Ersticken Zweierbeziehungen letztendlich an ihrer Ausschließlichkeit?

Partnerschaft: Liebe ist kein Besitzdenken

Aufrichtige Liebe und Besitzdenken passen nicht zusammen. Dieser Aussage möchte wohl niemand ernsthaft widersprechen. Jedenfalls nicht in unserem aufgeklärten Kulturkreis, in dem Männer und Frauen ihre Liebespartner frei wählen können.

Dennoch erhitzen sich über dieses Thema die Gemüter, ob in Foren oder an Kneipentischen. Denn es wirft jede Menge Fragen auf, die man je nach Blickwinkel unterschiedlich beantworten kann – und jede Antwort ist so richtig oder so falsch wie die andere. Ein objektives Regelwerk, anhand dessen »richtige« Beziehungsliebe definiert werden kann, gibt es nicht. Gerade das macht die Diskussion so spannend.

Zum Beispiel über Fragen wie: Wo verläuft die Grenze zwischen freiwilliger Monogamie und zwangsweisem Verzicht auf die Erfüllung individueller Bedürfnisse? Gibt es so etwas wie einen Anspruch auf körperliche Treue? Ist sexuelle Exklusivität ein Liebesbeweis – oder nur Egoismus, erzeugt durch Besitzdenken und Verlustängste? Und wie steht’s umgekehrt: Warum scheint sexuelle Offenheit so schwer vereinbar mit inniger Beziehungsliebe zu sein?

Die Themen dieses Beitrags:

Liebe machen vs. Sex: Gibt es einen Unterschied?

Sagen wir es ganz klar, ohne Weichspüler und Romantikfaktor: Diese semantische Trennung dient in erster Linie dazu, einen außerehelichen Seitensprung oder eine Affäre pauschal als emotionsloses Sex-Abenteuer ohne Bedeutung abzuwerten. Gleichzeitig wird die Beziehungsliebe als hehre, reine Angelegenheit dargestellt. Eine unfaire Wertung, die lediglich Klischees bedient, aber keineswegs zum besseren zwischenmenschlichen Verständnis beiträgt.

Genau dieser Wertung verdanken wir es, dass durch das kollektive Denken der Mythos geistert, sexuelle Offenheit sei gleichbedeutend mit Beziehungsunfähigkeit. Wer will allen Ernstes von außen beurteilen, was zwei Menschen füreinander empfinden? Warum muss einem One-Night-Stand jegliches Gefühl, vielleicht sogar eine Art Liebe abgesprochen werden, nur weil es sich »offiziell« nicht gehört, für einen fremden Sexpartner mehr als nur animalische Geilheit zu empfinden?

Ebensowenig avanciert die körperliche Liebe innerhalb einer monogamen Beziehung automatisch zum höchsten der Gefühle. Sich jede Lust auf fremde Haut gewaltsam zu verkneifen, ist noch lange kein Indiz für eine glückliche Partnerschaft. Warum wohl gehen 50 Prozent aller liierten Männer und Frauen im Laufe ihrer Beziehung fremd? Weil das monogame Liebesleben in allen Fällen so erfüllend und befriedigend ist?

Ach Schatz, es war doch nur Sex, es bedeutet nichts!

Kommt Ihnen der Satz bekannt vor? Vielleicht haben Sie ihn auch schon einmal selbst verwendet, um einen One-Night-Stand oder eine Affäre nachträglich vor dem betrogenen Partner zu verharmlosen? Dann kann es sein, dass Sie sich selbst das Leben unnötig schwer machen, indem Sie Ihre eigenen Bedürfnisse und Wahrnehmungen künstlich klein halten. »Nur Sex« gibt es nämlich ebenso wenig wie »nur Liebe« oder »nur Ehe« (Prostitution lassen wir einmal außen vor). Betrachten wir uns, was hinter diesen Formulierungen steckt: Ängste, Hemmungen und vor allem ein ziemlich ungesundes Schubladendenken.

Öffnen Sie die Schublade und fragen Sie sich, ohne sich selbst zu zensieren: Wie haben Sie sich wirklich gefühlt während der Begegnung mit dem anderen Menschen? Unbeschwert, albern, ausgelassen? Vielleicht verstanden und angenommen, auf eine andere Art, als Sie es aus Ihrer Beziehung kennen? Womöglich sind Sie aufgeblüht, weil Sie ganz unverhofft sexuelle Bewunderung und Bestätigung erfahren haben, und weil es Ihnen gelungen ist, einen fremden Menschen zur Ekstase zu bringen? Vielleicht waren Sie ja für ein paar Stunden mal wieder richtig verliebt? Vielleicht aber auch das Gegenteil: Sie wollten nur mal abschalten und lockeren Sex genießen, ohne die vielen Details einer emotionalen Verbindung?

All das ist viel zu facettenreich, um es als »nur Sex« abzustempeln. Sex ist in diesem emotionalen Theaterstück bestenfalls der Epilog, der Showdown. Viel wichtiger sind Ouvertüre, erster Akt und Kern der Seitensprung-Handlung. Denn diese führen letztendlich zum Bruch der Monogamie. Bleiben wir also noch ein wenig beim Schubladendenken bzw. bei seinen Folgen.

Der Schlüssel zum Glück: Monogamie, Polygamie, Polyamorie?

Die körperliche Liebe scheint für viele Paare eine Art Privatbesitz zu sein, über dessen Verwendung nicht diskutiert werden darf. Gehört so, muss so, bleibt für alle Zeiten so. Dieser Besitzanspruch verleiht ein trügerisches Gefühl von Sicherheit, weil er eine ernsthafte Auseinandersetzung mit intimen Bedürfnissen ersetzt bzw. verdrängt. Doch die vermeintliche Sicherheit birgt die Gefahr, dass sich innerhalb der Beziehung feste Verhaltensmuster, Erwartungen und stillschweigend formulierte Ansprüche etablieren, die Heimlichkeiten und Betrug geradezu provozieren. Weil eventuell aufkeimende Bedürfnisse als verboten empfunden und unterdrückt werden. Und was passiert mit unterdrückten Bedürfnissen? Genau.

Wer innerhalb vorgefertigter Strukturen nach dem Geheimnis einer glücklichen Beziehung sucht, wird garantiert nicht fündig. Starre Konzepte können bestenfalls eine Richtung vorgeben, Anhaltspunkte liefern. Ein Ersatz für die ehrliche Selbstreflektion sind sie nicht. Eine diktatorische Polygamie kann ebenso unfrei und unglücklich machen wie eine zwangsweise gelebte Monogamie, wenn sich Ihr Innerstes dagegen wehrt.

Der schleichende Wandel vom Lieben zum Habenwollen

Selbst viele moderne, reflektierte Menschen folgen noch immer gerne einem populären Muster, das da heißt: potenziellen Partner kennenlernen, ihn für sich gewinnen, ein gesellschaftlich anerkanntes Beziehungsmodell errichten und von da an innerhalb dieser Strukturen monogam leben.

Der Fehler im System ist schon in der Wortwahl zu erkennen: Jemanden »für sich gewinnen« zu wollen hat relativ wenig mit einem freiwilligem Bekenntnis zueinander zu tun Oder mit Liebe. Sondern damit, sich möglichst beziehungstauglich und pflegeleicht zu präsentieren, um das avisierte Objekt der Begierde/den potenziellen Kindsvater/die potenzielle Ehefrau zu akquirieren und anschließend zu besitzen, am besten noch besiegelt durch eine Heiratsurkunde.

Zum Verhängnis kann so ein Muster werden, wenn dabei mehr Wert auf die äußere Struktur als auf ein wirkliches Kennenlernen gelegt wird. Wer sich nur auf ein Beziehungsmodell einigt, sprich auf einen gemeinsamen Nenner, der läuft Gefahr, alles wegzublenden, was nicht dazu passt. Dadurch lässt sich eine Art gemütliche, träge Scheinharmonie erzeugen, die jede Menge Ausschlussklauseln kennt. Schwierig wird es, wenn im späteren Verlauf der Beziehung einer oder beide Beteiligte sich weiterentwickeln. Vorausgesetzt, sie geben sich gegenseitig überhaupt die Gelegenheit dazu ...

In der Art, wie Beziehungsmodelle verbal benannt und definiert werden, liegt übrigens sehr viel Wahrheit! Achten Sie einmal darauf, wie die Menschen sich in Ihrer Umgebung über Beziehungen äußern. Sie werden staunen, wie oft dabei eingrenzende Vokabeln und Possessivpronomen (besitzanzeigende Fürwörter) vorkommen, die den jeweiligen Partner eher wie ein Objekt, aber nicht wie einen geliebten Menschen erscheinen lassen. Ob zwei oder mehrere Liebende füreinander Respekt und aufrichtige Zuneigung empfinden, spiegelt sich nicht in großen Erklärungen, sondern vielmehr zwischen den Zeilen und in kleinen, unbedachten Nebensätzen.

Das gilt auch für die so genannten progressiven Beziehungsformen, in denen konservative Strukturen bereits aufgebrochen wurden. Vor lauter Selbstverwirklichung und »anders sein wollen« konnte sich hier ein ähnlich rigoroses Vokabular wie in erzkonservativen Kreisen entwickeln. Aus »alles kann, nichts muss« droht »alles muss« zu werden.

Vorurteil Nr. 1: Monogamie bedeutet Verzicht

Bei aller Vielfalt der Meinungen zieht sich ein Vorurteil wie ein roter Faden durch Thesen und Meinungen: das Märchen von der monogamen Beziehung, die nur unter Opfern, Zwängen und Bedürfnisverleugnung zu leben sei.

Natürlich scheint es aufregender zu sein, sich auszumalen, wie polyamore Netzwerke oder polygame Beziehungen wohl funktionieren. Eine monogame Liebesbeziehung wirkt da vergleichsweise unspektakulär. Überzeugte Bigamisten und Polygamisten vertreten sogar in der Öffentlichkeit häufig den Standpunkt, dass das Konzept der monogamen Beziehung grundsätzlich unmenschlich sei, weil es den Partner als Eigentum, als Objekt versachlichen und daher beide Beteiligte unfrei machen würde.

Es erfordert im Zeitalter fallender Grenzen und tabuloser Freizügigkeit ein wenig Einfühlungsvermögen, um sich vorstellen zu können, das zwei Menschen freiwillig, ganz ohne Verzichtsempfinden und Besitzdenken einander körperlich treu sein wollen. Nicht weil sie sich gegenseitig mit Verboten und Forderungen überziehen, sondern weil sie die sexuelle Exklusivität als erfüllend und bereichernd empfinden. Und weil die Monogamie ihnen einen vertrauensvollen Rahmen für hemmungslose sexuelle Experimentierfreudigkeit und Selbstverwirklichung bietet, der sich mit Außenpartnern so nicht erzeugen lässt. Diesen Paaren vorzuwerfen, sie seien rückständig oder besitzergreifend, ist ebenso intolerant wie übergriffig und lässt auf einen beschränkten Horizont schließen. Vielleicht auch auf ein wenig Neid ...

Freiheit und Abenteuer oder doch nur Bindungsangst?

Warum ist es für manche Menschen so wichtig, zumindest theoretisch einen Freibrief für’s Fremdgehen zu haben? Angst, etwas zu verpassen? Geht es um die immerwährende Neugier auf neue Sexpartner? Darum, die Lust eines fremden Menschen zu erleben und sich davon mitreißen zu lassen? Ist es ganz simpel nur der Wettlauf zum Orgasmus? Oder handelt es sich am Ende um gar kein echtes Bedürfnis, sondern um die Illusion von Selbstverwirklichung, eine kleine trotzige Revolution gegen allzu konservative, lustfeindliche Strukturen?

Die Frage, warum jemand keine sexuelle Exklusivität leben kann oder will, ob nun phasenweise oder lebenslang, lässt sich nicht verbindlich beantworten. Einfach nur Bindungsunfähigkeit zu unterstellen wäre allerdings ebenso falsch wie monogam lebenden Paaren grundsätzlich eine intakte Bindungsfähigkeit zu unterstellen. Denken wir nur an all die Ehepaare, die trotz erkalteter Liebe und nicht vorhandenem Sexleben aus Gewohnheit, wirtschaftlichen Zwängen oder Angst vor dem Alleinsein zusammenbleiben. Es gibt daher nur ein einziges Kriterium bei der Suche nach der idealen Beziehungsform:

Wie fühlt es sich an?

Eine Monogamie wider Willen ist kein Patentrezept für heile Beziehungswelt, sondern ebenso verlogen und ungesund wie ein erzwungenes Öffnen der Beziehung. Der Schlüssel zum Glück ist also nicht ein bestimmtes Beziehungskonzept, sondern die Freiwilligkeit, mit der sich beide Partner aufeinander einlassen. Die perfekte, tiefe und ehrliche Liebesbeziehung beginnt nicht mit starren Regeln, sondern zuerst im Kopf und im Herzen, mit einem offenen Geist.

Versuchen Sie einfach einmal, sich vorzustellen, dass polyamor und/oder polygam lebende Menschen keine bindungsunfähigen Gefühlskrüppel sind, sondern aufrichtige Liebe füreinander empfinden. Wie fühlt sich der Gedanke an? Können Sie sich auch vorstellen, dass zwei Menschen sich ein Leben lang freiwillig treu sind und nicht etwa aus Verklemmtheit oder Angst, sondern aus Liebe heraus miteinander exklusiv eine erfüllte Sexualität leben, ohne das kleinste Defizitempfinden?

Schaffen Sie es, beide Varianten ohne jede Bewertung nebeneinander stehen zu lassen, als gleichberechtigte Liebes- und Lebensentwürfe? Und wo wir gerade bei Grundsatzfragen sind: Können Sie sich von veralteten Kommunikationskillern wie »darüber kann ich mit meinem Partner nicht sprechen«, »das würde er/sie niemals verstehen« oder »so etwas gehört sich nicht« trennen?

Auch wenn Sie derzeit keine beziehungstechnische Grundsatzentscheidung zu treffen haben, es kann sich lohnen, dieses Thema ab und zu einmal hervorzuholen und darüber nachzudenken. Oder noch besser, ihm nachzuspüren. Niemand kann Ihnen und Ihrem Partner sagen, was richtig oder falsch für Sie ist. Aber je mehr Sie sich von vorgefertigten Schablonen und Strukturen verabschieden und ohne Verlustangst, Besitzdenken oder äußere Zwänge Ihr Beziehungsleben gestalten, umso näher kommen Sie Ihrem ganz persönlichen Liebesglück!

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