Eine Familie, in der wir uns nicht mit Rollenmustern oder Umständen befassen müssen, sondern um unserer selbst Willen geliebt werden. Auf eine unzerstörbare, bedingungslos hehre Weise. Ebenso sind sich alle Kulturen, Religionen und Gesellschaften einig darin, dass wir nach unserem Lebensende wieder in diese Seelenfamilie zurückkehren, sobald wir alle Erfahrungen gesammelt haben, die für uns bestimmt sind. Zu diesen Erfahrungen zählt offenbar auch das Erleben von Liebe auf höchst vielschichtige Art und Weise. Selbst in atheistischen Kulturkreisen wird dieses Ideal vertreten.
Inkarnationsthese hin oder her, die Frage lautet: Ist die Suche nach dem Lebenspartner in Wahrheit auch die Suche nach einem Seelenpartner, der uns an die Geborgenheit im Einssein erinnert? Dafür spricht, dass jede glückliche Liebesbeziehung in der Lage ist, unsere Sehnsucht zumindest vorübergehend zu stillen und selbst uralten Schmerz zu lindern.
Dieser Gedanke könnte dem Begriff »ewige Liebe« eine neue Dimension geben. Denn unsere Liebesfähigkeit ist ja nicht an Termine oder Begegnungen gebunden, sondern besteht vom ersten bis zum letzten Moment unseres Lebens. Sie ist einfach da und wartet darauf, gelebt zu werden. Wie lange und mit wem, das entscheiden wir. Und jede zu Ende gehende Liebesbeziehung triggert diesen Schmerz erneut. Je nachdem, wie oft wir bereit sind, ihn zu ertragen, bevor er uns schließlich umbringt, bleiben wir bei einem Partner oder stürzen uns in immer neue Liebesbeziehungen. Nur um irgendwann festzustellen: Diese eine, tiefe Sehnsucht kann nicht durch einen anderen Menschen gestillt werden, sondern nur eine Änderung unserer Überzeugungen. Die Art, wie wir Liebe erleben und empfangen, entscheidet darüber, ob sie uns gut tut oder nicht. Egal, wie nahe sich zwei Seelen kommen. Oder ihre Körper.
Verrückt nach dem großen Kribbeln
Es gibt Ouvertüren-Sex, und es gibt intime Leidenschaft. Ersteres passiert, wenn wir uns im Rausch der Verliebtheit unsere Sehnsucht nach körperlicher Nähe erfüllen. Wenn jedes Gespräch, jede Berührung nur Vorspiel zu leidenschaftlichen Sex sind. Tiefes Vertrauen, Verbundenheit, Liebe? Unnötig. Doch Ouvertüren enden nach einer bestimmten Anzahl von Takten. Entweder verfliegt die gegenseitige Anziehung - oder sie ist stark genug für den nächsten Akt, sprich Alltag. Dann kann daraus Intimität werden. Sexueller Austausch, der nur möglich ist, wenn zwei Menschen sich sehr gut kennen, sich bedingungslos vertrauen und ihre Phantasien, sexuellen Wünsche und Sehnsüchte offen miteinander teilen. Wodurch eine intensivere körperliche Erfüllung möglich ist als mit jedem noch so heißen Ouvertüren-Sex. Und was, wenn nicht?Wie viel Freiheit braucht die Liebe?
Monogamie ist ein hehres Ziel. Paare, die in geistiger, seelischer und körperlicher Liebe über Jahrzehnte auch guten Sex miteinander teilen, wissen um ihr Glück. Voraussetzung für dieses Glück ist allerdings, dass beide es wollen. Der größte Sexkiller in einer Beziehung ist nämlich nicht, wie gemeinhin vermutet, der schnöde Alltagstrott, sondern: die Angst vor offener Kommunikation! Sex in der Ehe nach bewährtem Schema im Alltag unterzubringen, ist nur eine Frage der Organisation. Doch wenn sich die persönliche Vorlieben verändern, muss geredet werden. Zwingend. Und genau hier scheitern viele Paare.Zu einer offenen Kommunikation über Sex und Erotik gehören zwei Dinge: Vertrauen und Freiheit. Das Vertrauen, vom Partner nicht verurteilt zu werden, und die Freiheit, ohne Zwänge oder emotionale Abhängigkeit mit dem geliebten Menschen zusammen sein zu dürfen, Ehering hin oder her. Nur auf dieser Basis ist es möglich, Phantasien und Wünsche nicht nur heimlich zu hegen, sondern sie auszuformulieren, mit dem Partner zu teilen - und im Idealfall auch umzusetzen.
Das klingt nach Arbeit. Ist es auch. Aber für den einen oder Anderen lohnt es sich: Die ehrliche Kommunikation über unerfüllte Wünsche wirkt wie ein Jungbrunnen und schützt Liebende vor dem schleichenden Absinken in die Gleichgültigkeit, die so viele langjährige Beziehungen fest im Griff hat. Und vor ihren Folgen. Denn haben Gleichgültigkeit und Unzufriedenheit erst einmal Einzug in einer Beziehung gehalten, so ist es nur noch ein kleiner Schritt zum Seitensprung.
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