Doppell(i)eben geht selten gut
Acht Frauen und einen Mann hat Jenny Levié befragt und aus diesen emotionalen Interviews berührende Geschichten über das große Glück, aber auch das große Leid heimlicher Liebe gemacht. Nur in zwei Fällen ist der Liebe ein Happy End beschert. Denn anders als in romantischen Filmen ist in der Realität das Erwachen nach dem Liebesrausch oft ziemlich böse. Weil sich der Mann eben doch nicht von Frau und Kindern trennen kann. Die Erfahrungsberichte in Jenny Leviés Buch sind bittersüß und ernüchternd und bestätigen letztendlich, dass eine heimliche Liebe selten eine Chance hat.Wenn Liebe zum Machtspielchen wird
Da ist zum Beispiel Bea, die schöne Fremdsprachenkorrespondentin aus gutem Haus. Von Kindesbeinen an auf Erfolg gepolt liegt der Zwanzigjährigen die Welt zu Füßen. Sie möchte Geld, Macht – und natürlich einen angesehenen Mann. Frederic, ein Freund ihrer Eltern, kommt da gerade recht. Er ist 30 Jahre älter, erfolgreicher Geschäftsmann – und verheiratet. Für Bea ist das Ansporn, sich noch mehr ins Zeug zu legen. Und es gelingt ihr: Frederic wird ihr Liebhaber, Förderer und Mäzen. Durch ihn kommt ihre Karriere in Schwung, mit ihm bereist sie die Welt, während seine Familie zu Hause sitzt. Bea genießt die Macht, die sie über Frederic zu haben glaubt. Sie liebt ihre Ungebundenheit und das scheinbare Gefühl der Kontrolle mehr als alles andere. Erst spät erkennt sie, dass Frederic in ihr nur ein kostbares Spielzeug sieht. Nach vielen Jahren begreift sie, dass sie liebesmäßig auf dem falschen Gleis gefahren ist. Nach dem Beziehungsende sucht sie sich einen passenden Nachfolger. Auch ihr nächster Lover entspricht ihrem Beuteschema, raubt ihr aber schlussendlich das letzte bisschen Selbstgefühl. Am Ende bricht Bea zusammen und erkennt, dass sie jahrelang falsch liebte.Raus aus der Ehe, rein ins Bett
Dann ist da die Frau Ende Dreißig mit einem Okay-Ehemann und zwei wohlgeratenen Söhnen. Sie lebt in einer Dorfidylle, sieht das Leben an sich vorbeiplätschern und registriert nebenbei, dass ihre dahinsiechende Ehe längst tot ist. Die Figur ist nicht mehr das, was sie mal war, jobmäßig landet die einst erfolgreiche Werbefrau in einer Arztpraxis als Sprechstundenhilfe, aufregende Abwechslung ist nicht in Sicht. Dann steht plötzlich Victor vor ihr, Traumtyp, Edelmacho, Verführer. Sie verliebt sich Hals über Kopf, hat den besten Sex ihres Lebens und entwächst ihrem tristen HausfrauendaseinWilde Liebestreffen gaukeln ihr eine wunderschöne Zukunft vor. Doch erst muss sie sich von ihrem Mann trennen – und ihr Geliebter muss seine Gattin verlassen. Das zieht sich hin, viel Kummer und viele Tränen säumen den Weg, an dessen Ende nur das Ende wartet. Denn der Traumprinz entpuppt sich als Lügner, sie war nicht seine einzige Affäre.
Anders ist das bei Steff – aber nicht weniger schmerzhaft. Seit fünf Jahren liebt sie einen verheirateten Mann, heimlich und hoffnungslos. Immer wieder findet der wesentlich ältere Jochen Ausreden dafür, dass er Frau und pubertierende Tochter nicht verlassen kann. Aus der Situation ist ein Dauerzustand geworden, für Steff beinah unerträglich. Immer wenn Jochen sie wieder einmal wegen seiner Familie versetzt, schwört sie sich, nun sei Schluss. Und immer wieder gelingt es ihr nicht, die Sache zu beenden. Das Unglück gehört zu ihrem Leben, sie kann nicht von ihrer vermeintlich großen Liebe lassen.
Auch Carolin ist eine Gefangene ihrer Gefühle. Acht Jahre ist sie die Geliebte eines verheirateten Mannes. Carolin ist jung und experimentierfreudig, als sie sich in den zurückhaltenden Tobias verliebt. Fasziniert ist sie von dem erfolgreichen Banker, der ihr gleich reinen Wein einschenkt. Dass er Familie hat, nimmt sie gelassen hin. Doch dann wird aus der Leidenschaft Liebe, und Carolins langes Leiden beginnt. Tobias führt ein Doppelleben, sie muss sich mit den Bröckchen zufrieden geben, die vom Familientisch herunterfallen. Carolin tut das in der Hoffnung, irgendwann einmal werde sich Tobias ganz für sie entscheiden. Doch als das auch nicht nach der Geburt der gemeinsamen Tochter passiert, will Carolin sich nicht mehr abfinden mit diesem ewigen Wartezustand – und sucht sich selbst einen Liebhaber.
Glück gehabt – wenn aus verbotener Liebe was wird
Bei all diesem Herzschmerz tut es gut, dass Levié auch zwei Geschichten mit Happy End erzählt. Claudia zum Beispiel, die junge Krankenschwester, begegnet ihrem absoluten Traummann. Es ist auf beiden Seiten Liebe auf den ersten Blick. Blöd ist nur, dass Axel verheiratet und Vater zweier Söhne ist.Erste Annäherungsversuche bestätigen schnell: Hier hat Amor scharf geschossen. Die heimlich Liebenden meistern alle Hindernisse und geben auch nicht auf, als Axels Frau Terror macht. Sie wissen, dass sie füreinander bestimmt sind und kämpfen um ihre Liebe. Dafür gibt es dann auch so ein richtig rosarotes Happy End – leider die Ausnahme.
Eine solche ist sicherlich auch die einzige Geschichte, die von einem Mann erzählt wird. Der unfreiwillige Hausmann ist unglücklich verheiratet mit einer unterkühlten Karrierefrau. Marlies, die neue Flamme seines besten Freundes, ist das genaue Gegenteil: herzlich, impulsiv und vor allem scharf auf ihn. Doch er kann sich nicht trennen, er ist zu feige und will seinen Sohn nicht im Stich lassen. So zieht sich die Sache ungut in die Länge – bis das Schicksal beziehungsweise die Ehefrau eingreift. Sie erwischt die beiden in Flagranti und schmeißt ihren untreuen Ehemann kurzerhand hinaus. Der ist nun frei für Marlies – und wenn sie nicht gestorben sind, dann lieben sie sich noch heute.
Wo die Liebe hinfällt...
...kann man nie mit Sicherheit sagen. Glücklich kann sich schätzen, wer sich in jemanden verliebt, der frei ist. Geliebte werden ist gar nicht so schwer, das kann man in Jenny Leviés Buch nachlesen. Aber es zu sein, ist alles andere als einfach. Man muss warten können, das Alleinsein aushalten und sich vor allem große Hoffungen abschminken.Jenny Levié »Zwischen Lüge und Hoffnung. Frauen, die heimlich lieben«
(Diana Verlag, ISBN: 3-453-26507-6, 256 Seiten, 16,90 Euro)











