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Homosexuelle genauso (un)treu wie Heteros
Schwule genauso (un)treu wie Heteros

Schwule Beziehungen: monogam, polygam oder polyamor?

Was konservative Hetero-Paare (wenn überhaupt) nur hinter verschlossenen Türen besprechen, ist für schwule Paare in Gay Communities ein öffentlich und hitzig diskutiertes Thema: Wie definieren wir in unserer Beziehung Treue? Körperliche Exklusivität? Emotionale Loyalität? Was ist mit »emotional cheating« vs. Austausch von Körperflüssigkeiten?

Schwule genießen in dieser Diskussion den Vorteil, sich nicht mit konventionellem Familiendenken befassen zu müssen, sondern frei ihre persönlichen Bedürfnisse und Meinungen reflektieren zu können – auch kontrovers. Verfolgt man die Dialoge über eine längere Strecke, wird erkennbar, dass in den meisten Gay-Communities zwei Lager mit völlig gegensätzlichen Treue-Definitionen ihre Standpunkte vertreten: monogame Schwule, die sich emotional und körperlich treu sind, und polygame Schwule, die offene Beziehungen leben.

Die Diskussion darüber wird in einem Punkt besonders offensiv geführt: Safe Sex. Während es in heterosexuellen Beziehungen meist um Schwangerschaftsverhütung geht, spielt in schwulen Beziehungen die AIDS-Prävention eine wichtige Rolle. Auch über HIV-Tests wird ganz offen gesprochen. Und während mancher Hetero-Fremdgänger aus Bequemlichkeit auch mal das Kondom »vergisst« (rund 80 Prozent aller Hetero-Seitenspringer hatten mindestens einmal ungeschützten Sex mit einem unbekannten Partner!), geht bei schwulem Gelegenheits-Sex ohne Kondom gar nichts. Doch das Kondom hat in schwulen Beziehungen auch eine symbolische Bedeutung!

Viele schwule Paare haben für sich eine Art »offene Monogamie« vereinbart. Also eine feste, emotional exklusive Beziehung, in der aber gelegentlicher Sex mit Außenpartnern erlaubt ist – sofern keinerlei Körperflüssigkeiten ausgetauscht werden. Blow-Jobs und Geschlechtsverkehr sind nur mit Kondom gestattet, intensive Zungenküsse gelten als Vertrauensbruch. Ungeschützter Sex ist das exklusive Privileg der Basis-Partnerschaft und hat somit einen viel höheren Stellenwert als in Hetero-Beziehungen.

Außerdem gehören zur »offenen Monogamie« einige typische Verhaltensregeln. Gelegenheitssex sollte nie öfter als drei Mal mit dem selben Partner stattfinden, und die Refugien der Basis-Beziehung sind tabu (gemeinsame Wohnung, Stammkneipe, Sportclub etc.).

Natürlich leben manche schwule Paare auch eine konsequent offene Beziehung, d.h. es kommt nicht nur zum Gelegenheitssex mit Außenpartnern, sondern beide Partner führen Parallelbeziehungen zusätzlich zur Partnerschaft, in manchen Fällen auch Beziehungen zu dritt.

Emotionale Treue und rachsüchtige Lover...

Wer hat nicht schon einmal von einer, pardon »Gay Bitch« gehört, einem Mann, der aus Eifersucht und Wut seinen Ex-Freund mit Racheaktionen überzieht? In diesem Falle übertrifft die Realität ausnahmsweise jedes Klischees. Die Schwulenszene in Deutschland ist nämlich relativ übersichtlich. Natürlich gehört nicht jedes schwule Paar einer Gay-Community an, doch man kennt sich dennoch. Es gibt Stammlokale, Sportclubs, Sauna- und Swingerclubs, Gaybars und selbstverständlich die virtuelle stille Post. Schwule Liebesbeziehungen werden oft öffentlich in Chats und Blogs thematisiert, manchmal sogar mit Klarnamen oder Fotos. Man weiß also tagesaktuell, wer neu mit wem liiert ist, oder wer grade mit wem Schluss gemacht hat.

Und so ist das private Liebesleben vieler schwuler Paare nicht so privat, wie es die Betroffenen gerne hätten. Indiskretionen gelten zwar als unverzeihlich, gehören aber zum Alltag. Ein Schnappschuss vom heimlichen Sex ist da eher unspektakulär. Wenn aber ein Mann über seinen Lebensgefährten intime Details ausplaudert, z.B. beim Sex mit einem Außenpartner oder im Chat, ist das ein handfester Grund für eine Beziehungskrise!

Auch die in Schwulenkreisen allgegenwärtigen Grabenkämpfe zwischen überzeugten Polygamisten und Verfechtern der Monogamie werden öffentlich in Chats und Foren ausgetragen. Die sich dabei entspinnenden Dialoge lassen leicht Rückschlüsse auf die Identität des Users zu – und enthalten in der Hitze des Gefechts auch schon mal pikante, private Informationen aus dessen Partnerschaft.

Anders als im heterosexuellen Reihenhaus-Familienuniversum wird in schwulen Kreisen ein Treuebruch mit harten Gegenmaßnahmen geahndet. Emotionaler Betrug wiegt schwerer als ein körperlicher. Wer entgegen einer vereinbarten »offenen Monogamie« ungeschützten Sex mit Außenpartnern hat, oder – noch schlimmer! – einem anderen Mann eine leidenschaftliche Liebeserklärung macht, findet sich schnell am virtuellen Pranger wieder. Besonders beliebt: Zwangsouting des Ex-Partners beim Arbeitgeber.

Generationsbefreite Liebe: Was hält schwule Paare zusammen?

Homosexuelle Männer genießen einen Vorteil, um den sie insgeheim von vielen Hetero-Paaren beneidet werden: Das Thema Fortpflanzung fehlt. Und damit ein ganzes Minenfeld an Zwängen, Konflikten, Entscheidungen und Kompromissen. Homosexuelle Beziehungen dauern statistisch gesehen bei Männern ca. 3 Jahre, bei Frauen 6,5 Jahre. Das ist deutlich kürzer als bei Heteros. Ob das vielleicht daran liegt, dass der »Kitt« fehlt, der ja manche sexlose Ehe durch eine Heiratsurkunde oder konservative Familienstrukturen zusammenhält?

Der Diplom-Psychologe Roland Kirchhof befragte 300 schwule Männer zu diesem Thema. Ergebnis: Schwule Männer sind ebenso treu oder untreu wie Heteros. Allerdings hat sich gezeigt, dass die »offene Monogamie«, also das gegenseitige Zugestehen von Safe-Sex-Kontakten mit Dritten, zur Stabilität der Beziehung beiträgt! Ob das wirklich nur an der Abwesenheit familiärer Verpflichtungen liegt? Vielleicht gibt es in schwulen Beziehungen einfach eine größere, gegenseitige Wertschätzung der individuellen Bedürfnisse? Vielleicht sind auch einfach die Rollen nicht so betonfest verteilt wie in Hetero-Beziehungen?

Die Umfrage zeigte auch, dass heimliches Fremdgehen genau wie in Hetero-Beziehungen gehandhabt wird: nur 26 Prozent aller schwulen Männer beichten ihrem Partner einen Seitensprung. Bei den Heteros sind es zwischen 22 und 49 Prozent, je nach familiären Umständen.

In einem Punkt sind schwule Beziehungen den Heteros allerdings weit voraus. Das Psychologen-Magazin »Journal of Homosexuality« veröffentlichte 2003 die Ergebnisse einer Studie eines Beziehungsinstituts in Seattle. Sie besagt, dass schwule Paare grundsätzlich viel eher als Hetero-Paare bereit sind, sich gegenseitig zuzuhören, aufeinander einzugehen, sich über sexuelle und emotionale Wünsche auszutauschen und über Varianten des Treue-Modells zu sprechen. Eine Aussage, die man sich durchaus als Hetero-Paar an die Kühlschranktür kleben kann!

Denn wenn man darüber nachdenkt, heißt das doch: Das konventionelle, monogame Treue-Verständnis vermittelt einer Beziehung zwar einen gesellschaftlich »abgesegneten« Rahmen, trägt aber nicht automatisch zu einer glücklichen Lebensweise bei, wenn die eigenen Bedürfnisse gänzlich unreflektiert diesen Konventionen untergeordnet werden.

Dieser Artikel hat 2 Seiten. Lesen Sie auch . . .

Seite 1: Treue in homosexuellen Partnerschaften
Seite 2: Schwule Beziehungen: monogam, polygam oder polyamor?

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