Professor Franz Josef Wetz im Interview

»Untreue sollte man eher loben als verdammen«

Ein Interview mit Professor Franz Josef Wetz

Sollte man die Untreue eher loben, anstatt sie zu verdammen? Ja, sagt Franz Josef Wetz. Denn Liebe und Lust sind endlich, das Begehren aber nicht. Mit der Zeit, so der Philosophieprofessor, würde in jeder Partnerschaft das Feuer der Leidenschaft nur noch auf kleiner Flamme köcheln. Und dann wird eben auch die Sache mit der Treue zunehmend schwerer. Das ist so. Also sollten wir das Beste daraus machen: nämlich die Untreue in der Liebe akzeptieren.

Buchcover: Lob der Untreue: Eine UnverschämtheitKeine Liebe ohne Lüge, keine Beziehung ohne Betrug – Franz Josef Wetz bricht für die gemeinhin als Untugend geschmähte Untreue eine Lanze. In seinem großartigen Buch Lob der Untreue empfiehlt er ganz ohne Scham: Um der Liebe willen sollten wir Seitensprünge und Affären dem Partner lieber verheimlichen, als einem auf den ersten Blick zwar hehren, auf den zweiten Blick jedoch recht heuchlerischem Offenheitskult zu frönen.

Eine heimliche Liebschaft kann sogar neuen Schwung in das Beziehungsleben bringen, sofern wir verantwortungsvoll damit umgehen. Nämlich genießen – und schweigen. Franz Josef Wetz, der seit 1994 an der Pädagogischen Hochschule in Schwäbisch Gmünd Philosophie lehrt, ermuntert uns zu einer neuen Sexkultur, die offener, ehrlicher und letzlich befriedigender sein kann.

Wir haben mit Professor Franz Josef Wetz über die sachliche Seite der Liebe, den Konflikt zwischen Kultur und Begehren und die Lust im Leben gesprochen.

Seitensprung-Fibel.de: Lieber Herr Professor Wetz, vielen Dank für dieses Buch! Sie rollen ein delikates Thema mal von einer anderen Seite auf – wie kam es dazu?

Professor Franz Josef Wetz: Meine eigene Lebenserfahrung, zahlreiche Gespräche mit Freunden und Bekannten, der aufmerksame Blick in die Welt und die neuesten Erkenntnisse der Botenstoff- und Hirnforschung – dies alles motivierte mich, ein solches Buch zu verfassen, in dem das traditionelle Konzept einer Zweierbeziehung in Frage gestellt, so manche Heimlichtuerei im normalen Beziehungsalltag als verständlich gerechtfertigt und eine experimentierfreudigere Sexkultur empfohlen wird.

Seitensprung-Fibel.de: Sie sind Philosoph – und werfen einen ziemlich nüchternen Blick auf das moderne Beziehungsleben. Monogamie, schreiben Sie etwa, münde stets in Monotonie. Macht es uns glücklicher, wenn wir die Liebe so sachlich betrachten?

Professor Franz Josef Wetz: Nicht unbedingt! Aber so ist es nun einmal, ob wir es uns eingestehen wollen oder nicht. Und jeder macht sich etwas vor, der das bestreitet. Wenn man sehr oft Sex mit demselben Partner hatte, mit dem man vermutlich auch die Wohnung teilt, so dass man jeden Morgen an seiner Seite aufwacht, dann werden bestimmte Neurotransmitter und Hormone, die für Erregung und Ekstase sorgen, nicht mehr aktiviert oder freigesetzt. Machtlos müssen wir nach einer gewissen Weile zusehen, wie zunächst das Kribbeln im Bauch und dann das Begehren des Partners beinahe ganz einschläft. Das ist ernüchternd, nicht sehr schön und wirft Fragen auf, denen wir gerne ausweichen, weil wir nicht wissen, wie wir damit umgehen sollen.

Seitensprung-Fibel.de: Ist Ihr Buch ein Plädoyer für mehr Lust im Leben oder eher eine Bestandsaufnahme der Liebeslage im Lande?

Professor Franz Josef Wetz: Genau genommen beides.

Seitensprung-Fibel.de: Zu einer neuen Sexualitätskultur gehöre ein offenerer Umgang mit Seitensprüngen, schreiben Sie. Wie kann diese Offenheit aussehen?

Professor Franz Josef Wetz: Zunächst: Häufig stehen Eifersucht und Verlustangst größerer Offenheit entgegen. Eifersucht ist eine fragwürdige biologische Neigung. Allerdings hat die Kultur noch nie ernsthaft versucht, sie zu entschärfen. Im Gegenteil haben Konventionen und Regeln sie immer nur befördert und angeheizt, obwohl sie im Laufe der Geschichte zu viel Leid und unnötigem Schmerz beigetragen hat.

Im Zustand der höchsten Verliebtheit kann ich Eifersucht aber durchaus nachvollziehen, es steckt auch Wertschätzung darin. Wenn aber die starke Verliebtheit nach einiger Zeit abebbt und immer noch Eifersucht stark vorherrscht, hat das mit Wertschätzung nichts mehr zu tun, sondern mit kontrollierender Besitzgier. Da wir uns aber schwer tun, diese Besitzgier wegen der angenehmen Alltagsgewohnheiten, Verlustängste und Ähnlichem zu überwinden, werden wohl viele Seitensprünge weiterhin im Verborgenen stattfinden. Und das ist auch in Ordnung. Für mich schließt die Achtung vor der Partnerin oder dem Partner ohnehin ein, dass sie oder er Geheimnisse haben kann. Würde man dem Partner seine Geheimnisse lassen, könnte es Heimlichtuerei nicht mehr geben.

Wünschenswert wäre aber natürlich eine offene Beziehung, in der beide gelernt haben, dass ein One-Night-Stand oder eine Affäre noch nicht das Ende ihrer Partnerschaft bedeuten muss. Wenn eine Beziehung als Lebenspartnerschaft gut funktioniert, man sich gut versteht, einander gern hat, müssen Seitensprünge und Affären kein Trennungsgrund sein. Es bedeutet doch nur, dass die oder der andere noch etwas ausleben möchte, was sie oder er mir vielleicht nicht (mehr) geben kann.

Das selbstquälerische monogame Versprechen ist jedenfalls nicht der beste Weg. Man kann sich darüber verständigen: Wollen wir jetzt eine mehr oder weniger diskrete offene Beziehung führen? Diskret heißt hier soviel wie: Man weiß von irgendwelchen Seitengeschichten, aber man weiß nichts Näheres darüber. Wenn man erst einmal mitbekommen hat, dass eine Affäre an der Substanz der Beziehung nicht rüttelt, ist alles nicht mehr so problematisch. Schwierig wird es erst, wenn eine Parallelbeziehung entsteht. Dann steht man möglicherweise irgendwann am Scheideweg, jedenfalls verkomplizieren sich die Verhältnisse jetzt ...

Seitensprung-Fibel.de: Sie schreiben über die Bedeutung des Körperkults in unserem Liebesleben – hat womöglich jemand, der nach gängigen Vorstellungen weniger attraktiv ist, mehr Veranlassung zur Treue?

Professor Franz Josef Wetz: Tendenziell ja, aber nicht notwendigerweise. Auch wer weniger attraktiver ist, kann natürlich für andere eine erotische Ausstrahlung besitzen; nur wer nach gängigen Vorstellungen gar nicht attraktiv ist, der wird wohl nicht so viele Gelegenheiten zur Untreue auf nicht kommerziellem Wege bekommen.

Seitensprung-Fibel.de: Sie behaupten, unsere liberale Sexkultur sei unvereinbar mit unserem Begehren und führe zu verheimlichten Affären oder eintönigen Sexualpraktiken. Wie kommen wir aus dieser Nummer am elegantesten raus?

Professor Franz Josef Wetz: Zunächst zur Erläuterung dieser These. Ich vergleiche die Kultur gerne mit einem Trinkbecher. Vereinfacht gesprochen: Jede Kultur besteht aus Regeln, welche das friedliche und freie Zusammenleben der Menschen ordnen und den Einzelnen vor den anderen und sich selbst schützen sollen. Das ist sinnvoll. Man muss sich ja nur vorstellen, was es bedeuten würde, wenn wir alle unsere Neigungen immer und überall frei ausleben könnten. Selbst eine liberale Kultur kann offenbar dem menschlichen Begehren nicht völlig gerecht werden. Das heißt im Bilde gesprochen: Wie groß der Kulturbecher auch immer ist, er vermag unser Begehren nicht vollständig zu fassen.

Das bedeutet nun zweierlei: Einerseits führen die kulturellen Einengungen zu einem gehemmten Sexual- und Beziehungsleben; der Kulturbecher verhindert gewissermaßen das ekstatische Überschäumen. Andererseits suchen die gestauten Triebenergien dennoch häufig Schleichwege, auf denen sie sich heimlich ausleben können; das Verlangen nach Wollust, Ekstase, der vollen Intensität des Lebens schwappt gleichsam über. Oft ereignen sich solche heimlichen Ausbrüche bloß in der Fantasie, inspiriert durch Romane, Bilder und Filme. Aus dieser prekären Situation gibt es keinen widerspruchsfreien Ausweg. Denn es steckt einfach zu viel schmutzige Wollust im Begehren, als dass die öffentliche Ordnung es ungeingeschränkt zulassen und die Bürger aufs Geratewohl den verlockenden Abgründen ihrer Lüste überlassen könnte. Sowohl der Einzelne als auch die Gesellschaft benötigen Regeln, welche die hemmungslosen Impulse der animalischen Begierde eindämmen. Diese können deshalb oftmals nur zeitweilig abgebremst und heimlich ausgelebt werden. Dies ist sicherlich nicht die Lösung des Konflikts zwischen Kultur und Begehren, die es meines Erachtens gar nicht gibt. Dies ist nur eine Schlichtung des Konflikts zwischen Kultur und Begehren, und einen Konflikt schlichten heißt: Man arrangiert sich irgenwie!

Seitensprung-Fibel.de: Erotischer Analphabetismus sei heutzutage weit verbreitet, sagen Sie. Was verstehen Sie darunter?

Professor Franz Josef Wetz: Das Gegenteil von erotischem Analphabetismus ist eine experimentierfreudige Kunst des Begehrens, die einesteils die starke Fixierung auf die Genitalien aufgibt, andernteils den dunklen Seiten unserer Leidenschaft größere Geltung verschafft. Guter Sex ist mehr als nur Vagina, Klitoris und Penis. Ein gelungenes Liebesspiel setzt außer verantwortbarer Hemmungslosigkeit und verfeinerten Spieltechniken auch eine einfühlsame Verzögerung des Höhepunkts voraus. Sexualität ist eine gestaltende Kraft mit der Möglichkeit, den Körper als potenzielle Quelle einer Vielzahl von Lüsten zu gebrauchen.

Doch viele beherrschen nicht die Kunst, den gesamten Körper zu erotisieren. Sie haben sie nie gelernt, auch nicht den Einsatz von Intensifikatoren, wie man Sexspielzeuge nennen könnte. Es ist ein altes Vorurteil, es sei eine einfache Aufgabe, sich beim Sex gut zu amüsieren. Klaviertasten drücken kann jeder, Klavier spielen nicht! Das muss man erst lernen. Warum sollte es in sexuellen Dingen anders zugehen? Auch Sex ist eine Kunst, teilweise sogar eine Handwerkskunst.

Seitensprung-Fibel.de: Und wie können wir Ottonormalverbraucher in Sachen Sex und Erotik zu einer neuen Sprache finden?

Professor Franz Josef Wetz: Ganz einfach: Indem man einfach anfängt, mit seinem Partner über seine geheimen sexuellen Fantasien, Sehnsüchte, Wünsche, Experimentiergelüste zu sprechen. Man sollte ausprechen, worauf man Lust hat, und es dann mal gemeinsam ausprobieren, und wenn es fehlschlägt, darüber lachen können, es dann sein lassen oder noch einmal versuchen, wenn man weiterhin daran interessiert ist. Und wenn der Partner blockiert, dann sollte man behutsamer und spielerischer vorgehen. Zunächst müsste man sich aber erst einmal selbst über das eigene Begehren klar werden. Ich weiß, das sagt sich alles so leicht, und dann sind es auch noch Gemeinplätze, die ich hier formuliere, aber Gemeinplätze sind ja deshalb Gemeinplätze, weil sie tatsächlich den Weg zu den gesuchten Zielen zeigen. Wir müssen uns nur trauen, ihn zu gehen.

Lieber Professor Franz Josef Wetz, wir danken Ihnen herzlich für dieses Gespräch!

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