, sind nämlich oft unerfüllbar – vor allem die nach dauerhafter Treue.

3 x 5 Gründe für Liebe, Treue und Sex

  • Ohne Sex läuft nichts: Sex ist schon sehr wichtig. Denn ohne ihn würden Beziehungen gar nicht erst zustande kommen. Das haben Neurowissenschaftler nachgewiesen: Dass wir uns verlieben, liegt daran, dass Liebe ein Trieb ist, ein physischer Drang ähnlich wie Hunger und Durst, der in unseren Genen steckt. Das erklärt die amerikanische Psychologin Kayt Sukel in ihrem Buch Schmutzige Gedanken. Dabei seien unsere Hormone die treibende Kraft, nämlich jene, die unseren Sexualtrieb steuern: Testosteron und Östrogen beeinflussen, in wen wir uns verlieben.
  • Liebe ist Schmierstoff für Beziehungen:: Forscher gehen auch davon aus, dass die romantische Liebe keine Emotion ist, sondern grundsätzlich nur dazu dient, die Fortpflanzung zu fördern und uns dabei psychologisch zu helfen.
  • Sex ist wichtig, aber: Die Antwort darauf, wie wichtig Sex für die Partnerschaft ist, lautet bei der Mehrheit: Sex ist zwar immer bedeutend, aber nicht sehr wichtig. Nur für 16 Prozent hat er eine überragende Bedeutung, für sechs Prozent ist er überhaupt nicht wichtig.
  • Ganz ohne? Geht nicht: Einer GfK-Umfrage zufolge können sich 71 Prozent der Befragten eine Beziehung ohne Sex nicht vorstellen. 86 Prozent der 16- bis 59-jährigen Männer und ebenso viele der 16- bis 49-jährigen Frauen wüschen sich Erotik in ihrer Beziehung möglichst bis ins hohe Alter.
  • Gewohnheitssache: Statistisch gesehen hat ein normales Paar nach 10 Beziehungsjahren etwa 500 bis 1000 Mal Sex hinter sich. In dieser Zeit hat sich der Körper so an die Reize des anderen gewöhnt, dass sie ihn nicht mehr umwerfen können. Untersuchungen haben gezeigt, dass sowohl Männer als auch Frauen nicht mehr stark auf das Bild des langjährigen Partners reagieren – auf die von Wildfremden dafür umso mehr.
  • Guter Sex wird Studienfach: Welche Bedeutung Sex hat, lässt sich auch daran ablesen, was sich gesellschaftlich entwickelt. So bietet beispielsweise die Hochschule Merseburg in Kooperation mit einem schweizerischen Institut für Sexualtherapie einen neuen Masterstudiengang an: »Angewandte Sexologie« richtet sich vor allem an Psychotherapeuten, die Paare beraten wollen. Inhaltlich geht es um »die wissenschaftliche Analyse der sexuellen Verhältnisse zur Wahrung und Durchsetzung sexueller und reproduktiver Selbstbestimmung und damit verbundener Rechte.«
  • Treue, Treue über alles: Die meisten Deutschen halten Treue in der Liebe für besonders wichtig. Womöglich geht es hier aber eher ums Wollen, als ums Können: Wer dauerhaft treu sein will, müsse sich für einen Menschen entscheiden, auch wenn dieser nicht immer dem Idealbild entspreche, sagt Wolfgang Krüger. Man trifft eine bewusste Entscheidung für diesen Menschen, zu der man auch steht, wenn die Versuchung einen ereilt und man sich manchmal doch fragt, ob man die richtige Wahl getroffen hat.
  • Liebe + Leidenschaft = eine Ending Story: Der Liebesrausch am Beziehungsanfang hat biochemische Gründe, erklärt Gerti Senger in »Schattenliebe«. Das Molekül PHEA (Phenylethylamin) löse einen ekstatischen Zustand der Verliebtheit aus. In dieser Verfassung sei man beinah immun gegen andere Versuchungen. Nach zwei bis vier Jahren lasse die Wirkung des PHEA nach, die emotionale Erregung nehme ab. Endorphine würden dann übernehmen und Gefühle der Sicherheit, der Geborgenheit und des Friedens dominieren. Der stimulierende Effekt der körpereigenen Droge PHEA ist nicht auf Ewigkeit angelegt, was das allmähliche Verschwinden der Leidenschaft in Langzeitbeziehung erklären kann.
  • Liebe ist die Summe der Emotionen: Sex nur ein Faktor dabei. Er dient dazu, Intimität herzustellen und eine Bindung zu schaffen, wichtiger sind aber das Zugehörigkeitsgefühl und die Sicherheit, die eine feste Beziehung gibt.
  • Sex ist mehr: In einer Partnerschaft übernimmt er viele Funktionen, Umfragen zeigen, dass Männer und Frauen Sex auch brauchen, um die eigene Weiblichkeit bzw. Männlichkeit zu bestätigen. Sexuelle Aktivität wird eng verbunden mit dem Gefühl, begehrt zu werden und sinnlich zu sein.
  • Andere Paarformen, andere Treuevorstellungen: Offene Beziehungen sind Beispiele für eine andere Art, Treue zu (er-)leben. Sie seien eine wunderbare Spielwiese für ernsthafte Begegnungen, das meinen Cornelia Jönsson und Simone Maresch. Die Autorinnen und bekennende Polyamoristinnen zählen in ihrem gleichnamigen Buch 111 Gründe, offen zu lieben auf. »Man kann jederzeit einfach anfangen, offen zu lieben. Dabei muss man nichts lernen außer: Bloß, weil mein Partner jemanden anderes als mich auch liebt/begehrt/mag, ändert das nichts an seiner einzigartigen Liebe zu mir.« sagt Cornelia Jönsson. Sie sieht offenes Lieben als beziehungsfördernd, weil dadurch jeder sich selbst treu bleiben kann: »Offenes Lieben bedeutet, den Kontakt zu einem Menschen nicht so sehr von meinen Bedürfnissen oder seiner Funktion abhängig zu machen und dann erscheint für mich Ewigkeit wahrscheinlicher. Ich kann mir schwer vorstellen, niemals mehr einen anderen Menschen als meinen Mann zu begehren. Wenn ich aber weiß, meine Liebe zu und mein Begehren von anderen beendet nicht die Beziehung zu meinem Mann, dann kann ich guten Gewissens zu ihm sagen, dass ich für immer mit ihm zusammen sein möchte, komme da, was wolle.«
  • Zu wenig Sex erzeugt Beziehungsstress: 36 Prozent der Männer und 35 Prozent der Frauen, die nur einmal in der Woche Sex haben, stürzen sich in die Arbeit, um ihren Sexfrust zu kompensieren, ermittelte Theratalk. Der Mangel an Sex erzeugt Stress, fanden die Forscher heraus. Manch einer kompensiert das, indem er sich Anerkennung woanders holt, etwa im Job. Das kann sich gegenseitig verstärken: Stress wirkt sich negativ auf das Sexleben aus, der Sexmangel wiederum erhöht den Stresspegel.
  • Sexfrust ist der Hauptauslöser für Untreue: Zu diesem Ergebnis kommt die Theratalk-Studie. 76 Prozent der Männer und 84 Prozent der Frauen, die fremdgegangen sind, nennen sexuelle Defizite in der Partnerschaft als Hauptgrund für ihren Seitensprung. Damit ist sexuelle Unzufriedenheit der häufigste Grund für einen Seitensprung.
  • Liebe pur: Für viele Paare ist Sexlosigkeit durchaus vorstellbar oder sogar eine lebenswerte Partnerschaftsform. Jeder Dritte könnte sich vorstellen, eine Beziehung ganz ohne Sex zu führen, ergab die Umfrage einer Frauenzeitschrift. Eine Studie ermittelte sogar, dass Paare ab Ende 60 oft ihre Sexaktivität ganz einstellen, auch wenn sie zuvor ein erfülltes Erotikleben hatten. Gerade mit zunehmendem Alter und Dauer der Beziehung kann Sex in den Hintergrund, Geborgenheit dafür in den Vordergrund treten – sind beide Partner damit zufrieden, spricht nichts dagegen.
  • Untreue macht nicht jede Liebe kaputt: Paare gehen sehr unterschiedlich mit Fremdgehen um. Was die Untreue in der Beziehung bewirkt, hängt auch davon ab, wie zerstörerisch sie erlebt wird. Der Paartherapeut Roland Kopp-Wichmann schreibt in Fremdgegangen – Wege aus dem Chaos, es gebe eine Art Skala, auf der sich das abmessen lasse. Partner würden umso verletzter reagieren, je näher die dritte Person ihnen steht, je abhängiger sie sich emotional vom Partner fühlen, je länger die Affäre dauert, je raffinierter sie geplant wurde und je mehr der Partner mit dem Dritten sexuell oder emotional erlebt.

Fazit: Wie viel steht´s für die Treue? Das ist Ihre Ansichtssache!

Schauen wir doch mal zurück: Dass es Liebe und Sex im Doppelpack geben könnte, ist eine Erfindung des 20. Jahrhunderts. Ehen etwa waren bis dahin praktische Zweckgemeinschaften, die nicht aus Liebe oder Leidenschaft zustande kamen, sondern verschiedenen Zwecken dienten: der Familiengründung, der Sicherheit, der Versorgung. Erst als sich die ökonomischen Grundbedingungen änderten, kam der Anspruch, Partnerschaften sollten vor allem als Liebesbeziehungen Erfüllung bringen. Treue wurde plötzlich ein kostbares Gut, das nicht mehr materiellen oder ökonomischen Zwängen untergeordnet wurde, sondern auf Freiwilligkeit beruhte.

Heute können wir unseren Partner frei wählen, darum setzen wir andere Maßstäbe an als unsere Vorfahren – und wollen am liebsten alles: Liebe, Sex und Treue. Für Letzteres müssen wir uns heutzutage bewusst entscheiden, denn sie wird uns nicht mehr von außen als Zwang auferlegt. Und wer die Wahl hat, hat oftmals die Qual: Sie müssen selbst definieren, was Ihnen am Wichtigsten ist.

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