Cornelia Jönsson im Interview

»Man kann jederzeit einfach anfangen, offen zu lieben«

Ein Gespräch mit der Sexualtherapeutin Cornelia Jönsson

Es gibt unendlich viele Gründe für offenes Lieben – Cornelia Jönsson kennt etliche. Gemeinsam mit Simone Maresch hat die 1980 geborene Autorin ein Buch geschrieben, in dem sie 111 Gründe auflistet, die Ihrer Ansicht nach eindeutig für Polyamorie sprechen. Das ist eine liebenswerte Auflistung der Argumente für eine freiere Beziehungsgestaltung und ein Bekenntnis zu einer Liebeskultur, die es jedem von uns erlaubt, seine Bedürfnisse und Wünsche auszuleben – ohne die der anderen zu negieren, abzulehnen oder zu verletzen.

Buchcover:   111 Gründe offen zu lieben. Ein Loblied auf offene Beziehungen, Polyamorie und die Freundschaft Das Ideal für alle Liebenden mag das nicht sein, als solches preisen es die beiden Autorinnen auch keineswegs an. Genauso wenig, wie sie Polyamorie als die Lösung für sämtliche Liebesprobleme propagieren. Ihr Buch »111 Gründe, offen zu lieben« ist eher ein subjektives, und darum besonders inspirierendes Plädoyer für einen verantwortlichen Umgang mit Lust und Liebe.

Cornelia Jönsson, Autorin und Poesietherapeutin, kennt das polyamore Leben aus eigener Erfahrung. Mit allen Höhen und Tiefen, denn die, so sagt sie, gebe es natürlich auch in offenen Beziehungen. Die Kunst ist eben nicht, Eifersucht, Liebeskummer und Verlustgefühle zu eliminieren. Sondern einen friedlichen Zugang dazu zu erlangen und darüber zu einem guten Umgang mit diesen starken Emotionen zu finden – um mit sich selbst und den Beziehungen glücklicher leben zu können.

Wir haben mit Cornelia Jönsson über offene Liebeskonzepte, Eifersucht in polyamoren Beziehungen gesprochen und sie gefragt, ob man offenes Lieben eigentlich lernen kann.

Seitensprung-Fibel.de: In Ihrem Vorwort zu »111 Gründe, offen zu lieben«, schreiben Sie, Sie seien keiner der Protagonisten – oder alle. Wie viel Biografisches steckt in dem Buch?

Cornelia Jönsson: Es ist nur insofern biographisch, als dass wir beide ebenfalls polyamor leben und ich, als wir das Buch schrieben, in Annikas Alter war und Simone in dem von Margit. Außerdem haben wir uns in vielen Kleinigkeiten, in Begebenheiten und auch Gedanken von unserem eigenen Erleben und dem unserer Freunde inspirieren lassen.

Seitensprung-Fibel.de: Was Sie beschreiben, klingt fast zu schön um wahr zu sein: Eine bunte Ansammlung offener, neugieriger Menschen, die alle das Bedürfnis verbindet, ihre Liebesbeziehungen frei und offen leben zu können. Kann das wirklich ein Lebensentwurf sein oder ist da auch viel Utopie dabei?

Cornelia Jönsson: Das kann durchaus ein Lebensentwurf sein, und sowohl ich selbst, als auch Menschen in meinem Umfeld haben phasenweise so gelebt, wie es unsere Protagonisten tun. Aber es läuft ja bekanntlich nicht immer und ständig alles perfekt im Leben. Bloß, weil man prinzipiell bereit ist, mehr als eine Person zu lieben, heißt das nicht, dass das auch immer klappt. Manchmal begegnet einem eben keiner, in den man sich verlieben kann. Auch Polys haben Phasen, in denen sie keinen oder kaum Sex haben, Freunde ziehen manchmal weg, Wohnungen werden zu teuer, herbeigewünschte Kinder wollen nicht entstehen, die Arbeit ist anstrengend etc...

Seitensprung-Fibel.de: Sie erzählen in Ihrem Buch von Menschen, die ihr Liebesweg irgendwann in die Polyamorie geführt hat. Eigentlich ist das offene Lieben für alle so etwas wie eine biografische Konsequenz. Denken Sie, man kann sich vornehmen, offen zu lieben oder findet man zu diesem Beziehungsmodell über Umwege, wie etwa durch unbefriedigende Erfahrungen mit der Monogamie?

Cornelia Jönsson: Ich glaube, meine Generation und die, die älter sind als ich, fanden in der Regel erst über Umwege zur Polyamorie. Weil das eben die Form zu lieben war, die den eigenen Bedürfnissen am ehesten entsprach und man irgendwann den Mut fand, es einfach auszuprobieren. Oder von anderen darauf gestoßen wurde, dass das geht. Aber ich glaube, jüngere Menschen stellen sich heute viel öfter von Anfang an die Frage: Will ich mein Liebesleben monoamor oder polyamor gestalten? Und entscheiden das dann vielleicht von Liebe zu Liebe oder von Phase zu Phase. Das Schöne im Leben ist ja, dass man nicht ständig das Gleiche tun muss. Und nur, weil ich heute eine andere Beziehungsform lebe als früher, heißt das ja nicht, dass es früher falsch war. Man wünscht sich ja einfach Unterschiedliches im Laufe seines Lebens. Es gibt auch viele Menschen, die lange polyamor lebten und es dann wieder für eine Weile nicht tun, weil es einfach gerade nicht passt.

Seitensprung-Fibel.de: Welche (Charakter-)Eigenschaften muss man Ihrer Meinung nach mitbringen, um einen geliebten Menschen mit anderen wirklich und langfristig teilen zu können?

Cornelia Jönsson:Da braucht man gar keine bestimmten Charaktereigenschaften. Es ist wichtig, lieben zu können und somit großzügig und empathisch zu sein, und es ist wichtig, entspannt und halbwegs selbstbewusst zu sein. Außerdem ist es gut, wenn man relativ selbstständig und autonom ist, also auch mal einen Samstagabend allein gestalten, nachts allein schlafen, eine Grippe allein überstehen, ein Fahrrad allein reparieren (oder zum Fahrradladen schleppen) kann.

Und dann ist es wichtig, dass die Beziehung funktioniert. Dass man einander vertrauen kann. Dass man die gegenseitige Liebe spürt. Adorno hat ungefähr sowas gesagt wie: Das Einzigartige kann auch das Andere zulassen, gerade weil es einzigartig ist.

Seitensprung-Fibel.de: Was glauben Sie: Kann jemand, der jahrelang unzufrieden war mit dem monogamen Beziehungskonzept, offenes Lieben lernen? Und wenn ja, wie kann das gehen?

Cornelia Jönsson: Man kann jederzeit einfach anfangen, offen zu lieben. Dabei muss man nichts lernen außer: Bloß, weil mein Partner jemanden anderes als mich auch liebt/begehrt/mag, ändert das nichts an seiner einzigartigen Liebe zu mir. Aber das ist eigentlich ganz einfach und auf der Hand liegend. Dann muss man sich an Freiheit und Ehrlichkeit gewöhnen. Dass es okay ist, mit anderen zu flirten, und dass man es am nächsten Morgen einfach erzählen kann (sollte).

Seitensprung-Fibel.de: Offen zu lieben bedeutet ja auch in gewisser Weise, nichts als für ewig gegeben anzusehen. Verstärkt das den Reiz der Beziehungen oder hemmt es diese nicht auch irgendwie?

Cornelia Jönsson: Meiner Ansicht nach ist es andersrum. Offenes Lieben bedeutet, den Kontakt zu einem Menschen nicht so sehr von meinen Bedürfnissen oder seiner Funktion abhängig zu machen und dann erscheint für mich Ewigkeit wahrscheinlicher. Ich kann mir schwer vorstellen, niemals mehr einen anderen Menschen als meinen Mann zu begehren. Wenn ich aber weiß, meine Liebe zu und mein Begehren von anderen beendet nicht die Beziehung zu meinem Mann, dann kann ich guten Gewissens zu ihm sagen, dass ich für immer mit ihm zusammen sein möchte, komme da, was wolle.

Seitensprung-Fibel.de: Ohne Konflikte geht natürlich auch das offene Lieben nicht, das kann man bei Ihnen nachlesen. Eifersucht oder Liebeskummer gehören auch zum Gefühlsrepertoire der Polyamorie – was läuft da aber anders als in monogamen Beziehungen?

Cornelia Jönsson: Ich glaube, Liebeskummer ist immer schlimm, in welcher Konstellation man auch steckt. Wobei man, wenn man polyamor lebt, nicht immer soviel auf einmal verliert. Vielleicht verlässt mich ein Mensch, aber ein anderer Sexualpartner bleibt noch. Oder eine andere Bezugsperson für mein Kind oder jemand zum Kuscheln. Aber das tröstet nur mäßig über den Verlust dieses einen Menschen hinweg.

Eifersucht findet, wenn alles gut geht, in polyamoren Beziehungen auf eine ehrliche Weise statt. Man schämt sich nicht dafür, eifersüchtig zu sein und klagt auch niemanden deswegen an, macht sich nach Möglichkeit keine Vorwürfe, sondern formuliert einfach, was einen sorgt, was einem Angst macht oder was man vermisst. Dann kann man darüber reden. Ich denke, weil wir viel über Beziehungen und auch Eifersucht nachdenken, können wir die Dinge ganz gut unterscheiden. Wenn meine Freundin mit ihrem Freund in Urlaub fährt, spüre ich im ersten Moment vielleicht so etwas wie Eifersucht, aber das wandelt sich ganz schnell in den Wunsch: Ich möchte auch mal wieder mit dir wegfahren. Das sage ich ihr und dann suchen wir nach einem Termin und dann wünsche ich den beiden erst mal viel Spaß.

Natürlich spart man sich, wenn man polyamor lebt, so schreckliche Dinge wie Heimlichkeiten, Ausreden, Lügengebäude, das Kontrollieren der Emails oder Anruflisten des Anderen, Misstrauen, Verdächtigungen und so weiter.

Seitensprung-Fibel.de: Gegenüber offenen Beziehungen gibt es offensichtlich einige Vorurteile. Viele Menschen glauben, im Kern gehe es doch um Bedürfnisbefriedigung und Sex. Welche Rolle spielt das Ihrer Ansicht nach wirklich?

Cornelia Jönsson: Natürlich geht es um Bedürfnisse, das tut es immer. Man liebt einen Menschen um seiner selbst willen, aber das ist kein Grund, mit ihm eine Beziehung, welcher Art auch immer zu haben. Eltern lieben ihre erwachsenen Kinder in der Regel sehr, aber sie kommen ganz gut mit einer relativ lockeren Beziehung zurecht. Das wir jemanden heiraten, liegt nicht nur daran, dass wir ihn lieben, sondern auch daran, dass wir gern verheiratet sein möchten, das wir gern die Last des Lebens und auch seine Freuden auf zwei Paar Schultern verteilen möchten. Ich denke nicht, dass es eine Beziehung gibt, an die man gar keine Bedürfnisse stellt.

Wenn man polyamor lebt, dann muss man aber nicht verzweifelt nach dem einen Mensch suchen, der alle eigenen Bedürfnisse auf einen Schlag erfüllt. Man kann mit einem geliebten Menschen glücklich zusammenleben, auch wenn er nicht alle Bedürfnisse erfüllt. Weil man außerdem noch mit anderen Menschen zusammen sein kann. Dabei geht es natürlich auch um Sex. Aber im Begriff Polyamorie liegt ja das Wort Liebe. Es ist also nicht nötig, jemanden bloß zu treffen, um Sex zu haben, während für alles andere der Partner zuständig ist. Es ist erlaubt, denjenigen, mit dem man tollen Sex hat, auch zu mögen oder zu lieben, mit ihm Nächte und Urlaube zu verbringen. Niemand ist von vorn herein bloß Affäre oder One-Night-Stand.

Seitensprung-Fibel.de: Und wie ist das mit der Treue in offenen Beziehungen? Gibt es so etwas überhaupt und wie wird Treue offen gelebt?

Cornelia Jönsson: Die Menschen verwechseln oft sexuelle Exklusivität mit Treue, obwohl etymologisch beides gar nichts miteinander zu tun hat. Sexuelle Exklusivität gibt es in offenen Beziehungen natürlich nicht, Treue – also langfristige Verbindlichkeit, Loyalität, Unterstützung, Zugehörigkeit in guten wie in schlechten Zeiten hingegen schon.

Seitensprung-Fibel.de: Das flexible Beziehungsgeflecht, das Sie schildern, klingt sehr aufregend und prickelnd. Aber irgendwie auch anstrengend – man muss sich sehr mit sich selbst und den Gefühlen anderer auseinandersetzen. Kann eine offene Beziehung eigentlich auch langweilig werden und in pseudomonogames Fahrwasser geraten?

Cornelia Jönsson:Ja, Polyamorie ist wirklich anstrengend. Das ist, glaube ich, in Wahrheit der häufigste Grund dafür, warum sich Menschen für Monoamorie entscheiden.

Es ist schrecklich anstrengend, sich zu verlieben, so schön es auch ist. Es ist einfach anstrengend, zu arbeiten, sich um Kinder, Familie, Haushalt, Sport, Freunde etc. zu kümmern, auf den Verkehr zu achten, nicht gegen einen Laternenpfahl zu rennen und so weiter, während man einfach immerimmerimmer an jemand anderes denkt. Das Verliebtsein allein ist schon so anstrengend, das viele Menschen das gar nicht allzu oft im Leben gebrauchen können. Und dann ist es anstrengend, ständig Absprachen zu treffen, zu planen, zu koordinieren, Rücksicht zu nehmen, emphatisch zu sein, sich Diskussionen und Bedürfnissen zu stellen.

Wenn ich Pech habe, hat meine Freundin wochenlang Liebeskummer wegen ihrem Mann, mein Mann ist gestresst wegen seiner Arbeit, seine Freundin hat Angst, dass sie mir in unserer Wohnung zur Last fällt und meine beste Freundin braucht außerdem Unterstützung beim Umzug, während mein Bruder an seiner Promotion verzweifelt. Keiner amüsiert sich mit mir, keiner hat Lust auf Sex, keiner hat den Kopf frei für meine Probleme und ich muss mich nicht nur um mein Leben kümmern, sondern auch noch um drei andere. Aber so ist das eben, alles hat seinen Preis. Es kommen dann auch wieder Zeiten der potenzierten Freude.

Ich glaube allerdings schon, dass es Menschen gibt, die einfach andere Prioritäten in ihrem Leben haben als erotisch-romantisches Beziehungsglück und die deshalb nicht bereit sind, soviel Zeit und Energie in ihr Liebesleben zu investieren, die stattdessen beispielsweise ihren Beruf als Lebensmittelpunkt sehen. Und das hat dann natürlich genauso seine Berechtigung.

Liebe Frau Cornelia Jönsson, wir danken Ihnen herzlich für dieses Gespräch!



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