SEXUALITÄT IM ALTER – WER TREPPENSTEIGEN KANN, KANN AUCH SEX PRAKTIZIEREN

Schadengebilde einer Dreiecksbeziehung

Sex im Alter – Wahre Lust kennt keine Altersgrenze

Die Nachricht wurde derzeit genüsslich in der Boulevardpresse zelebriert: Jean Pütz, seines Zeichens genialer Erfinder, Buchautor und Fernsehstar, wird im stolzen Alter von 74 Jahren noch einmal Vater. Wer ihn und seine 30 Jahre jüngere Ehefrau zusammen sieht, dürfte davon nicht überrascht sein: Der Mann strahlt eine Vitalität und Lebensfreude aus, von der sich mancher 40-Jährige eine Scheibe abschneiden könnte. Sich selbst bezeichnete er übrigens kürzlich bei einem öffentlichen Auftritt als »Lustmolch« – nicht ganz scherzhaft, wie man an der Reaktion seiner schwangeren Gattin erkennen konnte...

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An der Universität Chicago wurde eine Studie mit 3005 Senioren durchgeführt, die über ihr Sexualverhalten Auskunft gaben. Dabei ging es nicht nur um partnerschaftlichen Sex, sondern auch um Selbstbefriedigung. Ergebnis: 73 Prozent aller Befragten zwischen 57 und 64 Jahren haben regelmäßig Sex. Bei den 65 bis 74jährigen sind es immer noch 53 Prozent. Erst jenseits der 75 sinkt die Quote der sexuell aktiven Männer und Frauen auf 26 Prozent. Wobei für dieses Absinken nach Meinung der Forscher nicht etwa nachlassende Lust oder Desinteresse verantwortlich sind, sondern rein körperliche »Liebeskiller« wie Diabetes oder Bluthochdruck, die eine genussvolle Sexualität naturgemäß erschweren. Aber nicht verhindern. So erklärte einer der Studienleiter: »Wer Treppensteigen kann, kann auch Sex praktizieren.« Na, das macht doch Mut!

Interessant ist das statistische Verhältnis von Männern zu Frauen: 81 Prozent aller körperlich gesunden Männer und 51 Prozent der Frauen zwischen 57 und 85 Jahren haben regelmäßig Sex. Leider ist der Grund dafür nicht etwa die angeblich nachlassende Libido bei den Damen, sondern die Tatsache, dass Männer nun einmal früher sterben als Frauen und sich eine trauernde Witwe aus nachvollziehbaren Gründen nicht unbedingt gleich ins nächste Liebesabenteuer stürzt. Grundsätzlich lassen diese Zahlen auf eine erfreuliche sexuelle Aktivität des älteren Semesters schließen. Warum halten sich dennoch die landläufigen Vorurteile und Irrtümer über Sex im Alter so hartnäckig?

Fehlprogrammierung durch lustfeindliche Erziehung

Noch während der 80er Jahre galt »Rentnersex« als etwas, das gefälligst hinter zugezogenen Vorhängen stattzufinden habe und weder in der Medienlandschaft noch im Gespräch thematisiert werden darf. Sollen die Alten doch sehen, wie sie klarkommen. Glücklicherweise ist dieses diskriminierende Denken heute auf dem Rückzug. Mit steigendem Altersdurchschnitt und dem Verblassen des Jugendwahns in der Werbung rückt auch die ehrliche, konstruktive Diskussion über Sex jenseits der 65 in die alltägliche Kommunikation.

Verliebt turtelnde Senioren werden nicht mehr schräg angeschaut, sondern gehören ebenso wie knutschende Teenager zum öffentlichen Stadtbild. Im letzten Drittel des Lebens eine erfüllte Sexualität genießen zu dürfen, gehört also zu den großen Privilegien unserer modernen Gesellschaft.Noch größer ist das Privileg, darüber öffentlich diskutieren zu können und konkrete Fragen stellen zu dürfen. Denn ganz so unkompliziert, wie es auf den ersten Blick wirkt, ist die aktive Sexualität im Alter leider nicht.

Was vor allem daran liegt, dass die heutige Generation 65+ in einem extrem lustfeindlichen Umfeld aufgewachsen ist. Wir erinnern uns mit Gruseln an den Mythos vom Rückenmarksschwund durch Masturbieren. Oder das Märchen, dass die Anzahl der Orgasmen bei Mädchen begrenzt sei und man sie keinesfalls durch allzu häufige Selbstbefriedigung »aufbrauchen« dürfe. Sex dient der Familiengründung, basta. Genuss? Sexuelle Phantasien ausleben? Partnerwechsel? Rollenspiele? Bi- oder Homosexualität? Fetische? Gott bewahre, doch nicht bei uns. Was sollen denn die Nachbarn denken!

Wer es unter solchen Umständen schaffte, Kinder in die Welt zu setzen, großzuziehen und ins Erwachsenenleben zu verabschieden, ohne dabei auch nur einmal über seine eigenen sexuellen Defizite zu stolpern, lebt entweder entgegen aller erzieherischer Dogmen eine beneidenswert erfüllte Sexualität – oder steht spätestens in der Lebensmitte vor einem Problem. Warum? Weil mit dem Abschluss der Familienplanung in einer so lustfern orientierten Lebensgemeinschaft ein handfester Grund zu sexueller Aktivität fehlt. Das Bedürfnis danach ist aber in jedem emotional gesunden Menschen vorhanden, ebenso wie ein aktiver Sexualtrieb. Bedürfnisse lassen sich eine Weile unterdrücken, doch nicht wegzaubern. Was tun? Das letzte Lebensdrittel mit Modelleisenbahnen und Kaffeeklatsch verbringen?

Der Schlüssel liegt im Unterschied zwischen Alter und Reife

Haben Sie sich schon einmal Gedanken über diese beiden Begriffe gemacht? Wenn nicht, gönnen Sie sich diesen Luxus. Denn genau hier liegt der Hund begraben. Körperliche Alterung geschieht von allein. Emotionale, seelische und sexuelle Reife hingegen sind hart erarbeitet, oft unter schmerzhaften Erfahrungen gewonnen und erfordern eine fortwährende Selbstreflektion. Und einen kontinuierlichen Dialog mit dem betreffenden Partner. Auch ein gesundes Selbstwertgefühl und das Wohlfühlen im eigenen Körper entstehen nicht mit den Jahren von allein, sondern erfordern tatsächlich »Arbeit«. Seelenarbeit, wenn Sie so wollen.

Klassische Situation in der Altersgruppe 65+: Der männliche Partner leidet unter heimlichen Versagensängsten. Statt sich darüber mit seiner Partnerin auszutauschen, stellt er rein vorsorglich seine Annäherungsversuche ein. Welche Schlüsse zieht die Partnerin daraus? Richtig: Sie vermutet eine Affäre, unausgesprochene Konflikte oder eigene Unzulänglichkeiten, vielleicht sogar aufgrund körperlicher Veränderungen, die scheinbar ihre Attraktivität schmälern. Auch hierüber wird nicht gesprochen. Und so schweigen sich die beiden lustlos an, statt ihr Sexualleben auf den Prüfstand zu bringen und neu auszurichten. Zum Glück gibt’s eine bedeutend mehr Spaß bringende Alternative.

Wieso hat Oma mehr Sex als ich, schämt sie sich nicht?

Falls Sie glauben, diese Fragen seien frei erfunden, täuschen Sie sich. Leider repräsentieren sie eine Einstellung, die unter den scheinbar aufgeklärten 18-25jährigen ab und zu anzutreffen ist. Sexuell aktive ältere Männer sind cool, besonders, wenn sie deutlich jüngere Frauen an ihrer Seite haben, ältere Frauen mit jüngeren Lovern dagegen werden als grüne Witwe, Cougar, MILF und ähnlich herabwürdigend betitelt. Zur Argumentationshilfe wird der viel zitierte hormonelle Umschwung während der Wechseljahre strapaziert, der es Frauen jenseits der 55 angeblich unmöglich machen soll, Lust zu empfinden.

Ein Erfahrungsbericht von Josefine, 67 Jahre und verheiratet

»Meinen ersten Orgasmus erlebte ich mit 59, als ich mich nach 35 Jahren monogamer Ehe auf ein illegitimes Verhältnis mit einem jüngeren Mann einließ. Das hat mein weibliches Selbstverständnis auf den Kopf gestellt. Danach hatte ich vier Möglichkeiten: in meine sexuell unerfüllte Ehe zurückkehren, weiterhin heimliche Verhältnisse führen, mich trennen oder meinen Mann für ein aktives Sexualleben begeistern. Variante vier war die schwierigste, aber ich wollte es versuchen, denn die Liebe zu meinem Mann ist ja nach wie vor ungebrochen.« Und wie ging der Versuch aus? »Mein Mann war erst schockiert, dann wütend, dann begeistert. Er war felsenfest davon überzeugt, dass ich an Sex keinerlei Interesse mehr hätte!« Er lernte nach 35 Ehejahren eine neue Frau an seiner Seite kennen: mich. Eine Frau, die unabhängig von Mutterrolle und Klischees sexuelle Bedürfnisse hat, Lust empfindet und diese aktiv ausleben will. Wir kannten unsere geheimen Phantasien nicht. Wir wusste nicht, was den anderen so richtig in Fahrt bringt. Wir hatten während unserer gesamten Ehe zum Beispiel kein einziges Mal Oralsex, weil wir beide so erzogen worden waren, dass sich das nicht gehört. Also hatten wir auch keine Ahnung, wie viel Spaß das macht!«

FSD, oder: Das Märchen von der weiblichen Unlust

Pünktlich zum Millennium geisterte die Nachricht einer mysteriösen hormonell bedingten Störung mit dem Namen FSD Female Sexual Dysfunction durch die Presse. Angeblich leiden unter dieser Erkrankung über 50 Prozent aller Frauen jenseits der Wechseljahre. Zentrale Merkmale seien Libidoverlust und finale Orgasmusunfähigkeit. Die Pharmaindustrie wartete auch gleich mit einem Allheilmittel auf, das ähnlich wie Viagra für gesteigerte Durchblutung der Schwellkörper in der weiblichen Klitoris sorgen und Abhilfe schaffen soll. Klingt absurd? Ist es auch.

Es kam, wie es kommen musste: Das Medikament entpuppte sich als wirkungslos, und die angebliche Krankheit verschwand aus Indikationslisten ebenso schnell wie aus der Presse. Heute gilt FSD in Fachkreisen als ebenso ernstzunehmende Krankheit wie der Wolpertinger als Tierart oder Nordic Walking als Fitnesstraining. Aber woher kommt sie denn, die Unlust im Alter?

Warum Viagra & Co. nichts mit gutem Sex zu tun haben

Es klingt so einfach. Blaue Pillen einwerfen, und los geht’s. Und gegen störende Trockenheit helfen Gleitcremes und Gels. Oder? Eben nicht. Es sei denn, Sie wenden diese Mittelchen im Kopf an, denn dort wird die Unlust erzeugt. Fangen wir bei den Männern an. Ein Tabuthema der männlichen Sexualität vermiest älteren Paaren das Leben, bringt aber auch Single-Männer in Schwierigkeiten: Erektionsstörungen, die nicht durch Viagra zu beheben sind, also keine körperliche Ursache haben.

Nun sind zeitweilige Potenzschwächen nichts Besonderes, eine vorübergehende Flaute kann selbst gesunde Männer um die 30 ereilen, wenn Stress und Erschöpfung die Lust auf Sex besiegen. Schwierig wird’s, wenn die Potenzschwäche sich nur beim partnerschaftlichen Sex bemerkbar macht, während beim Masturbieren problemlos eine Erektion zustande kommt.

Wussten Sie, dass berufliche Rückstufungen wie Vorruhestand, Kurzarbeit oder Pensionierung kollektive Metaphern für Potenzverlust darstellen? Und von den betroffenen Männern prompt als solche erlebt werden, inklusive Testosteron-Mangel und angeknackster sexueller Selbstsicherheit? Auch eine Vasektomie, die ja per se nichts mit Potenz zu tun haben kann, kann sich auf das Stehvermögen auswirken. Das Gehirn trickst hierbei den Körper aus. Hier hilft kein Arzt und kein Medikament, sondern – wie so oft – nur ein offenes Gespräch dabei, die unbewussten Versagensängste aufzulösen.

Das weibliche Pendant äußert sich in einem rückläufigen Östrogenspiegel und dem Verlust des Lustempfindens. So unglaublich es klingt, aber das Gefühl, nicht mehr begehrenswert zu sein, kann eine hormonelle Kettenreaktion in Gang setzen, die sich in Depressionen, Schlafstörungen und einem abstürzenden Östrogenspiegel manifestiert! Ausnahme: Eine »echte« medizinische Indikation für chronische Unlust liegt nach der operativen Entnahme der Eierstöcke vor, wodurch eine hormonelle Unterversorgung entsteht, die aber mit entsprechenden Ersatzpräparaten korrigiert werden kann.

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Ist guter Sex eventuell ein Privileg des Alters?

Bevor nun die jüngeren Jahrgänge empört aufschreien, Entwarnung. Natürlich lässt sich guter Sex in jedem Alter praktizieren. Doch was »guter« Sex ist, darüber existieren ebenso viele unterschiedliche Ansichten, wie es sexuell aktive Menschen gibt.

Fakt ist: Für ältere Paare gelten Spielregeln, die jüngere Menschen noch nicht kennen können – bauartbedingt. Weil das tiefe Vertrauen einer gewachsenen, sturmerprobten Liebesbeziehung beiden Partnern ermöglicht, sich so zu zeigen, wie sie sind. Sozusagen all inclusive. Bezieht sich das zwischen 25 und 35 fast ausschließlich auf charakterliche Eigenheiten, so spielen mit voranschreitendem Lebensalter auch die Aspekte Scham und Körpergefühl eine große Rolle. Liebe, Zärtlichkeit und Sex lassen sich daher in einer gefestigten, langjährigen Zweierbeziehung vertrauensvoller leben als in flüchtigen Lebensabschnitts-Beziehungen oder promiskuitiven Phasen.

Auch die knackigsten Brüste verlieren irgendwann an Straffheit, und ein Männerpo, der mit 35 am FFK-Strand einen Augenschmaus darstellt, wirkt nun mal mit 65 ganz anders. Hüftgold, Haarausfall, Falten, Wehwehchen, Gelenkschmerzen, Pigmentflecken an allen möglichen und unmöglichen Stellen – der Körper verändert sich. Die Lust nicht. Hier sind wir wieder beim Unterschied zwischen Alter und Reife. Sich mit allen kleinen Makeln und altersbedingten Eigenheiten angenommen fühlen zu können, erfordert seelische und emotionale Reife und ist eine unverzichtbare Voraussetzung für genussvolles »sich Fallenlassen« beim Sex.

Unser Filmtipp für Sie:

  • »Wolke 9« zeigt uns das Liebesleben von Rentner. Das Beachtliche dabei ist, dass der Film immer wieder ungeschönte Nacktszenen zwischen authentischen Darstellern zeigt. In Cannes wurde der Film von den Kritikern der legendären Filmfestspiele gefeiert. Hier geht es zum Film

Kein Mythos: Wer Sex hat, lebt länger

Klingt nach Kneipentisch-Phrase, ist aber eine medizinische Tatsache. Dabei ist es nicht unbedingt notwendig, partnerschaftlichen Sex zu praktizieren. Auch wer zwischendurch nur masturbiert, setzt durch die entsprechende Ausschüttung von Botenstoffen und Hormonen jede Menge lebensverlängernde Prozesse in Gang. Stresshormone werden abgebaut, Schlaflosigkeit und sogar chronische Schmerzen werden gelindert, und dass regelmäßige Orgasmen dem Herzinfarktrisiko entgegenwirken, erklärt sich von selbst. Die erhöhte Pulsfrequenz, die bessere Durchblutung und die daran gekoppelte verbesserte Sauerstoffzufuhr bis in die letzten Zellen und Nervenenden wirkt wie ein Jungbrunnen auf das Herz-Kreislauf-System.

Und: Sex macht schön. Die damit einher gehende Muskelspannung und Durchblutung strafft Haut und Fettgewebe, was sich am deutlichsten im Gesicht bemerkbar macht. Der Spruch vom »inneren Leuchten«, das jemand nach gutem Sex an sich hat, gilt in jedem Lebensalter!

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