Vom Ex- gleich zum next Lover? Wieso manche Menschen sich von einer Beziehung in die nächste stürzen und warum ein warmer Wechsel nicht immer eine gute Idee ist, erfahren Sie hier.

Warmer Wechsel: Zukunft oder Sackgasse?

Die Ex-Liebe ist gerade mal kalt, schon lodert die nächste heiß auf: Manche Menschen stürzen sich nach dem Ende einer Beziehung sofort in die nächste. Warum eigentlich? Und ist dieser »warme Wechsel« gut oder schlecht?

»Tatsächlich leben 18 Monate nach einer Trennung fast 70 Prozent der Frauen in einer neuen Bindung. Aber Männer beginnen eine neue Beziehung häufig wesentlich schneller. Sie überspringen oft den Trauerprozess und stürzen sich in eine neue Beziehung.«

Wolfgang Krüger »Freiraum für die Liebe«

In diesem Artikel erfahren Sie ...

Von einer Beziehung gleich in die nächste

Jeder Mensch reagiert auf das Ende einer Beziehung anders. Der eine vergräbt sich ewig in seinem Liebeskummer, der andere versucht sich durch Affären abzulenken. Dann gibt es noch diejenigen, sie sich schnell jemanden suchen, der ihnen dabei hilft, über die schlimme Zeit nach der Trennung hinwegzukommen. Viele Menschen stürzen sich so nach einer gescheiterten Beziehung gleich in die nächste. Wie schaffen sie es, kurz nach einer Trennung eine neue Partnerschaft einzugehen? Ist das Flexibilität, Angst vor dem Alleinsein? Mut? Verdrängung? Offenheit? Ist das beneidenswert oder doch eher bedauernswert?

Chance oder Notlösung?

Sie werden manchmal als Übergangsbeziehung oder Notlösung bezeichnet. Sie haben ein schlechtes Image und halten oft nicht lange: Beziehungen, die unmittelbar nach einer Trennung beginnen. Im Volksmund wird das manchmal als »warmer Wechsel« bezeichnet. Die eine Beziehung ist noch warm, während die nächste anfängt. So verständlich es auch ist, dass jemand eine gescheiterte Beziehung mit einer neuen Liebe verwinden will, so problematisch kann das sein. Denn die Verliebtheitsgefühle können tiefer liegende Motive haben, wenn man mitten im Kummer steckt.

Aus und doch nicht vorbei – was nach einer Trennung in uns vorgeht

Kaum eine Beziehung endet sang- und klanglos. Meist gehen der Trennung Konflikte voraus, man entfremdet sich und empfindet es vielleicht als Erleichterung, wenn endlich ein Schlussstrich gezogen wird. Bevor der eigentliche Abschied vollzogen werde, beginne eine innere Trennung, schreibt Paartherapeut Wolfgang Krüger in »Freiraum für die Liebe«. Und die fange damit an, dass man fast keine Nähe mehr verspüre.

Wie intensiv die Trauer über das Liebesaus ist, hängt von vielen Faktoren ab. Und auch von der Person: Der eine legt eine Partnerschaft schneller ad acta, der andere braucht länger – vor allem, wenn die Liebesgefühle noch nicht ganz verebbt sind. Tatsache aber ist: Damit wir eine Beziehung innerlich beenden können, müssen wir Trauerarbeit leisten, wieder zu uns selbst kommen:

  • Gewohnheiten ablegen: Keiner sollte die Macht der Gewohnheit unterschätzen. Wer jahre- oder auch nur monatelang mit einer Person Bett und Tisch teilt, eignet sich automatisch bestimmte Rituale an: Das Frühstück im Bett, der Sport, die Serien. Unser Gehirn liebt diese Gleichförmigkeiten und giert nach Wiederholung – weil sie Vertrauen geben und Sicherheit. Da muss erst einmal Gras darüber wachsen, man muss sich von liebgewonnenen Gewohnheiten verabschieden, damit Raum für Neues entstehen kann.
  • Altes »aufarbeiten«: Experten meinen, eine Trennung sei oft ein traumatisches Ereignis. Ähnlich wie bei einem Unfall schaltet unser Gehirn runter, um uns vor Schmerz zu bewahren. Die Folge: Im ersten Moment wollen wir nicht wahrhaben, dass es aus ist, erst allmählich kommt die Gewissheit, dass die Trennung Realität ist. Und dann beginnt die eigentliche Aufarbeitung: War die Ex-Beziehung vielleicht gar nicht gut für uns? Warum war das so? Und woran ist die Liebe letztlich gescheitert? Gab es zu viele Differenzen, hat einer den anderen enttäuscht, war Untreue im Spiel? Oder hat der böse Zahn der Zeit an der Leidenschaft geknabbert? Wer diese Fragen für sich klärt, geht ehrlicher in die nächste Beziehung – weil er aus den Erfahrungen der vergangenen lernen kann.

Warum wir uns lieber gleich wieder neu verlieben

Gefühle sind keine sachliche Angelegenheit. Sie überrollen uns gerne mal dann, wenn wir es gar nicht erwarten. Aber gleich nach einer Trennung können auch das Gründe dafür sein, dass wir sofort auf die nächste Beziehung zusteuern:

Weil unser Ego das braucht

Für den Verlassenen ist eine Trennung das worst-case-Szenario. Nicht nur, dass die Beziehung vorbei ist. Die Person, mit der Schluss gemacht wurde, steht auch als eine Art Verlierer da – schließlich hat der andere aktiv Schluss gemacht. Das ist laut Psychotherapeutin Bärbel Wardetzki eine der schlimmsten Kränkungen, die uns wiederfahren kann. Kein Wunder, dass wir das nicht auf uns sitzen lassen wollen. Unser angeknackstes Ego sehnt sich nach Heilung, ein neuer Partner scheint da ein willkommener Trost und Aufbauhilfe für unser gekränktes Ego.

Weil es vom Liebeskummer ablenkt

Vor allem derjenige, der nicht aktiv den Schritt getan hat, sondern verlassen wurde, leidet unter starken Symptomen. Geht der Partner, so wird dem Körper plötzlich der Signalreiz zur Produktion von bestimmten Glückshormonen entzogen, haben Neurologen festgestellt. Der Verlassene hat dann, ähnlich wie ein Raucher, dem man die Zigarette wegnimmt, Entzugserscheinungen. Davon wollen wir uns ablenken, wollen den Kummer schnell loswerden. Da kommt ein neuer Liebespartner wie gerufen – denn er kann dem hormonellen Ausnahmezustand auf angenehme Weise ein Ende bereiten.

Weil wir es dem Ex heimzahlen wollen

»Pah, Dich brauch ich nicht!« – was gibt es Befriedigenderes, als so etwas dem Ex zu zeigen? Eine neue »Liebe« ist der beste Beweis dafür, dass der Verflossene vergessen ist. Und dass die Gefühle für ihn gar nicht so groß waren. Rachegelüste sind bisweilen ein Motiv dafür, dass manch frisch Getrennter umgehend Ersatz für den Ex-Partner organisiert.

Weil Alleinsein unglücklich macht

Nach einem Jahr Trennungszeit gehe es Frauen fast immer besser und Männern schlechter, sagt Wolfgang Krüger. Männer würden in Panik geraten, wenn sie allein sind, schreibt er in »Freiraum für die Liebe«. Deshalb würden Dreiviertel aller Männer innerhalb eines Jahres eine neue Beziehung eingehen. Und 38 Prozent der Männer lassen sich sogar auf eine neue Partnerschaft ein, obwohl sie die alte noch gar nicht überwunden haben. Das alles, weil sie nicht allein sein wollen – oder können. Krüger meint, gerade Freunde seien eine wichtige Stütze bei der Bewältigung einer gescheiterten Beziehung. Die meisten Männer hätten aber keine Freunde, mit denen sie profane Dinge wie Liebesprobleme besprechen können. Eine neue Partnerin ist gut gegen Kummer.

5 Dinge, die Sie über den »warmen Wechsel« wissen sollten

1) Trauer muss sein!

Auch wenn das Ende nicht aus heiterem Himmel kommt, stecken die meisten Menschen eine gescheiterte Beziehung nicht einfach so weg. Wenn die Liebe erloschen ist, kann mitunter das Paargefühl noch da sein. Bis das vergeht, kann es dauern, meint Paartherapeut Krüger. Und das sollte es auch: Trauer sei nötig nach einer Beziehung, früher habe es dafür die Grundregel gegeben: Für jedes Beziehungsjahr brauche man einen Trauermonat.

2) Eine neue Liebe… ist manchmal ein neues Problem

Zu früh gefreit kann sich auch nach einer gescheiterten Beziehung rächen: Wer sich kopfüber in eine neue Partnerschaft stürzt, übersieht womöglich im Eifer des Gefechts wichtige Dinge. Zum Beispiel, dass der neue Partner nur schlechte Gefühle übertünchen soll und es gar nicht um die Person an sich geht. Oft ist man auch trotz vorhandener Verliebtheit noch nicht wirklich bereit, mit einem neuen Partner voll durchzustarten – im Gegensatz zu diesem. Das zieht dann ganz andere Probleme nach sich. Mal abgesehen davon, dass es dem neuen Partner gegenüber alles andere als fair ist.

3) Vergessen heißt nicht überwunden

Ein warmer Wechsel hat den großen Vorteil, dass er uns dabei hilft, dass wir das Vergangene schneller vergessen. Der Schmerz wird überdeckt, der Ex aus den Gedanken verscheucht. Tatsächlich beobachten Psychologen, dass Kummer besser verkraftet wird, wenn man sich mit Menschen, die einen gern haben, umgibt. Das muss aber nicht unbedingt ein neuer Partner sein. Der gibt vielleicht neues Selbstbewusstsein und beweist, dass man »noch« begehrenswert ist. Aber vergessen heißt nicht unbedingt überwinden: Bisweilen führt eine neue Partnerschaft dazu, dass wir verdrängen, bei unverarbeiteten Gefühlen geht das oft nur eine Zeit lang. Irgendwann kommen sie wieder an die Oberfläche, dann meist wesentlich heftiger.

4) Irren ist nach einer Trennung menschlich

Der Ex-Partner war groß und selbstbewusst – Sie glauben, seine Arroganz war ein Grund dafür, dass es nicht geklappt hat. Da heißt es: Auf zu neuen Ufern, und Sie suchen einen Ersatz, aber ohne die unangenehmen Eigenschaften des Vorgängers. Also lachen Sie sich vielleicht einen mittelgroßen, eher unsicheren Neuen an. Weil dieser Kontrast Sie im Gefühl bestärkt, nicht noch einmal so auf die Nase fallen zu können wie mit Ihrem Ex. Diese Abkehr von Ihrem Beuteschema kann präventives Verhalten sein – oder aber ein großer Irrtum. Erst, wenn Sie der Antwort, warum Ihre Beziehung gescheitert ist, nähergekommen sind, also wissen, ob es der Charakter, die Umstände oder die körperliche Anziehungskraft der Knackpunkt war, können Sie herausfinden, was Sie zukünftig wirklich wollen.

5) Vorsicht vor einer Rebound-Beziehung!

Der Ex ist gerade zur Tür raus, schon kommt der nächste rein: Ein Segen, möchte man meinen. Da ist einer, bei dem man sich ausheulen, allen Kummer abladen kann. Und dann zeigt der einem auch noch, dass er einen attraktiv findet und der Ex sich zum Teufel scheren kann. Gibt es eine bessere Wundheilung? Vielleicht nicht, aber die Beziehung, die sich daraus entwickelt, kann zum Rückschlag werden, zu Englisch Rebound. Der neue Partner ist Lückenbüßer, die Gefühle für ihn egozentrisch. Er wird gebraucht als Seelentröster, der sich die Jammerei über den bösen Ex anhört und Taschentücher reicht. Das kann in eine »Rebound Beziehung« münden, und damit zu einem weiteren Kummerfaktor. Denn in einer solchen Beziehung steckt ein Partner immer noch so tief in seiner alten Beziehung, dass die neue Beziehung eigentlich gar keine Chance hat.

Fazit: Eine Entscheidung treffen – 3 Tipps

Eine gescheiterte Liebe ist für Ihre nächste Beziehung vielleicht das Beste, was Ihnen passieren kann. Das meint der Brite Andrew G. Marshall. So schrecklich eine Trennung auch sei, so viele Chancen könne sie einem auch bieten, schreibt der Paarberater in »Kann ich dir jemals wieder vertrauen?«. Mit etwas Zeit und Arbeit werde jeder wieder lernen zu lieben, auch wenn die Ex-Beziehung dramatisch etwa durch Untreue in die Brüche gegangen sei. Geschiedenen beispielsweise falle es auch leichter, eine neue Liebe zu finden, als jemandem, der noch nie in einer langjährigen Beziehung war. Der schnelle Sprung in die nächste Beziehung kann auch tatsächlich helfen, die Liebesschmerzen zu überwinden, das haben etwa Psychologen der Universität Bonn herausgefunden. Die Wunden von Trennungen verheilen eigentlich erst durch eine neue Partnerschaft.

Ein warmer Wechsel kann heilsam sein, hat aber auch Tücken

  • Sie sollten sich Zeit lassen, die gescheiterte Beziehung richtig zu verdauen und hinter sich zu lassen. Ansonsten besteht die Gefahr, dass Sie alte Verletzungen und ungelöste Konflikte in die neue Partnerschaft tragen. Und das haben weder Sie, noch Ihr neuer Partner verdient.
  • Wenn Sie gleich nach einer Trennung heftige Gefühle für eine andere Person hegen, sollten Sie behutsam sein – mit Ihren Emotionen und denen des »Neuen«: Seien Sie ehrlich zu sich selbst und prüfen Sie, wie stark Ihre Bindung zum Ex noch ist.
  • Ob Sie reif sind für eine neue Partnerschaft, lässt sich laut Wolfgang Krüger ermitteln. Ob Sie wirklich keine Erwartungen mehr an den Ex haben und damit wirklich frei für eine neue Liebe sind, zeigt ihm zufolge ein einfacher Test: Fragen Sie sich selbst, ob Sie fähig wären, Ihren ehemaligen Partner bei Liebesproblemen zu beraten, wenn er eine neue Beziehung beginnt. Lautet Ihre Antwort ja, dann sind Sie wirklich darüber hinweg. Gehen Sie bei der Vorstellung, sich seine Liebesprobleme anzuhören, an die Decke, dann sind Sie noch nicht fertig mit der alten Liebe.

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