Was als Affäre begann wurde zu einer neuen Beziehung und zu einem neuen Leben

»Dank der Affäre fing mein neues Leben an«

Manchmal kann sich eine negative Lebenssituation unerwartet in eine positive wandeln. Wie heißt es so schön? „Wenn sich eine Tür schließt, öffnet sich eine neue“. Susanne hatte sich eigentlich mit ihrem Eheleben arrangiert, bis ihr die unerwartete Begegnung mit einem Unbekannten zu einem komplett neuen Leben verhalf, das jetzt kurz vor der Erfüllung steht. Denn erst dadurch wurde ihr schmerzlich bewusst, dass sie die letzten Jahre gar nicht ihr eigenes Leben lebte, und sie in der vermeintlichen Komfortzone, die eigentlich keine war, viel zu lange verharrte.

»Meine Ehe plätscherte emotionslos vor sich hin und ich hatte mich schon fast mit meinem Schicksal abgefunden seelisch und sexuell zu verdorren. Aber ich kämpfte um meine Ehe und wollte so schnell nicht aufgeben. Fremdgehen hatte ich nie auf dem Plan. Das sprach gegen meine Überzeugung. Dass sich dann alles in eine völlig andere Richtung entwickelte und ich mein altes Leben hinter mir lassen würde, hätte ich nie für möglich gehalten.«

Susanne*, 53 Jahre, Zahnarzthelferin

Wir haben mit Susanne über ihr Eheleben gesprochen und wollten wissen, wie es dazu kam, dass sie ihre bisherige Einstellung zum Thema Fremdgehen über Bord warf. Vor allem: wie konnte ein anderer Mann ihr Leben ins Wanken bringen?

Interview geführt am 13.01.2018

Die Seitensprung-Fibel: Wie geht es Dir heute, Susanne?

Susanne: Eigentlich ganz gut, aber ich vermisse Marc etwas, wir hatten in letzter Zeit leider nicht so viel Zeit für uns. Ich recherchiere gerade für unseren Zukunftsplan, das macht Spaß und lenkt ab. Unser gemeinsamer Traum ist nämlich ein Ziegenhof mit Hofladen.

Die Seitensprung-Fibel: Und wie geht es Marc?

Susanne: Marc ist im Moment beruflich oft unterwegs, es stehen im ersten Quartal noch einige Messen auf dem Plan. Er ist zwar auch noch verheiratet, aber schon länger von seiner Frau getrennt, jeder hat eine eigene Wohnung. Kinder haben sie zum Glück nicht, so ist die Scheidung nur noch eine Formsache.

Die Seitensprung-Fibel: Ihr seid beide verheiratet und führt seit zwei Jahren eine heimliche Beziehung. Wie kam es dazu?

Susanne: Ich bin da einfach so hineingestolpert. *Susanne lacht* Seelenverwandtschaft oder Schicksal, nennen Sie es wie Sie wollen. Ich glaube ja nicht an Zufälle, es hat wohl so sein sollen. Alles hat einen Sinn und wenn ich nicht diese Ehe geführt hätte, wäre ich vor zwei Jahren Marc wahrscheinlich nie im Fitnessstudio begegnet.

Rückblickend denke ich, dass ich nach meiner Hochzeit meine Bedürfnisse nie wahrgenommen habe. Ich hatte mich in meiner kleinen Welt eingerichtet und nahm alles als Lauf der Dinge wahr. Ich erzog die Kinder, kümmerte mich um den Haushalt, umsorgte meinen Mann und hielt ihm den Rücken frei und habe dabei ganz vergessen, dass ich auch noch ein Leben hatte.

Ich hatte mich im Fitnessstudio angemeldet, um wieder mal positive Menschen um mich zu haben und etwas für mich zu tun. Und es war einfach toll, der Sport hat mir Spaß gemacht und ich konzentrierte mich zur Abwechslung mal nur auf mich selbst. Das war ein schönes Gefühl … und so begegnete ich Marc.

Nach dem Training trank ich noch in Ruhe meinen Eiweiß-Drink an der Theke und plauderte noch mit dem einen oder anderen. Und dann, ich weiß es noch wie heute, kam Marc um die Ecke und setzte sich neben mich. Er war neu angemeldet und fragte mich wie es hier so läuft und wie lange ich schon in dem Studio bin. Puuuh, er hatte eine starke Anziehungskraft, die mich total nervös machte. Ich wusste überhaupt nicht, wie mir geschieht. An diesem Abend kreiste mein Gedankenkarussell ziemlich wild, als ich nach Hause ging.

Die Seitensprung-Fibel: Gab es denn etwas, was Du in Deiner Beziehung vermisst hattest?

Susanne: Jein, jedenfalls nicht bewusst. Ich habe vor Marc nie darüber nachgedacht. Sicher, rückblickend gab es viele Situationen, in denen ich mich etwas einsam und unzufrieden gefühlt habe. Andreas spielte jedoch das meiste runter, so sind Beziehungen halt, wenn sie länger dauern, das waren oft seine Worte.

Ich erinnere mich zum Beispiel an eine Situation, als er sich mal wieder an einem Wochenende mit seinen Kumpels verabredet hatte, obwohl wir einen gemeinsamen Tag geplant hatten. Ich hatte mich so auf eine Schifffahrt gefreut und sogar das Wetter spielte mit. Daraus wurde aber nichts, er hatte es vergessen und wie gesagt eine Motorradtour mit seinen Freunden unternommen mit den Worten „Das Schiffchenfahren können wir ja auch ein andermal machen“.

Leider war das „Vergessen“ sehr oft der Fall, und wenn wir es dann mal schafften, uns wenigstens zu einem gemeinsamen Abendessen in unserem ehemaligen Lieblingslokal aufzuraffen, saßen wir uns ohne Gesprächsthema gegenüber. Mein Gott, das war mir irgendwie peinlich. Wenn ich früher solche Pärchen beobachtete, dachte ich immer „die haben sich auch nichts mehr zu sagen“. Im Prinzip war dann so eine Aktion für Andreas wohl nur reine Pflichterfüllung.

Aber irgendwie schaffte ich es immer, diese Situationen zu überspielen, in dem ich mich am Ende ablenkte oder mir einredete, das ist halt so, es wird bald besser. Was mir aber wirklich gefehlt hatte, das hat mir erst Marc gezeigt. Gute Gespräche (über Gott und die Welt reden), Lachen, gleiche Interessen und Wertevorstellungen und vor allem dieser Blick, wenn er »mich haben möchte«, dann schmelze ich nur da hin. Ich bin ein Mensch, der zunächst auf geistiger Ebene von einem Mann angezogen werden muss, dann folgt die sexuelle Anziehungskraft. Marc stimuliert mich sozusagen in mehreren Bereichen.

Die Seitensprung-Fibel: Glaubst Du, dass Andreas von Eurer Affäre etwas ahnt?

Susanne: Nein, das glaube ich nicht. Er lässt mir ziemlich viele Freiheiten und ich glaube sogar, er ist ganz froh, wenn ich was mit meinen Freundinnen mache. Dann hat er kein schlechtes Gewissen, dass er nichts mit mir unternimmt. An zeitlichen Freiräumen mangelt es mir also nicht.

Die Seitensprung-Fibel: Hast Du jemanden aus Deinem Freundeskreis eingeweiht, mit dem Du darüber sprechen kannst?

Susanne: Nein, auf keinen Fall! Ich habe niemanden ins Vertrauen gezogen, da ich aus Erfahrung weiß, dass nicht jeder seinen Mund halten kann. Das ist schon bei kleinen Dingen so, geschweige denn eine Affäre betreffend.

Ich schweige und genieße, das insbesondere weil meine beste Freundin von ihrem Mann jahrelang mit einer Prostituierten betrogen wurde, in die er sich dann auch verliebt hatte. Das zog viel Kummer und Schmerz nach sich, Paartherapie bis hin zu einer Trennung auf Zeit. Heute sind sie wieder zusammen, aber sie ist nie wirklich darüber hinweggekommen. Immer, wenn wir auf das Thema zu sprechen kommen, fühle ich ihren Schmerz und die Verurteilung von Fremdgehen. Mit ihr kann ich darüber also nicht sprechen, weil hier zwei gegensätzliche Erfahrugen aufeinander prallen.

Die Seitensprung-Fibel: Wie stehst Du zum Thema Fremdgehen und hast Du deswegen ein schlechtes Gewissen?

Susanne: Wir leben zwar in „aufgeklärten“ Zeiten, aber Fremdgehen hat irgendwie immer noch einen „verwerflichen Touch“, obwohl es jeder Zweite tut. Wie passt das denn zusammen? Der, der betrügt, ist für die meisten dann auch der Schuldige. Aber so einfach ist das nun auch nicht.

Auch ich fand Fremdgehen früher nicht prickelnd und hätte das für mich nie in Betracht gezogen. Für mich galt das eheliche Versprechen, das man sich gegeben hatte, und ich bin nicht der Typ, der beim geringsten Problem gleich die Flinte ins Korn wirft. Das sehe ich heute etwas anders. Es gibt eben Situationen im Leben, die man alleine nicht ändern kann. Wenn sich zwei Menschen in verschiedene Richtungen entwickeln (oder einer gar nicht mehr), dann muss man einfach auf der Eheautobahn die „Ausfahrt“ nehmen.

Denn jeder Mensch hat das Recht glücklich zu sein. Ich habe mich wieder an mein Motto von früher erinnert: „Jeder ist seines Glückes Schmied“. Von allein ändert sich nichts, also muss ich selbst etwas ändern. Ich bin dem Himmel dankbar, dass ich Marc begegnet bin, sonst wäre ich wohl zum seelischen (und auch sexuellen) Dahinsiechen in einer Ehe verurteilt gewesen, die schon lange keine mehr war. Noch ein bisschen länger und ich hätte vielleicht gar nicht mehr die Kraft zum Ausbrechen gefunden, wer weiß …

Insofern hat mein Seitensprung mein Leben nicht nur bereichert, er hat es, wenn man so will, auch gerettet, denn ich habe wieder das Gefühl zu leben!

Die Seitensprung-Fibel: Hast Du denn keine Angst, dass Deine Affäre auch mal auffliegt?

Susanne: Ja, die Angst ist ein ständiger Begleiter, mal mehr, mal weniger. Erst letztens habe ich gedacht, dass Andreas dahintergekommen ist. Ich hatte ein Angebot eines Grundstücks und einen Sachkundelehrgang für Ziegenhaltung ausgedruckt, das ich mit Marc anschauen/besprechen wollte, auf meinem Schreibtisch liegen lassen. Den Ausdruck hatte ich mit ein paar handschriftlichen Notizen versehen und Andreas hat es zufällig gesehen und sich gewundert. In der Not habe ich eine Freundin einer Freundin erfunden, die sich dafür interessiert und der ich Mithilfe bei der Suche angeboten hatte. Puuuhh, das war knapp, aber man wird mit der Zeit auch recht erfinderisch.

Aber die Angst ist nicht mehr wie zu Anfang. Einerseits wiege ich mich nach so vielen Jahren des Nichtaufdeckens in Sicherheit, andererseits habe ich den Entschluss gefasst, mich von meinem Mann zu trennen, wenn die Kinder aus dem Haus sind.

Die Seitensprung-Fibel: Wie geht es nun weiter für Dich? Und wo siehst Du Dich in 10 Jahren?

Susanne: Nun ja, meine Kinder sind in absehbarer Zeit ganz aus dem Haus. Der „Kleine“ hat gerade seine Ausbildung beendet und wird sich nächstes Jahr eine WG suchen. Der ältere studiert, kommt sporadisch nach Hause, ist aber sozusagen schon abgenabelt.

Marc wird bis nächstes Jahr auch geschieden sein und wenn es mit uns weiter so gut läuft, möchte ich wie gesagt auch Nägel mit Köpfen machen und mich von meinem Mann trennen. Marc geht in zwei Jahren in den Vorruhestand, dann möchten wir unseren Ziegenhof mit einem kleinen Hofladen starten. Wir sind beide Naturmenschen und freuen uns schon total auf den neuen Lebensabschnitt.

Die Seitensprung-Fibel: Wann willst Du Deinen Mann einweihen?

Susanne: Tja, das ist so eine Sache. Eigentlich bin ich sonst eine ehrliche Haut. In diesem Fall habe ich mich nach langem Überlegen dazu entschlossen, meinem Mann noch nichts von der Affäre zu sagen. Das würde so sicher wie das Amen in der Kirche zu Streitereien und unschönen Szenen führen. Manchmal überkommt mich da schon ein ungutes Gefühl. Andererseits, was erwartet er denn nach all den Jahren? Ich habe lange versucht der Ehe wieder Leben einzuhauchen, es hat nichts genutzt. Ich werde die „Büchse der Pandora“ also erst öffnen, kurz bevor ich meinen Mann verlassen werde.

Die Seitensprung-Fibel: Zu guter Letzt ein Ratschlag für unsere Leser: was empfiehlst Du Menschen, die sich in einer ähnlichen Situation befinden?

Ich kann nur jedem empfehlen, nicht zu lange in einer hoffnungslosen Situation zu verweilen und im Prinzip Lebenszeit zu verschenken. Das soll nicht heißen, dass man eine Beziehung vorschnell aufgeben soll. Die Bemühungen sollten jedoch nicht einseitig sein, sonst kämpft man wie Don Quichotte gegen Windmühlen. Das Ideal wäre sicher ein klarer Schnitt, aber wann, bitteschön, läuft das Leben geradeaus? Dass Fremdgehen mal mein Weg in ein neues Leben sein würde, hätte ich auch nicht gedacht, aber ich bin froh, dass ich „schwach“ wurde und freue mich auf mein neues Leben mit einem tollen Mann.

Liebe Susanne, wir danken Dir herzlich für dieses Gespräch!

*Name von der Redaktion geändert

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