Beziehungsdreiecke: vertrauensvolle Liebe zu dritt oder ein Lügenspiel?

Mann zwischen zwei Frauen – Ein Beziehungsdreieck mit Geliebte und Ehefrau

Dreiecksbeziehung: Wenn ein einmaliger Seitensprung zur Daueraffäre wird

Es gibt im Jahr 2014 wohl kaum jemanden, der noch keine Erfahrungen mit Dreiecksbeziehungen oder Affären gesammelt hat. Weil das Thema allgegenwärtig ist, gibt es hierzu auch zahlreiche festzementierte Meinungen und »politisch korrekte« Ansichten.

Beziehungsdreiecke, Heimlicher Seitensprung, Daueraffäre, Zweitbeziehung – diese Bezeichnungen sind bewährte Steilvorlagen für die Thesen überzeugter Moralkeulenschwinger. Weil sich verständlicherweise niemand gerne damit eins überbraten lässt, wurden bereits eine ganze Reihe Umschreibungen fürs Fremdgehen erfunden und schwirren durch den Äther. Schattenliebe, Freundschaft mit Extras, Seelenverwandtschaft. Hauptsache, es klingt nicht nach dem, was es in Wirklichkeit ist.

Keine Sorge: Die Moralkeule lassen wir stecken. Hier soll keineswegs die monogame Zweierbeziehung gepriesen und alles andere verteufelt werden! Solange alle Beteiligten einer Dreiecksbeziehung über die emotionalen und sexuellen Verbindungen im Bilde und einverstanden damit sind, kann dies ein sehr erfüllendes, positives Lebensmodell sein. Ob es nun als offene Ehe, Polyamorie oder als Beziehungsdreieck bezeichnet wird, spielt keine Rolle. Aber was, wenn es eben keine ehrliche, vertrauensvolle Liebe zu dritt (oder zu viert) ist, sondern ein ständiges Lügenspiel? Voller Heimlichkeit, Täuschung und egoistischer Alleingänge?

Das erwartet Sie in diesem Artikel

Ein Seitensprung ist kein Drama – kann aber eines werden

Okay, es ist passiert. Sie hatten Sex mit jemandem, der nicht Ihr Partner ist. Da war diese magische, fröhliche Stimmung zwischen Ihnen, die Situation war erotisch-sinnlich aufgeladen, eine unwiderstehliche Anziehungskraft, Ihr Körper hat auf Autopilot geschaltet. Es war toll, es war ein One-Night-Stand und wird sich nicht wiederholen. Deshalb braucht auch niemand davon zu erfahren. Bis hierhin völlig unkompliziert.

Dann der erste Anruf, E-Mails, SMS. Aufflackernde Lust auf Wiederholung. Das zweite Treffen. Noch rauschhafterer Sex als beim ersten Mal, weil diesmal geplant und befeuert von einer gewaltigen Bugwelle aus Vorfreude. Das dritte, vierte, zehnte Treffen. Einen Monat später, ein halbes Jahr später, und immer noch fliegen bei jeder Begegnung die erotischen Funken, wie Sie es in Ihrer Partnerschaft schon lange nicht mehr erleben. Längst hat sich ein Lügen- und Alibi-Konstrukt etabliert, in dem Sie ohne größere logistische Probleme Ihren ursprünglichen One-Night-Stands und Ihre Beziehung unterbringen.

Das bohrende, schwarze Gefühl in Ihrem Herzen allerdings, das lässt ich nicht organisieren und weglügen. Schuldgefühle Ihrem Partner gegenüber? Nicht nur. Was da wehtut, ist das Wissen, längst von einen locker-gutgelaunten One-Night-Stand in ein ernsthaftes Dreiecksbeziehungsdrama gestolpert zu sein, ohne den Übergang richtig zu registrieren.

Warum bleibt es nicht bei einer harmlosen Affäre?

Spätestens in dem Moment, in dem Ihnen klar wird, dass Sie mit Haut und Haaren in Ihrer heimlichen Affäre festhängen, verliert die Geschichte ihren ursprünglichen Zweck: Spaß, Lust und vielleicht eine lockere Freundschaft nach dem Sex. Statt dessen fühlen Sie sich verzweifelt, schwanken zwischen Sehnsucht nach dem Affärenpartner und Schuldgefühlen Ihrem Lebenspartner gegenüber, wünschen sich die alten Zeiten zurück, in denen Sie sich in der Zweierbeziehung wohl und sicher gefühlt haben – und wissen dabei genau, dass Sie allein durch Ihr illoyales Verhalten dieser Beziehung ebenjene Basis entzogen haben.

An dieser Stelle sollten Sie gedanklich kurz verweilen.

Wo sind Sie emotional abgebogen, haben sich von Ihrem Partner abgewendet und sind in eine heimliche Dreiecksbeziehung geflüchtet? Als es um die nie gekannte sexuelle Erfüllung ging? Um Gespräche? Lachen, unbeschwerte ausgelassene Albernheit? Das Neue, Unbekannte, Aufregende? Haben Sie es genossen, bewundert und angehimmelt zu werden? Oder fühlte sich einfach die Unverbindlichkeit gut an? Zwischenmenschliche Nähe ohne Hypotheken, Haushalt, Kindergeschrei und Ärger mit den Schwiegereltern?

Grauzone: Die Grenze zwischen Seitensprung und Affäre

Wie ist Ihr Beziehungsgefühl: Glitzernder Fluss oder muffiger Baggersee? Fakt ist: Das, was sich anfühlt wie eine glücksbringende, erfüllende heimliche Liebe, ist mit 99-prozentiger Sicherheit eine Sammlung verschiedenster Bedürfnisse und Sehnsüchte, für die Ihr Affärenpartner als Projektionsfläche herhalten muss. Hinzu kommt, dass Frauen bereits nach zweimaligem Sex mit einem Mann das Bindungshormon Oxytocin bilden, welches Liebesgefühle vorgaukelt. Dieses Neuropeptid vernebelt im wahrsten Sinne des Wortes die weibliche Wahrnehmung.

Ja, das klingt recht profan, unromantisch, keine Spur von rosa Brille und Hollywoodgeigen. Dass ständig neue Psychoratgeber erscheinen, in denen der Abgesang auf monogame Beziehungen erklingt und Polyamorie bzw. Polygamie als einzig zukunftstaugliche Partnerschaftsmodelle propagiert werden, macht es nicht gerade einfacher. Vielleicht wurde nicht zuletzt durch diesen Trend die Grenze zwischen Seitensprung und Affäre zu einer nebulösen Grauzone, in der sich Fremdgänger und Liebende allzu leicht verirren können? Weil das große Leiden unter einem Dreier-Liebesdrama schon beinahe als gesellschaftsfähig gilt?

Die wesentliche Frage wäre nicht, was aus Ihnen und Ihrer heimlichen Affäre wohl werden könnte. Sondern: Können Sie das, was Ihnen die Affäre gibt, in Ihrer Partnerschaft leben? Die Ausgelassenheit, die Lust auf Neues, das Experimentieren? Überraschungen im Alltag, nächtelange Gespräche, die unbändige Freude auf künftige gemeinsame Erlebnisse? Erotische Telefonate, spielerisches Entdecken neuer sexueller Genüsse? Oder gleicht Ihre Beziehung einem stehenden, lauwarmen Gewässer, in dem Sie ab und zu plantschen, weil Sie jeden Meter kennen, aber dabei die Strömung und die klare Frische eines Flusses oder gar die belebende Energie einer rauschenden Meeresbrandung vermissen?

Das L-Wort: Zerstörungskraft von Liebesschwüren

Kommen wir noch einmal zurück zum dunklen, drückenden Gefühl, das über fast allen Affären schwebt wie ein drohendes Unwetter. Es gäbe zwei Möglichkeiten, es aufzulösen. Raus aus der Heimlichkeit, klare Verhältnisse schaffen und ein Gewitter riskieren – oder es mit allen Mitteln verdrängen und mit allerlei pseudo-spirituellen Begrifflichkeiten kaschieren. Neben der bereits erwähnten Seelenverwandtschaft ist meist sehr schnell von Liebe die Rede. Und ab hier wird aus der Affäre eine tickende Zeitbombe, denn gemeint ist selbstverständlich nicht die universelle Seelenliebe, sondern sehr weltlich-lustvolle Beziehungsliebe. Womit der ehemalige Seitensprung vollends zur Parallelbeziehung mutiert ist, die Unmengen von Energie und Gefühl aus der eigentlichen Partnerschaft zieht und diese dadurch beschädigt.

Eine Userin in einem Beziehungsforum stellte einmal fest (Zitat): »Wenn Männer fremdgehen, sind es Schweine. Wenn Frauen fremdgehen, ist es Liebe.«

In dieser saloppen Aussage steckt das ganze Dilemma der heimlichen Langzeitaffäre. Denn tatsächlich sind es, nicht nur wegen des Oxytocin-Rausches, vor allem Frauen, die aus harmlosen Seitensprüngen langwierige, schmerzhafte Affären und Parallelbeziehungen züchten. Und sich unversehens in einer Situation wiederfinden, in der sie glauben, Liebe zu empfinden. Da drängen ungewohnte Gefühle mit Macht ans Licht, wollen gelebt werden, und bevor der Schattenmann auch nur »Liebe« buchstabieren kann. An sich kein Verbrechen. Das rhetorische Beiwerk versüßt die Begegnungen, schwört einen märchenhaften Zauber herauf, der Verbundenheit und Exklusivität suggeriert. Schließlich ist es eine längst erwiesene Tatsache, dass wir imstande sind, mehrere Menschen aufrichtig zu lieben und sexuell zu begehren. Warum also nicht einen Beziehungspartner und einen Affärenpartner gleichzeitig? Und überhaupt, ist es nicht besser, eine Liebe auszuleben, statt sie zu verleugnen?

Es klingt beinahe überzeugend, oder? Doch Sie spüren beim Lesen ganz genau, dass die Sache einen Haken hat. Denn diese idyllische Vorstellung bleibt so lange unerfüllbar, wie sie in einem Lügengeflecht verborgen liegt.

Die Dreiecksbeziehung als Metapher

Die rein funktionale Dynamik einer Affäre birgt bereit viel emotionalen Sprengstoff und Konfliktpotenzial. Doch sie besitzt darüber hinaus auch einen starken Symbolcharakter. Die geläufigsten Motive und Assoziationen hierbei sind:

  • Machtdemonstration
  • Kompensation von Bindungsangst
  • Verhindern von Nähe
  • Marktwert testen
  • Verlustangst durch Mehrgleisigfahren lindern
  • Abgrenzung gegenüber dem Basispartner
  • Sexuelle Wünsche ausleben, die für den Partner tabu sind
  • Unbewusste Aggression gegen den Partner kanalisieren
  • Unterlegenheitsgefühl kompensieren
  • Eifersucht erzeugen um Aufmerksamkeit zu erhalten

Finden Sie sich in dem einen oder anderen Begriff wieder? Dann dürfte es Ihnen relativ leicht fallen, sich von der Illusion einer großen Seelenliebe zu verabschieden und den Seitensprung bzw. die heimliche Affäre als das zu sehen, was sie ist: Mittel zum Zweck der Selbstheilung, Weiterentwicklung, Beziehungs-Überprüfung. Nutzen Sie diese Chance, statt Ihre Energie in das Aufrechterhalten eines Lügengebäudes zu investieren!

Das Märchen vom schützenden Schweigen

Buchcover: /buecher/buchtipp-wenn-liebe-fremdgeht.php von Ulrich Clement

Seit einigen Jahren scheint eine ebenso bizarre wie destruktive Umgehensweise mit Affären hoffähig zu sein: das »respektvolle Fremdgehen«. Auch Paartherapeut Ulrich Clement surft auf dieser Welle und rät Fremdgängern in seinem Buch Wenn Liebe fremdgeht. Vom richtigen Umgang mit Affären, ihren Seitensprung zu verheimlichen, um den Partner nicht zu verletzen. Bei einem einmaligen Ausrutscher mag dieser Umgang der schonendste sein, doch bei einer langjährigen Affäre?

Wer sich mit mehr als einem Menschen seelisch verbunden fühlt, ihn begehrt, ihm vertraut und freundschaftliche Gefühle, vielleicht sogar Liebe für ihn empfindet, hat per se kein Problem. Im Gegenteil: Diese Liebe ist etwas wunderschönes, kostbares. Es passiert nicht allzu oft, dass wir jemandem begegnen, zu dem wir uns so intensiv hingezogen fühlen. Und es wäre ein Verbrechen, diese Gefühle abzuwürgen, nur aus einem falsch verstandenen »ich darf nicht« heraus. Denn: Natürlich dürfen Sie lieben! Natürlich dürfen Sie begehren, wen Sie wollen! Erst durch die Heimlichkeit, die logistischen Einschränkungen und die ständige Heuchelei dem Partner gegenüber verkommt auch die schönste Seelenliebe recht schnell zu einer billigen Betrugsnummer. Schweigen schützt bei einem harmlosen One-Night-Stand vor Verletzungen, aber nicht bei einer heimlichen Affäre. Sondern es zerstört und vergiftet. Machen Sie sich das bitte bewusst.

Jeder, der schon einmal in dieser Situation war, kennt das latent suizidale, zerrissene Gefühl, zwischen zwei Menschen zu stehen und nicht mehr zu wissen, was das Richtige ist. Lassen Sie es nicht so weit kommen. Wenn sich Ihr Affärenpartner wirklich anfühlt wie ein enger Vertrauter, ein Freund und Seelenpartner, dann fragen Sie sich bitte einmal: Möchten Sie diese Verbindung wirklich als heimliche Affäre »verheizen« und irgendwann abschreiben, wenn Sie vor dem großen Scherbenhaufen Ihrer Beziehung stehen? Oder möchten Sie diese Liebe leben? Ohne Lügen, mit dem Wissen und Einverständnis des Partners bzw. der Partner, sofern Sie beide liiert sind?

Die großen Frauenforen platzen beinahe vor Threads, in denen liierte und verheiratete Frauen sich über ihre Schattenmänner austauschen. Auf die regelmäßig gestellte Frage, warum sie denn ihrem Partner gegenüber nicht Farbe bekennen, schreiben fast alle den klassischen Satz, der einem emotionalen Offenbarungseid gleichkommt: »Das könnte ich ihm niemals antun, das würde ihn viel zu sehr verletzen!«

Falls Sie diesen Satz auch schon einmal strapaziert haben, machen Sie sich bitte bewusst: Angetan haben Sie es ihm längst. Er weiß nur noch nichts davon. Glauben Sie, wenn er eines Tages erfährt, Monate oder Jahre lang von Ihnen belogen worden zu sein, wird es weniger weh tun? Die Erkenntnis, lange Zeit unwissentlich Teil einer Seifenoper gewesen zu sein, schmerzt ungeheuer. Denn Sie betrügen Ihren Partner nicht nur sexuell und emotional. Sie betrügen ihn auch um die Chance auf ein selbstbestimmtes Leben.

Ein Ausweg: Raus aus dem Schatten, rein ins Leben

Die Liebe und der Respekt vor ihrem Partner sollte zumindest so weit vorhanden sein, dass Sie ihm die Chance geben, in Kenntnis aller Fakten selbst zu wählen, ob er als Teil eines Dreiecks-Verhältnisses leben möchte oder nicht. Hören Sie auf, in der Heimlichkeit nach Auswegen zu suchen, denn dort werden Sie sie nicht finden. Vertrauen Sie sich Ihrem Partner an, legen Sie den Affärenpartner vorübergehend auf Eis und sorgen Sie dafür, dass Sie Ihrem Partner wieder in die Augen schauen können, ohne dass Lügen und Heuchelei zwischen Ihnen stehen!

Es gibt keinen »Impfschutz« gegen einen Seitensprung oder Affäre. Aber wenn Sie es schaffen, Ihrem Partner gegenüber so authentisch wie nur möglich Ihre Bedürfnisse zu artikulieren, dann schaffen Sie eine solide Basis für eine konstruktive Beziehungskommunikation. Denn Sie sind dadurch auch in der Lage, umgekehrt die Bedürfnisse Ihres Partners anzunehmen, ernst zu nehmen und vielleicht gemeinsam ganz neue, bisher unerfüllte Wünsche zu entdecken. Mit anderen Worten: Affären werden überflüssig und uninteressant, weil sie sich nur wie ein Abklatsch Ihrer echten Partnerschaft anfühlen würden.

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