Seite empfehlen  |   Mitglieder Login » 
»

Apokalyptische Reiter Teil 4: Machtspiele und Einsamkeit
Advent Special – Die VIER apokalyptischen Reiter

Mit Ängsten und Altlasten spielen

Sie fürchten, demnächst Ihren Job zu verlieren. Ihre Partnerin weiß das. Nun tüfteln Sie seit einer Weile an einem Geschäftsmodell, mit dem Sie sich selbständig machen möchten, um unabhängig von Ihrem Arbeitgeber zu werden. Sie sprechen mit Ihrer Partnerin darüber. Sie ist verständnisvoll, unterstützt Sie, redet Ihnen gut zu, motiviert Sie. Wunderbar.

Wenn da nicht diese kleinen, merkwürdigen Nebensätze wären. »Und wenn’s nichts wird, können wir immer noch meine Eltern um Geld bitten, sie sagen ja immer, wir sollen uns keine Sorgen machen.« Oder »auch wenn du nicht so der Cheftyp bist, du wächst bestimmt schnell in die Rolle rein.« Noch doppelbödiger: »Also, ich hab gelesen, dass mit dieser Idee schon einige baden gingen, aber du schaffst das bestimmt, Schatz.«

Übersetzen wir das mal. »Meine Eltern halten dich für einen Versager und wären nicht überrascht, wenn wir sie anpumpen müssten. Deine Führungsqualitäten sind nicht existent, du bist ein Weichei, und zu glauben, dass deine Idee funktioniert, ist absurd.«

Ihre Partnerin hat mit wenigen Sätzen Ihr Selbstbewusstsein untergraben, obwohl sie Ihnen mit freundlichem Gesicht und scheinbar unterstützend gegenübersitzt! Paradoxe Botschaften nennt man so etwas. Die fieseste Machtdemonstration überhaupt. Weil man sie zuerst nur spürt, aber nicht klar benennen kann. Wer hat schon ständig ein Wörterbuch für die verschlüsselten Attacken apokalyptischer Reiter neben sich liegen?

Klassische Themen, mit denen zwecks Machtdemonstration gespielt wird, sind berufliche oder finanzielle Ängste, sexuelle Versagensängste, gerne auch in Kombination mit Eifersucht und das Vertrauen in nahestehende Freunde oder Verwandte.

Auch immer gerne genommen: uralte Kamellen, frisch aufgewärmt. Ein Streit, der schon Jahre her ist, eignet sich prima als Machtdemonstration. Wahlweise auch ein Seitensprung. Die Botschaft des Aufwärmens lautet hier: »Ich habe dir zwar damals verziehen, aber scheiße war es trotzdem von dir. Also sorge ich ab und zu mal dafür, dass du es nicht vergisst und dich immer wieder mir gegenüber schuldig fühlst.« Auf diese Weise können Sie Ihren Partner sekundenschnell jeden Wind aus den Segeln nehmen und dafür sorgen, dass er sich richtig schlecht fühlt. Sehr unfair.

Jeder, wirklich jeder ist hier angreifbar. Nicht von außen. Aber von demjenigen, mit dem er sein Leben teilt, und der alle Ängste und Altlasten des Anderen genau kennt. Das Wissen um Unsicherheiten und Ängste auszunutzen, ist eine vernichtende Machtdemonstration und führt, wenn sie sich als fester Bestandteil in der Beziehung etabliert, zu deren Ende. Weil der einzige Schutz gegen derartige Verletzungen ein konsequentes Abblocken aller Emotionen ist. Kein vorübergehender Mauerbau, sondern der finale Rückzug. Allerdings nicht sofort. Sie ahnen, worauf es hinausläuft, oder?

Streicheleinheiten von außen als Balsam für die Seele

Ob per Internet oder im Reallife, plötzlich begegnet Ihnen ein Mensch, der so ganz ohne Machtspielchen auszukommen scheint. Mit dem Sie nur schöne, stressfreie Gespräche führen. Ohne bedrückende subtile Aggression, keine gehässigen Unterströmungen. Da ist nur liebevolles Interesse und natürlich ein erotisches Knistern. Ein fremder Mensch findet Sie toll, ist gerne in Ihrer Nähe, stellt Fragen, hört zu, lacht ausgelassen und unbeschwert mit Ihnen, sagt irgendwie immer das Richtige. Sie erleben also genau das, was die apokalyptischen Reiter erfolgreich aus Ihrer Beziehung vertrieben haben! Die idealen Bedingungen für eine nette, kleine erotische Affäre. Natürlich wissen Sie, dass das nicht die große Liebe sein kann. Aber die Kompensation eines Defizits. Es fühlt sich doch soooo gut an. Und ist eine weitere Machtdemonstration Ihrem Partner gegenüber. Botschaften: Ich brauche dich nicht. Dein Bedürfnis nach Treue und Offenheit ist mir egal, ich boykottiere es. Und ich weide mich an deiner Unsicherheit. Vielleicht rede ich dir sogar ein, du siehst Gespenster, wenn du mir auf die Schliche kommst ...

Auch wenn das jetzt nach Spielverderber klingt: lassen Sie’s. Es wäre ein Pflaster auf Ihrer wunden Seele, aber gleichzeitig auch der Todesstoß für Ihre Beziehung. So komisch es klingt, aber eine »gesunde« Beziehung verkraftet einen kleinen Seitensprung viel besser als eine, in der die apokalyptischen Reiter ungehindert ein- und ausgehen und die Beziehungsbasis vergiften.

Liebe braucht keine Machtspielchen

Wirken Sie unbedingt rechtzeitig dagegen, wenn Sie diese Tendenzen bei sich beobachten! Auch wenn sie noch nicht so ausgeprägt sind wie in unseren Beispielen.

Ihre Partnerin ist eifersüchtig? Weil sie vielleicht in der Vergangenheit einmal Grund dazu hatte? Gehen Sie nicht darüber hinweg. Natürlich können Sie ihr diese Ängste nicht nehmen. Aber Sie können sich authentisch und liebevoll verhalten und sie so nicht noch weiter anfachen. Gerade jetzt, wo vielleicht Überstunden, Firmenfeiern oder ungeplante Termine anstehen. Reden Sie darüber. Ganz besonders dann, wenn Sie spüren, dass dieser fiese, gemeine Zorn in Ihnen hochkocht. Statt also das Auto zu blockieren oder (im umgekehrten Falle) eine Geschäftsidee mieszureden, sprechen Sie über das Gefühl dahinter! »Schatz, ich weiß, das kommt jetzt plötzlich, aber wir müssen reden. Hier läuft grade zwischen uns ein ganz doofes Machtspielchen ab, das will ich nicht.«

Ja, das auszusprechen, erfordert Mut. Probieren Sie es! Ohne Dramatik, ohne Geschrei. Es könnte sein, dass Sie eine Überraschung erleben. In dem Moment, wo Machtgelüste und sich anbahnende Machtdemonstrationen laut formuliert werden, lösen sie sich nämlich meist spurlos in Luft auf. Dieser vierte apokalyptische Reiter verkrümelt sich ganz schnell, wenn Sie ihn beim Namen nennen. Und Sie können sich in aller Ruhe auf Augenhöhe mit dem tatsächlichen Problem beschäftigen. Ob es sich dabei um ein verzerrtes Rollenverhalten handelt, um Alltagszwänge oder nur um die Autonutzung, werden Sie dann feststellen.

Übrigens: Eltern und Schwiegereltern bilden klassische Macht-Instanzen. Ein Grund, warum es bei vielen Familientreffen zu Weihnachten so gezwungen zugeht. Aber wenn Sie beide innerhalb Ihrer Partnerschaft damit aufgeräumt haben, kann Ihnen auch von außen keiner etwas auf dieser Ebene anhaben. Und Sie werden etwaige Sticheleien von dieser Seite ganz locker wegstecken. Allein deshalb lohnt es sich, darüber zu reden. Wie wäre es gleich nachher?

zurückSeite 9/11vor

pdf   Als PDF speichern    drucken  drucken    weiterempfehlen   versenden      kommentieren
11 Gründe für den Ausbruch
Gründe für den Seitensprung
Wer selbstkritisch und mutig genug ist, die Gründe für's Fremdgehen unter die Lupe zu nehmen, kann mit dem Thema Seitensprung vielleicht nicht unbedingt entspannter umgehen, aber auf jeden Fall bewusst und konstruktiv über den Status Quo der Beziehung nachdenken. Artikel lesen
Eine Affäre als Beziehungsretter?
Seitensprung als Chance
Eine Affäre muss nicht immer das Ende einer Partnerschaft bedeuten, meint die Paarpsychologin Mira Kirshenbaum. Eine Affäre kann eine Möglichkeit für einen Neuanfang sein. Artikel lesen
Kommentare
Sie dürfen die vorhandenen Kommentare nicht lesen. Bitte LOGGEN Sie sich ein oder REGISTRIEREN Sie sich kostenlos.


Booby || 24.09.2011 19:08:40
Bin mehr zufällig auf diese gestoßen und irre überrascht. Also dieser Artikel über die Kumpanen hoch zu Roß ging mir schon ziehmlich nahe. Natürlich ist mir der Eine oder Andere schon begegnet, warum sonst sollte ich mich auf dieser Seite umsehen. Anfangs um mir Infos über einen eventuellen Seitensprung zu holen.
Doch nun hat sich das Blatt entschieden gedreht. Ich bin davon überzeugt, wenn etwas gibt, wofür es sich zu "kämpfen" lohnt, dann die Beziehung zu meiner Frau. Nicht zuletzt, da wir eine gemeinsame Tochter haben. Bin selbst ein Scheidungskind und schwor mir: "Deine Kinder sollen sowas nicht durchmachen!"
Vielen Dank an die RedakteureInnen für diesen Artikel und der Leuterung. Auf in den "Kampf". Ich reite selbst gern, die können was erleben :)
[Gast] Ben || 13.12.2009 12:42:47
Hallo,
ich habe das Buch von Bas Kast selbst gelesen, und musste leider feststellen, dass die hier vorgestellten apokalyptischen Reiter sich auch in mein Leben eingeschlichen haben. Ich kann das Buch wirklich jedem nur wärmstens empfehlen. Meiner Beziehung hat es geholfen, ein Umdenken provoziert.
Wichtig ist, dass auch ein Umdenken auf beiden Seiten – insbesondere in der gemeinsamen Kommunikation passiert, denn nur das Wissen über die apokalyptischen Reiter rettet keine Beziehung...
Meiner Meinung nach, bringt die folgende Zusammenfassung die unterschiedlichen Phasen einer „gefährdeten“ Beziehung sehr prägnant auf den Punkt:

Phase 1: Man hat das Gefühl, dass Probleme in der Partnerschaft schwerwiegend und unlösbar sind

Phase 2: Man sieht keinen Sinn mehr, die Probleme mit dem Partner zu besprechen

Phase 3: Man lebt zwar zusammen, aber nicht mehr miteinander. Jeder macht sein eigenes Ding. Es gibt nur noch wenige Sachen, die sie gemeinsam machen.

Phase 4: Man ist einsam zu zweit, fühlt sich unverstanden, allein und isoliert

Bei der vierten Phase sehnt man sich nach Aufmerksamkeit und Nähe. An diesem Tiefpunkt angelangt, sucht man die fehlende Nähe außerhalb der Partnerschaft. Affären und Seitensprünge sind die Folgen.
[Gast] Peter || 08.12.2009 14:23:34
Toller Artikel! Ich lese hier immer wieder gerne, weil jeder Artikel fundierten Inhalt mit sich bringt...
[Gast] U2CanDo || 05.12.2009 22:51:36
Wow, habe den Artikel mit großem Interesse gelesen, echt super und einfach genial!!! Ich fand mich in manch einer darin beschriebenen Situation wieder. Ja, ja, ja… ich könnte sogar mit Bestimmtheit sagen, der erste Reiter hat sich schon zuweilen in unserer Ehe ganz schön viel Raum eingenommen und die Fronten verhärtet. Wie hilfreich solche Tipps sind, wie in diesem Artikel beschrieben, kann ich nur aus eigener Erfahrung bestätigen.
Warte schon gespannt auf den nächsten interessanten Artikel. Ihr seid klasse! Endlich eine Seite die Fachkompetenz aufweist. Macht weiter so. Großes Kompliment an die Redaktion.

Benachrichtige mich über weitere Kommentare. E-Mail-Adresse:
mehr zum Thema

Startseite  |   Wir über uns |  News |  Links |  Archiv |  Datenschutz  |  Kontakt  |   Impressum  |   RSS-Feeds abonnieren RSS-Feed abonnieren