Verheiratete Paare haben sich vor Zeugen nicht nur das Ja-Wort gegeben, sondern auch Treue – unter Umständen sogar bis zum Tod – geschworen. Sicher mit dem besten Vorsätzen und in der Gewissheit, dies auch durchhalten zu können. Klar, anderen passiert es zwar dauernd – Promis, den Nachbarn, vielleicht sogar der eigenen Schwester. Aber man selbst ist überzeugt: Uns betrifft das nicht. Wir sind anders. Fremdgehen steht für uns außer Frage.
»Ich hatte was getrunken«
Und dann kommt eines Tages das böse Erwachen: womöglich mit verkatertem Kopf neben einem Wildfremden im Tagungshotel. Oder neben der besten Freundin, mit der »Mann« sich sonst nur zum Joggen und Bierchentrinken getroffen hat. In dieser Situation finden sich oft ganz schnell Gründe, warum jetzt plötzlich die Ausnahme die Regel bestätigen musste. Hormone, Gene, Alkohol – wer fremdgeht, findet gerne Ausreden für den Seitensprung, die außerhalb des eigenen Einflussbereichs liegen. Wie viele Rechtfertigungsversuche beginnen mit den Worten: »Ich hatte was getrunken, sonst wär mir das nie passiert«? Und wie viele Herren der Schöpfung führen gerne die Macht der Natur ins Feld? »Das ist genetisch so vorprogrammiert – Männer müssen mehrere Frauen haben, um den Fortbestand der Menschheit zu sichern.« Wer hat nun Recht? Wie kommt es, dass wir einerseits so moralisch strenge Maßstäbe an eine Beziehung anlegen, Treue einfordern und bedingungslos versprechen – und andererseits dann diesem Wunsch in der Wirklichkeit doch oft nicht standhalten können?Auch wenn die gesellschaftliche Entwicklung dem zu widersprechen scheint: »Tatsächlich ist die Treue sehr zeitgemäß«. Dies sagt der Berliner Psychologe, Psychotherapeut und Autor Wolfgang Krüger, der sich schon seit mehr als 30 Jahren mit dem Thema beschäftigt. »Wir brauchen kräftige soziale Wurzeln, um von den Stürmen des Lebens nicht fortgeweht zu werden.» Auch Victor Chu schreibt in seinem Buch Von der schwierigen Kunst treu zu sein: Warum wir betrügen, was wir lieben : »Die Zeit scheint reif zu sein, menschliche Werte wieder in den Mittelpunkt zu stellen. In vielen Bereichen, sowohl im Privatleben als auch im gesellschaftlichen Zusammenleben, sind Beziehungen bedrohlich brüchig geworden.« Die Folgerung daraus: Der Wunsch nach stabilen, verlässlichen Beziehungen ist gerade in den westlichen Industrienationen wieder zunehmend ausgeprägt.
Williges Fleisch, schwacher Geist
Eine gute Voraussetzung, um den vielen Einflussfaktoren etwas entgegenzusetzen, die dauerhaft monogame Beziehungen oft verhindern. Ein starker Wille kann Berge versetzen – und auch in Beziehungen Unheil verhindern helfen. Dennoch ist es sinnvoll, die unterschiedlichen Faktoren zu beleuchten, die dazu führen, dass das Fleisch irgendwann schwach wird. Und vielleicht gilt es auch, die eigenen Wertmaßstäbe zu überdenken. Gibt es Fälle, in denen ein Seitensprung des Partners verzeihbar wäre? Gibt es Möglichkeiten, Untreue zu verhindern? Und was kann man tun, damit Treue nicht nur Ausdruck der eigenen Resignation wird? Wann ist zum Beispiel Treue nur ein Zeichen falscher Anpassung, wann lähmt sie das Entwicklungspotenzial einer Beziehung? Was kann man dafür tun, die eigene Partnerschaft so lebendig zu erhalten, dass das Bedürfnis schwindet, sich außerhalb Bestätigung – sexuelle, emotionale, geistige – zu suchen? Dieser Artikel hat 5 Seiten. Lesen Sie auch . . .Seite 1: Sind Treue Seelen rar?
Seite 2: Der Traum von der Einzigartigkeit
Seite 3: Evolution oder Revolution?
Seite 4: Bloß nichts verpassen!
Seite 5: Bloß nichts verpassen!















