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Apokalyptische Reiter Teil 1: Warum Kritik weh tut
Advent Special – Die VIER apokalyptischen Reiter

Kritik provoziert Verteidigung

Konnte sich die Kritik erst einmal als Bestandteil Ihrer Kommunikation einnisten, entwickeln sich fiese Mechanismen. Sie laufen (spätestens nach der dritten Wiederholung) wie ein einstudiertes Rollenspiel ab – unabhängig vom Thema, um das es tatsächlich geht! Ob nun Weihnachtsstress, Sexleben, Urlaubsplanung oder Finanzen, Sie werden immer wieder in der Kritik-Verteidigungs-Spirale landen.

Um beim Organisationswahn-Beispiel zu bleiben: Ihre Partnerin wird Ihnen erbittert eine Antwort entgegenfauchen, noch bevor Sie Ihre Kritik fertig formuliert haben. Weil die Abläufe ja bekannt sind und rein vorsorglich schon mal die Verteidigungshaltung eingenommen wird.

Zum Beispiel: »Ja klar, ich muss mich ja immer um alles kümmern, du machst es ja nie! Wenn’s nach dir ginge, bekäme keiner unserer Verwandten eine Karte, und Essbares hätten wir am 25.12. auch nichts mehr im Haus. Bau du erstmal das angefangene Regal im Keller fertig, bevor du mich anmeckerst!«

Die Kritik provoziert also Verteidigung in Form von Gegenkritik. Die natürlich ebenso übertrieben, unfair und schädlich für Ihre Beziehung ist wie der erste Teil.

Gleichzeitig wird noch ein kleiner Nebenkriegsschauplatz eröffnet. Sie wiederum lassen das natürlich nicht auf sich sitzen. Vom Regal im Keller geht es nahtlos zu den Kosten für die Weihnachtskorrespondenz, die nicht erledigte Steuererklärung, den unaufgeräumten Garten, die nervige Nachbarin, Überstunden, und überhaupt, wann hatten Sie eigentlich das letzte Mal Sex, da läuft es ja auch nicht mehr rund, usw.

Sie halten das für konstruiert? Ist es nicht. Kein Scherz: Das Thema Sex taucht früher oder später in diesen Situationen auf, ohne dass einer von Ihnen das ursprünglich beabsichtigte. Weil es sich so herrlich missbrauchen lässt, um dem Partner einen Dämpfer unter die Gürtellinie zu verpassen. Und weil sich auf Sex-Kritik, noch dazu, wenn sie unerwartet im Streit kommt, nichts erwidern lässt außer Türenknallen und Schweigen. Tun Sie sich und Ihrem Partner das nicht an, sondern ziehen Sie rechtzeitig die Reißleine.

Zauberwort Deeskalation

Ja, in der Hitze des Gefechts rutschen einem schon mal harsche Worte und unüberlegte Eröffnungssätze raus. Auch verletzende Beschimpfungen können mal dabeisein. Es wäre unmenschlich, wenn Sie sich so gut im Griff hätten, dass Ihnen das niemals passiert.

Sie können das Ruder aber noch herumreißen, bevor aus einem unbedachten Satz eine Kriegserklärung wird. Und sagen: »Sorry, ich bin nur grade kurz ausgerastet, weil ich deine meterlange Adressen-Liste gesehen habe. Ich musste heute den ganzen Tag Briefe und Mails beantworten, jetzt brauche ich einfach Ruhe. Außerdem würde ich die Zeit lieber entspannt mit Dir verbringen. Verstehst du das?«

Schneller und einfacher können Sie die Wogen nicht glätten. Mit so schlichten, defensiven Sätzen nehmen Sie den Druck aus der Situation. Kein Gegenangriff, keine Vorwurfs- und Kritikspirale. Sondern eine entspannte Stimmung, in der Sie über die viel wichtigere Frage nachdenken können:

Steckt mehr hinter der Kritik?

Natürlich lieben Sie beide sich. Also vergessen Sie einmal den aktuellen Auslöser Ihres Unmuts. Warum sind Sie so ungehalten? Gibt es etwas an Ihrer Partnerin oder Ihrem Partner, das Sie seit einiger Zeit stört, ohne dass Sie es bisher formuliert haben? Weil Sie dachten, es sei nicht so wichtig? Konnten sich da eventuell Unausgesprochenheiten anstauen, die – natürlich im unpassendsten Moment – ans Tageslicht drängen?

Sollte dem so sein, dann gehört das Thema auf den Tisch. Terminstress hin oder her. Es gibt keinen wichtigeren Termin als ein Beziehungsgespräch. In diesem Falle wäre der weihnachtliche Organisationswahn nämlich austauschbar. Die Situation würde sich anhand einer anderen Begebenheit wiederholen – und der Ton mit jedem Mal schärfer werden!

Gehören solche unschönen Ping-Pong-Dialoge erst einmal zu Ihrem Alltag, geschieht etwas sehr Gefährliches: der zweite apokalyptische Reiter kommt angetrabt und macht sich bei Ihnen breit. Die Verachtung. Ein tödliches Beziehungsgift, welches dank der ohnehin schon existierenden Spannungen schnell und gründlich wirken kann.

Ständig präsente Kritik senkt stückchenweise die Hemmschwelle für Beleidigungen und Herabwürdigungen. Plötzlich ist es für Sie normal, mit den Augen zu rollen, sich gegenseitig ins Wort zu fallen oder sich mit verletzenden Nebensätzen und Anspielungen zu piesacken. Was dann mit Ihrer Beziehung passieren kann, betrachten wir uns im nächsten Teil ...

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Kommentare
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Booby || 24.09.2011 19:08:40
Bin mehr zufällig auf diese gestoßen und irre überrascht. Also dieser Artikel über die Kumpanen hoch zu Roß ging mir schon ziehmlich nahe. Natürlich ist mir der Eine oder Andere schon begegnet, warum sonst sollte ich mich auf dieser Seite umsehen. Anfangs um mir Infos über einen eventuellen Seitensprung zu holen.
Doch nun hat sich das Blatt entschieden gedreht. Ich bin davon überzeugt, wenn etwas gibt, wofür es sich zu "kämpfen" lohnt, dann die Beziehung zu meiner Frau. Nicht zuletzt, da wir eine gemeinsame Tochter haben. Bin selbst ein Scheidungskind und schwor mir: "Deine Kinder sollen sowas nicht durchmachen!"
Vielen Dank an die RedakteureInnen für diesen Artikel und der Leuterung. Auf in den "Kampf". Ich reite selbst gern, die können was erleben :)
[Gast] Ben || 13.12.2009 12:42:47
Hallo,
ich habe das Buch von Bas Kast selbst gelesen, und musste leider feststellen, dass die hier vorgestellten apokalyptischen Reiter sich auch in mein Leben eingeschlichen haben. Ich kann das Buch wirklich jedem nur wärmstens empfehlen. Meiner Beziehung hat es geholfen, ein Umdenken provoziert.
Wichtig ist, dass auch ein Umdenken auf beiden Seiten – insbesondere in der gemeinsamen Kommunikation passiert, denn nur das Wissen über die apokalyptischen Reiter rettet keine Beziehung...
Meiner Meinung nach, bringt die folgende Zusammenfassung die unterschiedlichen Phasen einer „gefährdeten“ Beziehung sehr prägnant auf den Punkt:

Phase 1: Man hat das Gefühl, dass Probleme in der Partnerschaft schwerwiegend und unlösbar sind

Phase 2: Man sieht keinen Sinn mehr, die Probleme mit dem Partner zu besprechen

Phase 3: Man lebt zwar zusammen, aber nicht mehr miteinander. Jeder macht sein eigenes Ding. Es gibt nur noch wenige Sachen, die sie gemeinsam machen.

Phase 4: Man ist einsam zu zweit, fühlt sich unverstanden, allein und isoliert

Bei der vierten Phase sehnt man sich nach Aufmerksamkeit und Nähe. An diesem Tiefpunkt angelangt, sucht man die fehlende Nähe außerhalb der Partnerschaft. Affären und Seitensprünge sind die Folgen.
[Gast] Peter || 08.12.2009 14:23:34
Toller Artikel! Ich lese hier immer wieder gerne, weil jeder Artikel fundierten Inhalt mit sich bringt...
[Gast] U2CanDo || 05.12.2009 22:51:36
Wow, habe den Artikel mit großem Interesse gelesen, echt super und einfach genial!!! Ich fand mich in manch einer darin beschriebenen Situation wieder. Ja, ja, ja… ich könnte sogar mit Bestimmtheit sagen, der erste Reiter hat sich schon zuweilen in unserer Ehe ganz schön viel Raum eingenommen und die Fronten verhärtet. Wie hilfreich solche Tipps sind, wie in diesem Artikel beschrieben, kann ich nur aus eigener Erfahrung bestätigen.
Warte schon gespannt auf den nächsten interessanten Artikel. Ihr seid klasse! Endlich eine Seite die Fachkompetenz aufweist. Macht weiter so. Großes Kompliment an die Redaktion.

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