Unserer Buchtipp der Poesie- und Sexualtherapeutin Cornelia Jönsson

111 Gründe, offen zu lieben

Ein Loblied auf offene Beziehungen, Polyamorie und die Freundschaft

Kurzbeschreibung

Wenn Sie schon immer mal wissen wollten, wie es sich polyamourös so liebt und lebt, dann erhalten Sie in dem Buch von Cornelia Jönsson und Simone Maresch unverfälschte Einblicke in ebendieses: den Alltag von Menschen, die sich vom Ausschließlichkeitsdiktat der Liebe freimachen und ein offenes Beziehungskonzept leben. Die Autorinnen, die eine Jahrgang 1958, die andere 1980 geboren, erzählen als bekennende »Polys« von Johannes und Margit, von Annika und Florian, von Cem, von vielen anderen mehr oder weniger Gleichgesinnten, und deren buntem, reichhaltigen Liebesleben. Aus diesem leiten sie 111 triftige Gründe ab, warum offene Beziehungen so überaus lebenswert sind. Und stimmen zugleich ein wunderschönes Loblied auf die Freundschaft in all ihren möglichen Formen an.

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An wen richtet sich diese Buchempfehlung?

  • Für alle, die mit konventionellen Partnerschaftsmodellen hadern und neue Beziehungswege beschreiten möchten
  • Für alle, die Einblicke in offene Beziehungskisten bekommen möchten
  • Für Viellieber, Mehrlieber und Experimentierfreudige
  • Für polyamourös L(i)ebende und solche, die es gerne werden wollen
  • Für neugierige Männer und Frauen. Für offene, tolerante, wissbegierige Leser

Erkenntnisse aus diesem Sachbuch

Was sich liebt, das mehrt sich: Offene Beziehungen sind eine wunderbare Spielwiese für ernsthafte Begegnungen. Neue Menschen haben das Potenzial, Bereicherung zu sein, Anstöße zu geben, Wachstum voranzutreiben, neue Schätze mitzubringen. Denn bei der Polyamorie gilt: Je weniger bedürftig man ist, umso weniger läuft man Gefahr, abhängig von anderen zu werden. In offenen Beziehungen muss man sich nicht entscheiden und eine Liebe der anderen opfern.

Cornellia Jönsson über offene Liebeskonzepte und Eifersucht in polyamoren Beziehungen

Produktinformationen

  • Gebundene Ausgabe: 250 Seiten
  • Verlag: Schwarzkopf & Schwarzkopf; (1. Juni 2010)
  • ISBN-10: 3896029649
  • ISBN-13: 978-3896029645
  • Preis: EUR 9,90

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Ausführliche Beschreibung

Du sollst Götter neben mir haben!

Margit, Annika, Florian und Cem leben zusammen in Berlin in einer etwas ungewöhnlichen Wohngemeinschaft. Denn sie leben und lieben alle auf ihre ganz eigene Art polyamourös.

Margit ist 46 Jahre alt, seit vielen Jahren verheiratet mit Johannes, den sie liebt, mit dem sie aber keinen Sex mehr hat. Den hat sie ausgiebig und erfüllend seit anderthalb Jahren mit Annika. Die ist 27 und erwartet mit dem gleichaltrigen Florian, mit dem sie seit 10 Jahren verbandelt ist, ihr erstes Kind. Cem ist ein 32-jähriger schwuler Casanova, der an seiner philosophischen Habilitation schreibt und das mit der Liebe recht pragmatisch handhabt.
Margit liebt Annika, Florian steht auch auf Männer und hat ab und an saftige Liebschaften. Johannes lebt woanders, hat gemeinsam mit Margit um die beiden längst flügge gewordenen Kinder und wechselnde Geliebte, die er ausführlich über seinen Familienstand informiert. Margit wiederum schlüpft regelmäßig nicht nur zu Annika zwischen die Liebeslaken, sondern auch in wildfremde Frauenbetten.

Und dann wären da auch noch: Hatice, Consuela und Sabine, die so etwas wie eine glückliche Dreiecksbeziehung leben, das Drama-Pärchen Abed und Lars, die sich so gerne Liebesfreiheiten gönnen möchten, aber immer wieder an der Eifersucht scheitern.

Was diese Menschen so alles treiben, tun sie in allseitigem Einvernehmen. Denn sie leben polyamourös. Aus Überzeugung und mit allen Konsequenzen.

Wildes WG-Treiben mit emotionalem Tiefgang

Zunächst einmal klingt das befremdlich: Ein gestandenes Ehepaar, allerhand Fremde, Freunde, Bekannte und Zugezogene lieben sich bunt durcheinander und leben in enger Gemeinschaft. Aber auf den zweiten Blick erhebt sich aus dem scheinbaren Gefühlschaos eine schöne Verbindlichkeit. Denn hier liebt jeder wohl wissend und gut meinend, und zwar das, was er mag. Und jeder Einzelne bereichert damit sein eigenes Leben und das aller anderen. Um schnöde Bedürfnisbefriedigung geht es da weniger. Auch wenn Annika schon mal aufgrund einer offensichtlich schwangerschaftshormonbedingten Unersättlichkeit von Florians Bett flugs in Margits Gemach übersiedelt, um doppelt und dreifach auf ihre Kosten zu kommen.

Es geht um die Freiheit in Reinform, um ehrliches Lieben, das allen gut, aber möglichst keinem wehtut. Und das vor allem keinen vor die konventionelle entweder-oder-Wahl stellt: Liebst Du A, dann kannst Du nicht gleichzeitig B lieben, willst du mit C zusammensein, musst du D verlassen. Denn Liebe wird mehr, wenn man sie teilt, davon sind alle überzeugt. Monogamie macht gefühlsarm, weil sie uns Genüsse und Erfahrungen versagt, die uns eigentlich bereichern. Mal ganz abgesehen davon, dass demjenigen, der mehrere Menschen zeitgleich liebt, viel Liebeskummer erspart bleibt.

Wie es dazu kam oder: der Liebe Lebenslauf am Beispiel von Johannes und Margit

Bei Margit und Johannes war das so: Nach etlichen gemeinsamen Jahren als stinknormales Ehepaar kam bei Johannes die Midlife-Crisis. Der experimentierfreudige Chirurg wurde gewahr, dass es mehr als alles geben muss im Leben, dass es das nicht sein kann: An der Seite einer in die Jahre gekommenen Liebe zu verdorren.

So begab er sich auf Freiersfüße, und schenkte der verschreckten Margit recht hat bald reinen Wein ein. Margit hatte irgendwie mit Erotik und so schon beinah abgeschlossen. Da war ja auch einiges gewesen bisher und nun ist es halt der Lauf der Dinge, dass man figürlich in die Breite geht, unattraktiver wird und den Fokus auf andere Dinge als Sex und Co. setzt. Johannes belehrte Margit durch seine offene Art, mit seinen Affären umzugehen, eines Besseren. Und gab ihr den Anstoß zum Umdenken in der eigenen Liebespraxis.

Seitdem genießt auch Margit das Offene im Festen und das Feste im Offenen. Johannes bleibt an ihrer Seite – aber nicht als gefrusteter »Mono« mit unendlich vielen unterdrückten, verdrängten oder gekillten Begierden. Sondern als verlässlicher Lebenspartner, der sie teilhaben lässt an seinen Affären. Und Margit selbst hat endlich den Mut gefunden, ihr erotisches Interesse an Frauen und SM-Praktiken auszuleben – ohne anzuecken oder ihre Ehe aufs Spiel zu setzen.

Zur Sache: was für offene Liebe spricht

Soweit, so gut. Anhand dieser illustren Liebestruppe, bei der vieles, wenn nicht gar alles, direkt aus dem Leben gegriffen zu sein scheint, manifestieren sich die vielen Gründe, die laut Autorinnen für offenes Lieben sprechen.

  • Einmal sind da ganz banale Gründe: Man hockt nicht Samstagabend zu zweit vor dem Fernseher und ödet sich an, weil es der hunderttausendste gleichförmige, vor Unerotik nur so sprühende Samstagabend ist. Oder man lädt gleichgesinnte Pärchen – also etablierte Langzeitpartner und dergleichen zum Kochen ein, um sich gegenseitig harmonische Zweisamkeit vorzugaukeln, auch wenn bei den meisten in vielerlei Hinsicht längst nichts mehr läuft.
  • Nein, in der Poly-WG werden feste Feste gefeiert mit vielen interessanten, ungewöhnlichen Leuten, mit Freunden und Fremden, ein Kreis, der sich ständig erweitert. Denn, so die Autorinnen, was sich liebt, das mehrt sich: Jeder bringt noch jemanden mit, jede neue Person gibt neue Impulse, setzt neue Maßstäbe und eröffnet neue Liebeshorizonte. Denn hier geht sowas, da ist ein Flirt beim Dessert nicht verpönt, sondern vielmehr erwünscht. Alle gönnen sich gegenseitig die Wonnen des Verliebtseins, auch wenn das manchmal gar nicht so einfach ist.

  • Dann sind da auch in anderer Hinsicht praktische Gründe, im Buch anschaulich an Annika festgemacht: Als Erstgebärende weiß sie nicht so recht, was wann auf sie zukommt. Wie gut, dass es da Johannes, den Mann ihrer Freundin, gibt, der ihr zwar nicht unbedingt gynäkologisch, aber doch als Arzt zur Seite stehen kann. Gott sei Dank ist sie nicht nur mit Margit alleine, die wiederum froh ist, dass Florian und nicht sie voll in die vorgeburtliche Pflicht genommen wird.
  • Überhaupt profitieren alle von der Menschenvielfalt im polyamourösen Haushalt. Als Annika ein neues Bett braucht, packen gleich drei starke Männer selbstverständlich mit an – und Florian als der in der Pflicht stehende Kindsvater ist entlastet.

So geht es über viele Seiten hinweg: Das Poly-Leben, so es von allen gewollt und ehrlich betrieben wird, holt die Liebe ins Leben und weist ihr einen eigenen Platz zu. Verbindlichkeit ist lustigerweise eines der wichtigsten Gebote. Denn anders als vielleicht vermutet, kennzeichnet das Zusammenleben mitnichten eine willkürliche, hedonistisch motivierte Lustschau. Nein, das liebesbedingte Zugehörigkeitsgefühl konzentriert sich nur nicht stur ausschließlich auf eine Person, sondern auf viele.

Und wie ist das da mit der Eifersucht?

»Ha!« könnten Skeptiker ausrufen, »ein Setting, bei dem Eifersüchteleien vorprogrammiert sind!« Und jawohl, es gibt sie bei Margit und Johannes, Annika und Florian und allen anderen. Der Unterschied ist aber, dass sich alle über ihre Eifersuchtsgefühle bewusst sind, darüber nachdenken und darüber reden. Sie gestehen der Eifersucht lediglich eine Nebenrolle zu. Sie kann aufrütteln und warnen, wenn in einem der offenen Beziehungsstränge etwas aus dem Gleichgewicht gerät. Aber die Polys lassen es nicht zu, dass Eifersucht zum Machtinstrument wird und letzlich die Monoamorie durchboxt.

Sich von der Liebesausschließlichkeit zu befreien, kann nämlich wirklich frei machen. Liebe bedeutet für polyamourös lebende Menschen nämlich nicht Besitz und Herrschaft, sondern Geben und Nehmen. Frei nach dem Motto »Du sollst Götter neben mir haben« gesteht man sich gegenseitig nicht nur anderweitige Lieben zu, sondern gönnt sie einander auch. Oder nimmt an ihnen teil, indem man die Freude eines Verliebten an einer anderen Person teilt.

Für Eifersucht scheint dort kaum Platz zu sein, wo keiner dem anderen etwas wegnehmen, stretig machen oder missgönnen möchte. Nach Lektüre könnte man auch fast auf den Gedanken kommen, dass das gar nicht funktioniert in einem derart offenen Geflecht. Selbst andere Beziehungsmodelle beziehungsweise das ganz konventionelle Liebesprogramm haben da ihre Berechtigung, wie sich etwa am Sohn von Margit und Johannes zeigt. Der ist, obwohl umzingelt von offenen Möglichkeiten, von der Monogamie überzeugt und lebt diese auch mit seiner Freundin. Und das ist auch gut so.

Denn, und das ist eine schöne Quintessenz dieses Buches: Es ist wichtig, nicht fremde Beziehungsdrehbücher beharrlich nachzuspielen. Wie das große Glück nämlich aussieht, weiß doch eigentlich keiner besser als man selbst. Und es ist nicht schlimm, wenn die eigenen Vorstellungen vom Standard abweichen. Man sollte sich (nicht nur in Liebesdingen) einfach mehr vertrauen.

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Über die Autorin Cornelia Jönsson

Potrait von Cornelia Jönsson in schwarzweiß

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