Erwachsner Mann spielt mit einem Spielzeugauto

Von ewigen Buben und echten Kerlen: Warum manche Männer nie groß werden und woran man das Peter-Pan-Syndrom erkennt

Fun statt Verantwortung, Kleinkindgehabe statt Charakterstärke: Manche Männer wollen partout nicht erwachsen werden. Bei einigen steckt das Peter-Pan-Syndrom dahinter.

»Erwachsen ist ein Mann dann, wenn er eine intime gleichberechtigte Beziehung zu einem anderen Menschen über längere Zeit leben und genießen kann und einen angemessenen Kontakt zu seinen Eltern pflegt.«

Paartherapeut Roland Kopp-Wichmann

Die Themen dieses Beitrags:

Wenn das Kind im Manne die Lebensregie übernimmt

Jens ist echt cool. Er fährt mit dem Skateboard ins Büro, trägt pastellfarbene Chucks und ein Sleeve-Tatoo auf dem rechten Unterarm. Jedes Wochenende tingelt er durch die Clubs der Stadt, alle zwei Jahre ist ihm nach einem neuen Job – seine berufliche Freiheit ist ihm Gold wert, dafür verzichtet er auf ein gesichertes Einkommen. Bei seinen Kumpels ist er beliebt, Frauen fahren auf ihn ab. Seit längerem ist er zwar fest liiert, aber so richtig mit Kinderkriegen und Zusammenziehen will er noch nicht, lieber erst noch austoben, bevor er sich verbindlich bindet. Beneidenswert? Da gibt es nur eine Tatsache, die irritiert: Jens ist 38 Jahre alt. Und damit eigentlich im besten Mannesalter, oder besser gesagt: In einem Alter, in dem viele schon beruflich oder privat irgendwie gesettelt sind.

Jeder führt sich in einer Beziehung mal kindisch auf oder greift zurück auf Verhaltensweisen, die Kindergartencharakter haben. Bei manchen Männern allerdings ist das mehr als eine schlechte Angewohnheit oder eine boah-bin-ich-toll-Marotte. Männer wie Jens etwa können in Beziehungen für die Partnerin eine große Herausforderung sein.

  • Da gibt es diese Typen, die sich verhalten, als wären sie noch 17 und ohne Verpflichtung oder Verantwortungen. Sie haben viele Leidenschaften, legen sich mit vielen ins Bett, aber nie wirklich fest.
  • Oder sie leben in einer Beziehung und sind da, aber doch nicht anwesend, weil sie sich nie voll und ganz auf die Partnerschaft einlassen und kneifen, wenn es ernst wird.
  • Dann gibt es noch Männer, die sich in einer Beziehung aufführen wie kleine Buben, die trotzen, wenn sie nicht bekommen, was sie wollen und von ihrer Partnerin erwarten, dass sie sie hätschelt und tätschelt wie Mutti.

Kommen mehrere Faktoren zusammen, wird so ein Verhalten in der Psychologie als Peter-Pan-Syndrom bezeichnet – das ist keine psychische Störung, sondern ein häufig vorkommendes Phänomen. Der Begriff stammt vom amerikanischen Familientherapeuten Dan Kiley, angelehnt ist er an die Hauptfigur aus der gleichnamigen britischen Kindergeschichte. Peter Pan überredet darin drei Geschwister zu einem Ausflug in sein traumhaftes Nimmerland. Die Geschwister bekommen Heimweh und kehren nach Hause zurück, Peter Pan will sein Leben im ewigen Spiel verbringen – und bleibt einsam zurück.

Kiley prägte den Begriff für Männer, die sich kindisch oder kindlich benehmen und nie wirklich erwachsen werden. Ihm zufolge steckt dahinter die Angst, den Anforderungen nicht gerecht werden zu können – weil ihn die Realität überfordert, flüchtet sich der Peter-Pan-Mann in sein persönliches »Nimmerland«.

6 Symptome für das Peter-Pan-Syndrom

  • Verantwortungslosigkeit: Die Männer schrecken zurück vor Pflichten, schieben wichtige Aufgaben vor sich her. Fehler gestehen sie sich nie ein, sie suchen die Schuld in äußeren Umständen oder bei anderen.
  • Angst und Schuldgefühl: Sie verbergen eine Art Schuldgefühl den Eltern gegenüber und sind unfähig, tiefe Liebe für andere zu empfinden.
  • Einsamkeit: Sie sind ständig auf der Suche nach neuen Freunden, haben aber kaum enge Bindungen, dafür viele oberflächliche Bekanntschaften.
  • Sexueller Rollenkonflikt: Sexbeziehungen können sie schnell knüpfen, auch längere Partnerschaften ergeben sich, die aber meist nicht auf Augenhöhe stattfinden.
  • Narzissmus: Übertriebene Selbstliebe kennzeichnet diese Männer – die auf der anderen Seite ein sehr geringes Selbstbewusstsein haben, das sie oft mit Perfektionismus ausbügeln wollen.
  • Chauvinismus: Frauen gegenüber geben sie sich betont cool, reden oft abfällig über »Weiber« und lassen den Macho raushängen.

Ursachen und Gründe für das Peter-Pan-Syndrom

Psychologen meinen, die Ursache für das Syndrom – das tatsächlich nur für Männer beschrieben ist – liege nachweislich in der Kindheit. Die Patienten von Kiley zum Beispiel hatten meistens einen strengen Vater und fühlten sich ungeliebt. Psychologen unterscheiden zwei typische Konstellationen. Die Eltern finden alles toll, was ihr Kind macht, sind komplett unkritisch. Zugleich herrscht in der Familie eine kühle, distanzierte Atmosphäre. Oder die Eltern sind überfürsorglich, machen den Sohn zum »ewigen« Kind. Grenzen werden kaum gesetzt, die Eltern nehmen dem Sohn alle Pflichten und Entscheidungen ab. Neben der Erziehung sollen auch bestimmte Persönlichkeitseigenschaften wie eine hohe Extraversion und eine geringe Emotionalität in Kombination mit bestimmten Umgebungseinflüssen dazu beitragen, dass ein Mann nicht erwachsen werden kann.

4 Anzeichen, dass er noch nicht erwachsen ist

Aber nicht jeder Mann, der auf jugendlich macht, ist ein verkappter Peter Pan – oft ist das auch Ausdruck einer Lebenseinstellung. Soziologen sehen dahinter auch ein gesellschaftliches Phänomen: Der Druck auf Männer, jung und cool zu erscheinen, ist immens gestiegen, zugleich grassiert die Angst vor dem Alter, das längst nicht mehr für Gelassenheit und Weisheit steht. Roland Kopp-Wichmann hat sich mit dem Phänomen ausführlich beschäftigt. In seinem Buch Frauen wollen erwachsene Männer erklärt er, besonders wenn es ein Mann nicht geschafft habe, sich von den Eltern wirklich abzulösen, könne das die Paarbeziehung empfindlich stören. Der Heidelberger Paartherapeut nennt unter anderem diese Anzeichen dafür, dass ein Mann noch nicht (beziehungs-)reif ist:

    Er kann eigene Wünsche schwer wahrnehmen und äußern: Unerwachsene Männer haben ein Problem damit, eigene Bedürfnisse aufzuspüren und sie dann zu artikulieren. Es fällt ihnen schwer, eine Balance zu finden – vor allem, wenn die Partnerin ganz andere Bedürfnisse hat. Da scheint es leichter, sich dem anderen anzupassen, so geht Mann unangenehmen Konflikten aus dem Weg und muss nicht Verantwortung übernehmen.

    Er kann nicht nein sagen – aber auch nicht ja: Wenn man offen dazu steht, was man will, muss man mit Ablehnung rechnen. Dem versuchen unerwachsene Männer auszuweichen – indem sie nicht nein sagen, wenn sie es meinen und vor klaren Entscheidungen zurückscheuen.

    Er muss immer der Chef sein – sonst gibt´s Ärger: Auch diese Variante ist verbreitet, besonders bei beruflich erfolgreichen Männern. Im Zusammenleben wenden sie dieselbe Strategie an, die sie im Job nach vorne bringt: Sie geben den Ton an, dulden keine Widerrede und verhindern damit eine gleichberechtigte Auseinandersetzung.

    Er hat ein seltsames Verhältnis – zu seinen Eltern: Zu enger Kontakt, nur sporadisch oder gar nicht mehr – eine fehlende Ablösung von den Eltern kann sich unterschiedlich auswirken. Ein normales Verhältnis ist gekennzeichnet davon, dass Mann regelmäßigen Kontakt hat, sich aber weder im positiven noch negativen Sinne von den Eltern in sein (Liebes-) Leben hineinreden lässt.

4 Typen, die nicht erwachsen sind

Das Muttersöhnchen: Er will es seiner Mama recht machen und ewig der brave Junge bleiben – das zeigt sich laut Kopp-Wichmann oft darin, dass ein solcher Mann wenig männlich erscheint. Das Verhältnis zur Mutter ist sehr eng, ihr Einfluss gewaltig. Er findet es normal, dass die Mutter noch die Hemden kauft und legt großen Wert auf ihre Meinung, nach der er sich meistens richtet. So ist er in der Beziehung: Die Partnerin ist Mutter-Ersatz, in einer Partnerschaft erwartet er, dass die Frau ihm das gleiche Wohlgefühl verschafft – wie bei Muttern soll es daheim sein. Falls es Probleme gibt, verlagert er sich aufs Nörgeln und Jammern, denn einen wirklichen Streit will er lieber nicht provozieren. Mutti könnte ja bös werden.

Der Möchtegernheld: Er ist der Typ einsamer Cowboy, der sich gern in der Rolle des Frauenretters sieht – und die steht ihm ganz gut. Er ist attraktiv, beherrscht die Formen des guten Umgangs und besitzt den Charme, den es braucht, um Frauen um den Finger zu wickeln. Letzteres verkommt bei ihm zum Selbstzweck, gleichberechtigte Beziehungen gehen bei ihm schlecht. Denn ist er stark – dann muss die Frau schwach sein, sonst gerät seine Vorstellung von einem attraktiven Machtverhältnis ins Wanken. So ist er in der Beziehung: Er verdient das Geld und die Lorbeeren, sie werkelt daheim und hält sich im Hintergrund. Super. So soll es bleiben, wenn es nach ihm geht: Die Frau ist die Schwache, er der ganze Kerl. Ändert sich daran was, wird es schwierig, dann rebelliert der Held und kann sehr unangenehm werden – seine Stärke setzt er dann nämlich ein, um seine Wünsche durchzuboxen.

Der Prinz: Narziss lässt grüßen: Dieser Mann hält sich für ganz toll und will bewundert werden. Nein, er setzt weibliche Anerkennung voraus. Bekommt er sie, ist alles bene. Dann ist er der netteste, charmanteste, unterhaltsamste Typ, den Sie sich denken können. Weht ihm aber ein kritischer Wind entgegen oder lassen Sie es an Bewunderung mangeln, steigt er aus: Dann reagiert er beleidigt und gekränkt. So ist er in der Beziehung: Kriegt er nicht, was er will, wird er richtig bockig, macht Vorwürfe und verhindert so eine ernsthafte Auseinandersetzung. Er zieht sich auch gerne zurück, wenn es brenzlig wird und straft Sie mit Nichtachtung – immerhin haben Sie dem Prinzen widersprochen.

Der Casanova: Er legt es darauf an, eine Frau zu erobern, und zwar mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln. Verführerisch, attraktiv, zuvorkommend, verständnisvoll – das kann er richtig gut. Mühelos gewinnt er damit Frauenherzen, hat er die aber erobert, verlieren sie den Reiz für ihn. Dann heißt es: Auf zur nächsten Herausforderung. Denn ihm geht es letztlich darum, sein Ego zu bestätigen. So ist er in der Beziehung: Ein Auf und Ab der Gefühle kann das werden, je nach seiner Stimmungslage und Verhalten der Partnerin. Mal abgesehen davon, dass dieser Typ sich ohnehin nicht so gerne bindet und lieber weiterzieht, wenn eine Sache im Kasten ist. Oder er sucht sich Affären, weil er sich so den für sein Selbstwertgefühl dringend nötigen Eroberungskick verschaffen kann.

Fazit: So können Sie als Frau mit einem unerwachsenen Mann umgehen

Mann, wird endlich erwachsen! Ein solcher Appell bringt kaum etwas. Es gäbe kein Problem in Reinform, sagt Kopp-Wichmann, ebenso wenig wie allgemein gültige Erklärungen oder Lösungen. Außerdem gingen Paarprobleme immer von beiden Partnern aus, vieles liege auch daran, dass Paare wenig miteinander reden oder Gespräche in die falsche Richtung gehen würden. Wenn Sie den Eindruck haben, dass Ihr Mann nicht erwachsen ist und Sie das als Ursache vieler Beziehungsschwierigkeiten werten, können Sie gegensteuern. Zunächst einmal müssen Sie sich aber klar machen, dass auch Sie Ihren Anteil an dem Zustand der Partnerschaft tragen. Dann könnte Ihnen auch das helfen:

Sie sind nicht schuld – machen Sie sich das bewusst

Glauben Sie, Ihr Mann wäre netter oder unkomplizierter, wenn Sie mehr Sex und weniger Ansprüche hätten? Befreien Sie sich schleunigst von dem Gedanken, Sie würden die Verantwortung für das Verhalten Ihres Mannes tragen. Sie leisten dazu Ihren Anteil, aber mehr auch nicht.

Hören Sie auf, Ihren Mann erziehen zu wollen

Er räumt nie auf, wird schnell motzig, wenn er seinen Willen nicht kriegt und ignoriert ihre Bedürfnisse. Was machen Sie dann: Ermahnen Sie ihn im Kleinkindton, halten Sie ihm sein Verhalten vor? Dann sind Sie in die Mutterrolle gerutscht und versuchen, Ihren Mann umzuerziehen. Das klappt nie! Sie haben bei Ihrem Partner keinen Erziehungsauftrag, Sie können Ihren Partner auch gar nicht zurechtbiegen. Bleiben Sie erwachsen und mit ihm auf Augenhöhe – nur so können Sie ihn dazu bewegen, sein Verhalten zu überdenken.

Machen Sie klare Ansagen und setzen Sie Zeichen

Mit Bitten und Betteln kommen Sie offenbar nicht weit, also machen Sie klare Ansagen. Sie stehen nicht drauf, dass Ihr Mann einen auf jugendlich macht? Dann begleiten Sie ihn nicht auf seinen Touren. Es stinkt Ihnen, dass er das Zusammenziehen rauszögert, weil er sich noch nicht »bereit« fühlt? Dann fordern Sie zeitnah eine Entscheidung. Je klarer Sie Ihre Wünsche und Erwartungen formulieren, umso eher wird Ihr Mann dazu gezwungen, erwachsen zu reagieren.

Behandeln Sie ihn wie einen erwachsenen Mann

Frauen umtüddeln ihren Liebsten gerne, reden in Rätseln und glauben »Er wird schon verstehen, was ich will«. So ist es aber nicht, bauen Sie nicht darauf, dass er zum großen Interpreten Ihrer Bedürfnisse wird. Und gehen Sie bloß nicht davon aus, dass er irgendwann von selbst kapiert, dass er Farbe bekennen muss. Behandeln Sie ihn wirklich wie einen Erwachsenen, gehen Sie nicht mit ihm wie mit einem dummen Kind um, dem man pädagogisch geschickt Erziehungsmaßregeln unterjubeln muss – werden Sie klar und deutlich, nur so geben Sie ihm die Chance, reife Entscheidungen zu treffen.

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