In diesem Zusammenhang fällt der Unterschied zwischen Beschwerde und Kritik entscheidend ins Gewicht. Wusste Sie, dass das für den Angesprochenen zwei völlig verschiedene Dinge sind, für den Absender aber scheinbar die gleiche Aussage beinhalten?
Vielleicht haben Sie schon einmal vom Klassiker der Paartherapie gehört: Ich-Botschaften und Du-Botschaften zu unterscheiden. Eine Beschwerde ist eine Ich-Botschaft, während Kritik eine klare, offensive Du-Botschaft beinhaltet und an die Basis geht. Oder ganz knapp gesagt: Kritik tut weh. Eine Beschwerde nicht.
Beispiel: Ihre Partnerin ist Perfektionistin. Auch was Weihnachten angeht. Geschenkelisten, Speisefolgen, Einkaufszettel, Dekokram, Postkarten, grafisch gestaltete Mails, alles wird termingenau organisiert.
Ihnen geht das auf die Nerven, weil dadurch jede Menge Stress entsteht. Sie würden gerne alles etwas spontaner und entspannter angehen. Vielleicht haben Sie das auch schon ein paar Mal sachte formuliert, ohne dass Ihre Partnerin darauf eingegangen wäre. Und eines schönen Tages, wenn statt romantischer Feierabendstimmung wieder mal Planungsstress auf dem Plan steht, platzt Ihnen der Kragen. Eigentlich eine Kleinigkeit. Aus der aber ein Riesenstreit entstehen kann.
Kleiner Unterschied, große Wirkung: Beschwerde oder Kritik?
Angenommen, Sie sagen: »Also, dein Organisationswahn ist ja echt nicht auszuhalten, kannst du es endlich mal lockerer angehen lassen? Der Abend ist mal wieder im Eimer, typisch. Immer musst du alles zu Tode organisieren.«Vielleicht machen Sie dazu noch ein entsprechend genervtes Gesicht. Im schlimmsten Falle dürften Sie sich dann gleich ein Köfferchen für die Nacht packen. Denn diese Du-Botschaft ist eine verletzende, unnötig herabwürdigende Charakter-Kritik, an der Sie sich in wenigen Minuten bis zum Bodensatz Ihrer Beziehung entlang hangeln können.
Als Beschwerde formuliert klingt das Ganze schon anders. Zum Beispiel: »Ich finde es toll, dass du dich um all das kümmerst, aber ganz ehrlich, ich fühl mich bei diesem Gewirbel nicht wohl. Ich weiß, dir macht das Spaß, den will ich dir auch nicht verderben. Meinst du, wir kriegen es vielleicht hin, dass uns das Thema nicht jede ruhige Minute bis Heiligabend einnimmt?«
Bei dieser Eröffnung wird Ihre Partnerin nicht gleich an die Decke gehen. Weil eben kein Angriff und keine grundsätzliche Kritik dahinterstecken, sondern lediglich eine situationsbezogene Äußerung. Eine Ich-Botschaft, in der Sie sich mitteilen. Sie sagen, wie Sie sich fühlen. Und formulieren keine Schuldzuweisung, sondern stellen vielmehr eine abschließende Frage, in der Sie das Wörtchen »wir« unterbringen. Schon stehen Sie nicht mehr gegenüber, sondern wieder nebeneinander.
Ein weiterer Unterschied zwischen Kritik und Beschwerde ist das bezeichnete Objekt. Während eine Beschwerde immer auf eine Handlung oder einen Einzelfall bezogen formuliert wird, stellt Kritik eine grundsätzliche Aussage dar. Eine Beschwerde kann also auch als Anregung verstanden werden, während eine Kritik das Gegenüber mundtot macht.
Noch heikler ist dieser Unterschied, wenn es um emotionale Themen wie Sex und Erotik, Gefühle oder Beziehungen zu Freunden und Familie geht. Es gibt wohl niemanden, der hier nicht angreifbar und verletzlich wäre.
Gefährlich: Wenn Kritik zur Gewohnheit wird
Es gibt echte Killer-Formulierungen. Satzanfänge wie »immer machst du«, »nie tust du«, und »mal wieder typisch«. Benutzen Sie diese Begrifflichkeiten auch?Dann sollten Sie darauf achten und sie ersetzen. Das bedeutet nicht, dass Sie sich zensieren und jedes Wort auf die Goldwaage legen sollen. Aber speziell diese kleinen, scheinbar so harmlosen Wörtchen sind echte Tretminen in der Kommunikation.
Mit diesen Pauschalisierungen geben Sie nämlich Ihrem Gegenüber zu verstehen, dass grundsätzlich etwas mit ihm nicht in Ordnung ist. Dass er Schuld an etwas trägt und sich dafür von Ihnen zurechtweisen lassen muss. Und weil das eigentliche Thema dadurch völlig überdimensioniert wird, bekommt es Ihr Gesprächspartner mit der Angst zu tun. Zu Recht. Schließlich lässt eine »Immer-Nie«-Eröffnung darauf schließen, dass eine generelle Unzufriedenheit vorliegt, es also ein grundsätzliches Beziehungsproblem gibt.
Angst, Unsicherheit, Bedrohtfühlen – all das lösen Sie mit diesen winzigen Worten aus. Ein ganz schlechtes Klima für einen liebevollen Dialog! Und was macht jemand, der sich derart in die Enge getrieben fühlt? Er holt zum Gegenschlag aus. Schon haben Sie dem Zwillingsbruder des ersten apokalyptischen Reiters Zutritt zu Ihrer Partnerschaft gewährt: Verteidigung.
















