Woran denken Sie beim Wort »Mauer«? Vielleicht an Berlin oder China? An die historische Stadtmauer Ihres Wohnorts? Oder an das Kommunikationsklima in Ihrer Beziehung?
Wir erinnern uns: Nach Kritik und Verachtung galoppiert der dritte apokalyptische Reiter herbei. Der Arsch mit dem vielsagenden Namen »Rückzug«. Er vertreibt das Gezeter, das Türenknallen und die tränenreichen Gespräche aus Ihrem Beziehungsalltag mit gespenstischer Stille. Warum?
Weil jeder Mensch, der nicht gerade aus Waschbeton besteht, nach einer gewissen Zeit einfach nicht mehr streiten kann. Oder will. Sondern lieber der Auseinandersetzung aus dem Weg geht. Ganz besonders, wenn sie zuletzt von schmerzhafter Verachtung geprägt war. Leider betrifft dieses Thema überwiegend Männer, Ihre Partnerin kann also relativ wenig gegen den großen Rückzug ausrichten. Weshalb viele Frauen aus lauter Frust ihrerseits Mauern errichten.
Menschen bauen Mauern, um sich vor Feinden zu schützen – oder um sich einzusperren. Zieht ein Mann in der Beziehung Mauern hoch, tut er beides: sich einsperren und seiner Partnerin signalisieren, dass sie nicht mehr erwünscht ist. Doch die Stille, die durch den Mauerbau entsteht, ist keineswegs friedlich. Sie ist aufgeladen mit eisiger Gefühlskälte. Die Botschaft des Rückzugs an die Partnerin lautet:
Du bist Luft für mich!
Und das ist übler als jede Türenknall-Auseinandersetzung. Streit wird nicht mehr ausgetragen, sondern vermieden. Damit rückt auch die Chance auf eine Aufarbeitung des zugrunde liegenden, älteren Konflikts in weite Ferne. Der Rückzug bedeutet nicht nur das Ende jeglicher Streiterei, sondern verhindert auch jede emotionale Nähe.Das nachfolgende Szenario liest sich alptraumhaft. Wenn Sie dabei Beklemmungen bekommen: gut so. Denn wo diese Abläufe Normalität sind, trampelt einer der gefährlichsten apokalyptischen Reiter auf dem Allerheiligsten der Beziehung herum.
Beispiel. Sie sitzen in Ihrem Arbeitszimmer. Ihre Partnerin telefoniert mit einer Freundin. Sie hatten beide an diesem Tag viel zu tun und bisher kaum miteinander gesprochen. Dann begegnen Sie sich in der Küche, weil Sie zufällig gleichzeitig etwas aus dem Kühlschrank holen möchten. Sie sprechen über die Gas- und Stromabrechnung, über Winterreifen und den Besuch bei den Schwiegereltern am ersten Wehnachtsfeiertag. Ihre Partnerin druckst ein wenig herum und lässt durchblicken, dass sie etwas auf dem Herzen hat. Ihnen ist überhaupt nicht nach einem Problemgespräch. Dennoch fragen Sie nach, was denn los sei. Ihre Partner fast sich ein Herz und erklärt Ihnen, dass es ihr unangenehm ist, von Ihrer Schwiegermutter ständig danach gefragt werden, wann denn endlich mit Enkelkindern zu rechnen sei. Ihre Partnerin empfindet das als übergriffig und respektlos. Weshalb für sie das bevorstehende Familientreffen mit Unbehagen verbunden ist.
Natürlich spüren Sie genau, dass es Ihrer Partnerin schwer fällt, das Thema anzuschneiden, und dass sie auf Ihre Unterstützung hofft. Andererseits erinnern Sie sich auch, dass Gespräche darüber in der Vergangenheit oft in Streit ausarteten. Weil Ihre Partnerin Sie darum bat, sich klar zu positionieren und Ihrer Mutter Grenzen aufzuzeigen, wenn es darum geht, Fortpflanzungsabsichten beim weihnachtlichen Essen zu erörtern, noch dazu im Beisein der restlichen Familie.
Weil Sie keine Lust haben, sich gegen Ihre Mutter und auf die Seite Ihrer Partnerin zu stellen, gehen Sie dem Thema aus dem Weg. Schon seit einiger Zeit. Bei den letzten Gesprächen taten Sie die Wünsche Ihrer Partnerin noch verharmlosend ab mit »so ist meine Mutter halt, die meint das nicht böse, du nimmst alles immer viel zu persönlich, irgendwie kann man sie ja auch verstehen, in deinem Alter war sie schon zweifache Mutter ...«
In diesem »Wegbügeln« waren bereits die apokalyptischen Ritter Kritik und Verachtung heftig am Werk. Doch nun gehen Sie einen Schritt weiter: Sie lassen Ihre Partnerin stehen. Statt das Thema ernst zu nehmen und sich auf die Seite Ihrer Partnerin zu stellen, tun Sie erst so, als seien Sie gesprächsbereit, lassen Ihre Partnerin dann aber gegen eine Mauer rennen, zucken mit den Schultern und gehen aus der Küche. Wer nichts mehr sagt, macht sich auch nicht angreifbar.
Ihre Partnerin fühlt sich zu Recht im Stich gelassen und von Ihnen verraten. Einzig logische Schlussfolgerung: Sie sind am Fortbestehen der Beziehung nicht mehr interessiert. Ja, so tief geht das! War Ihnen das bewusst?
















