Beziehungsratgeber Oma: Lebensweisheiten auf dem Prüfstand

Erwachsene Enkelin und Oma schauen sich tief in die Augen

Bekannt ja, aber auch wahr? Wie viel weiß Oma wirklich über Beziehungen – wir prüfen sechs bekannte Lebensweisheiten auf ihren Wahrheitsgehalt

Kennen Sie den: Alte Liebe rostet nicht? Oder den: Andere Mütter haben auch schöne Töchter? Oder diesen: Gelegenheit macht Liebe? Sicher fallen Ihnen auch jede Menge Redensarten zum Thema Liebe ein. Und wie sieht es mit dem Wahrheitsgehalt dieser Lebensweisheiten aus? Wir checken das mal!

Wird’s mit der Beziehung kompliziert, kommt vielen von uns einer der knackigen Sprüche über die Lippen. Denn die passen fast immer. Sprichwörter sind laut Definition allgemein bekannte, fest geprägte Sätze, die eine Lebensregel oder Weisheit in prägnanter, kurzer Form ausdrücken. Meist gründen die Aussagen auf einer Lebenserfahrung, empirische Beweiskraft haben sie keine. Außerdem sind sie meist so allgemein, dass sie einen ziemlich breiten Interpretationsspielraum lassen.

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Was die Oma noch (besser?!) wusste: 6 Lebensweisheiten unter der Lupe

Potrait von Dr. Wolfgang Krüger Und woher kennen wir diese Sprichwörter? Von Glück kann sagen, wer eine Oma hat – denn die sind meistens ein regelrechter Fundus für weise Sprüche, die Allgemeingültigkeitscharakter haben. Wolfgang Krüger meint, überhaupt seien das Wissen und die Lebensweisheit der Großeltern ungemein wichtig dafür, dass wir seelisch stabil bleiben können. In seinem Buch Die Geheimnisse der Großeltern ermuntert der Berliner Paartherapeut seine Leser dazu, die Erfahrungsschätze der Vorfahren zu heben. Denn Großeltern haben schon ziemlich viel erlebt, Krisen überwunden, Enttäuschungen verkraftet und Schicksalsschläge überlebt. Diese Lebenserfahrung macht sie zu Experten in Sachen Auf und Ab des Lebens. Das zeigt sich auch in den klugen Kommentaren, die Omas und auch Opas manchmal parat haben. Diese sind oft Quintessenz vieler Erlebnisse – aber sind sie nur so dahergesagt? Oder weiß Oma wirklich manches ein bisschen besser – aber stimmen die Sprichwörter auch ?!

1. Früh gefreit, schnell gereut.

Kennen Sie den anders? Nämlich so: Früh gefreit hat nie gereut? Richtig, den Spruch gibt’s in beide Richtungen. Der eine meint: Wer sich (zu) früh fest bindet, macht einen Fehler. Der andere das Gegenteil: Je eher man heiratet, umso besser. Und was stimmt jetzt?

Soviel lässt sich aber sagen: Die Deutschen überlegen sich immer länger, ob sie sich verbindlich binden sollen. In den vergangenen Jahrzehnten ist das Heiratsalter immer weiter angestiegen. Werner Bartens schreibt in Was Paare zusammenhält, mittlerweile würden Frauen durchschnittlich erst mit 30 Jahren in den Hafen der Ehe einschiffen – 1991 taten sie dies noch mit 26 Jahren. Männer sind um die 33, wenn sie heiraten, vor 25 Jahren waren sie 28 Jahre alt. Ist die lange Wartezeit jetzt gut, weil wohlüberlegt sein will, ob man sich auf eine Person festlegt? Nach dem Motto »Drum prüfe, wer sich ewig bindet«? Laut Bartens ist keineswegs erwiesen, dass eine lange Tauglichkeitsprüfung und ergo eine späte Hochzeit zu einer glücklicheren und stabileren Beziehung führt. Im Gegenteil sollen früh geschlossene Ehen sogar zu besonders großer Zufriedenheit führen. Eine wissenschaftliche Analyse ergab zwar, dass im höheren Alter geschlossene Ehen ein bisschen länger halten (womöglich, weil die betagteren Ehegatten weniger Chancen auf dem Partnermarkt haben). Wer aber zwischen 22 und 25 Jahren geheiratet hatte, war glücklicher und ausgeglichener.

Stimmt`s?! Nein. Aus wissenschaftlicher Sicht gibt es keinen Grund, aus Altersgründen die Hochzeit aufzuschieben. Wer früh den Bund der Ehe eingeht, hat eher bessere Prognosen. Allerdings sollte man auch nicht jünger als 22 sein. Denn auch dann steigt die Gefahr von Beziehungsfrust. Amerikanische Untersuchungen ergaben laut Bartens, dass die günstigsten Voraussetzungen für wenig Reue und viel Liebesglück gegeben sind, wenn sich die Partner in ihren frühen Zwanzigern fest binden.

2. Gleich und Gleich gesellt sich gern

Meint nichts anderes als: Wer sich ähnlich ist, fühlt sich zusammen wohl. Wissenschaftler wie Laien – darunter auch etliche Großmütter – wissen um die positiven Auswirkungen einer gleichen Lebenseinstellung bei Paaren. Wer sich zu unähnlich ist, steuert automatisch irgendwann auf Probleme zu. Zumindest, was Status und Bildung anbetrifft. Die Universitätsprofessorin und der Elektriker werden wenig Gemeinsamkeiten haben, was sich spätestens bei gesellschaftlichen Anlässen zeigt. Schauen Sie sich doch mal um – wie viele Paare kennen Sie, die Ihrer Meinung nach so gar nicht zusammenpassen? Die meisten von uns wählen einen Partner, der zumindest augenscheinlich passt. Wobei hier die Frage ist: Hat man sich nach Jahr und Tag aneinander angepasst oder von vornherein einen ähnlichen Partner gesucht?

Stimmt`s?! Ja, schon. Untersuchungen belegen, dass Beziehungen von Partnern, die eine gewisse Ähnlichkeit haben, stabiler und glücklicher sind als Beziehungen zwischen zwei sehr gegensätzlichen Menschen. Eine ElitePartner-Studie ermittelte, dass fast 80 Prozent der sehr glücklich Liierten ähnliche Interessen wie der Partner hat – dagegen hat nicht mal ein Drittel derjenigen, die in ihrer Beziehung eher unglücklich sind, Gemeinsamkeiten.

Aber jetzt kommt das erste große Aber: Paare, die lange glücklich verheiratet sind, haben zwar einen sehr ähnlichen Oxytocin-Wert, schreibt die Wissenschaftsjournalistin Kayt Sukel in Schmutzige Gedanken. Dabei ist aber völlig schleierhaft, ob dieser Wert das Resultat der Liebe oder die dauerhafte Liebe das Ergebnis dieser Hormonkonzentration ist. Ob jemand einen Partner unbewusst anhand eines ähnlichen Oxytocin-Levels wählt oder dieser sich im Laufe der Beziehung angleicht, ist unklar.

Und hier das zweite große Aber: Forscher fanden heraus, dass sich Frauen eher zu Männern hingezogen fühlen, die ein Immunsystem haben, das sich möglichst deutlich von ihrem eigenen unterscheidet. Und wie erkennen die Damen das? Über den Duft, der als besonders attraktiv empfunden wird, wenn er ganz anders ist als der eigene. Der evolutionäre Vorteil: Nachwuchs, der aus einer solchen Verbindung hervorgeht, ist besonders widerstandsfähig.

3. Gegensätze ziehen sich an

Und was ist mit dem Gegenteil, der Behauptung, dass uns gerade das, was anders ist, besonders reizt? Dafür gibt’s ja neben der Sache mit dem Immunsystem eine weitere biologische Erklärung: Fremdes übt eine stärkere Faszination auf uns aus, wir kennen es nicht, reagieren mit allen Sinnen aufmerksamer darauf. Unser Gehirn ist besonders empfänglich für neue Emotionen, an bekannte hat es sich schon gewöhnt, die erscheinen unserer Gefühlsverarbeitungsmaschinerie da oben etwas fad. Mal abgesehen davon, dass viele Menschen in sich ja die Sehnsucht tragen, der andere möge sie bitteschön vervollkommnen, ihnen das geben, was ihnen selbst fehlt. Da empfiehlt es sich ja, bei der Partnerwahl zum Kontrast zu greifen – alles andere hat man ja selbst.

Stimmt´s?! Ein bisschen Ja und viel Nein. Gegensätze mögen sich zwar anziehen, aber wenn es ernst wird, tendieren wir eher zu ähnlich gestrickten Partnern. Für ein harmonisches Zusammenleben werden unbewusst Menschen bevorzugt, die auch äußerlich zu einem passen.

Aber halt: Es gibt auch Kombinationen, die sich durch ihre Gegensätzlichkeit als vorteilhaft erweisen. Beispielsweise können sich die temperamentvolle Frau und der zurückhaltende Mann nicht ins Gehege kommen, weil sie so unterschiedlich sind. Und der Womanizer wird vielleicht mit dem Mauerblümchen besonders glücklich – weil die eher bereit ist, auf die sexuellen Wünsche des begehrten Partners einzugehen, wie Werner Bartens erläutert. Er sagt zudem, wer in der Partnerschaft große Unterschiede toleriere, tue dies aus Berechnung, im Sinne einer Güterabwägung: Ungleichheiten können durch andere Vorzüge kompensiert werden. Ist der Gatte zwar sehr unansehnlich, dafür aber beeindruckend unterhaltsam, hält ihm die schöne Frau vermutlich länger die Stange...

4. Für jeden Topf gibt es einen passenden Deckel.

Aha. Man muss also einfach nur den passenden Partner finden, dann haut das mit dem Liebesglück hin? Soso. Wenn sich Oma da mal nicht täuscht... immerhin suggeriert der Spruch, dass es für jeden von uns den idealen Gegenpart gibt, bei dem einfach alles ineinander passt – vom Geschmack über die Interessen und Erwartungen bis hin zu... na, Sie wissen schon. Dahinter steckt wohl ein folgenschwerer Trugschluss in Zeiten der unbegrenzten Partnerwahlmöglichkeiten: Es gibt The One and Only – wir müssen ihn oder sie nur finden! Selbst glücklich Liierte schmachten dieser Vorstellung vom perfekten Partner hinterher. Einer GfK-Studie zufolge hält es jeder Vierte, der fest gebunden ist, für möglich, dass es irgendwo ein noch passenderes Deckelchen für sein Töpfchen geben könnte. Ein Drittel aller Deutschen ist sogar überzeugt, dass man sich niemals völlig sicher sein kann, den Richtigen überhaupt schon gefunden zu haben. Tsetsetse.

Stimmt´s?! Das ist wohl der Klassiker unter den Liebesirrtümern: Es gibt für jeden Menschen den perfekten Partner. Klar, gibt es Konstellationen, die besser funktionieren, Paare, die eher harmonieren. Aber daraus zu schließen, dass man einfach nur den Richtigen finden müssen und... Bingo!, sei gemeinhin Humbug, sagt Robert Betz. Wer glaube, das Leben oder er selbst könne sich in der Partnerwahl täuschen, sei noch nicht bereit, sich für Sinn und Hintergrund der Erfahrungen zu öffnen, die seine jetzige oder frühere Beziehung ihm biete, schreibt der Motivationscoach in Wahre Liebe lässt frei!. Es gibt nicht richtigere Partner und falschere, also auch kein von Natur aus passendes Deckelchen. Und mal ganz nebenbei gesagt: Auch nicht jeder Topf braucht einen Deckel, Leute. Vielleicht war das Oma in grauen Vorzeiten noch nicht so bewusst: Aber man kann auch glücklich sein, ohne einen Langzeitpartner an der Seite.

5. Die Liebe ist süß, bis ihr wachsen Händ' und Füß'.

Eine Beziehung ist eine ganz wunderbare Angelegenheit – bis Kinder ins Spiel kommen. Dann werden aus Zwei Drei, das meint dieses Sprichwort, das aus Omas Mund gerne mal etwas zynisch klingt. Als Warnung, denn wenn Nachwuchs sich einstellt, ist unter Umständen Schluss mit lustig. Aus dem Paar wird ein Trio, aus der scharfen Braut wird die übermüdete Stilltante, aus dem potenten Lover der genervte Überstundenschieber. Wissen wir ja: Vor allem das erste Kind ist eine Herausforderung für Paare, die sich in Sachen Sex und Liebe neu sortieren müssen.

Stimmt`s?! Ja. Wenn man unter »süß« aufregend und leidenschaftlich versteht, dann besitzt dieses Sprichwort tatsächlich Gültigkeit. Wolfgang Krüger ist überzeugt, dass Kinderkriegen eine der allergrößten Herausforderungen für eine Beziehung ist. In Freiraum für die Liebe schreibt Krüger, Kinder würden zwar einerseits eine Partnerschaft stabilisieren, doch sie können auch eine massive Belastung darstellen. Eltern müssen längere Zeit auf das Ausleben vieler Bedürfnisse verzichten, als Paar treten sie zumindest in den ersten Lebensjahren ihres Sprösslings in den Hintergrund. Nach der Geburt eines Kindes sinke die Ehezufriedenheit erheblich, erst nach fünf langen Jahren – also wenn der Nachwuchs aus dem Gröbsten raus ist – steige sie wieder ganz langsam. Die Zahl der Scheidungen von Ehen mit Kindern wächst übrigens statistisch gesehen stärker als die von kinderlosen Paaren. Eine Studie ergab, dass nach der Geburt eines Kindes jede fünfte Ehe zu zerbrechen droht. Gar nicht süß...

6. Lieber den Spatz in der Hand, als die Taube auf dem Dach

Die Beziehung ist so lala und überhaupt war schnell die Luft raus. ABER: Man ist sich treu und hält zueinander. Oh weia! Gemeint ist: Viele Menschen denken, es sei besser, sich mit etwas zu begnügen, was langweilig aber stabil ist, als ständig Spannung, aber auch Ungewissheit zu haben. Heißt: Lieber einen zuverlässigen, wenig aufregenden Partner, als den sehr verführerischen, womöglich zur Promiskuität neigenden Typen. Denn der kann schnell die Flatter machen oder wird einem vor der Nase weggeschnappt. Und auch wenn manch einer, der in einer festen Beziehung steckt, mit der Versuchung liebäugelt, entscheiden sich viele für die sichere Variante – nämlich den Partner, der nicht so schnell das Weite suchen kann.

Stimmt`s?! Was jetzt: Dass man lieber einen unattraktiven, aber treuen Partner wählen sollte als den flatterhaften? Dieses Sprichwort wird ja gerne mal genommen, um zu trösten – nämlich die, die den begehrten Wunschpartner (also den supersexy Frauenverführer oder die 1-A-Blondine) nicht bekommen haben, dafür aber immerhin einen Gefährten (also den unscheinbaren Kuscheltypen oder die gemütliche Hausmaus) ihr Eigen nennen können. So gesehen stimmt es natürlich. Was haben Sie von einem hammerscharfen Luftikus, der Ihnen davonfliegt, sobald er was von anderen Vögeln sieht? Besser ist da schon das Piepmätzchen, das allen Verführungen standhält, ist es doch diesbezüglich selbst nicht sehr gefährlich. Um es kurz zu machen: Stimmt schon irgendwie, wenn Sie es auf eine Langzeitbeziehung abgesehen haben, sollten Sie den Spatz wählen. Taube bleibt oft auch Taube: Wer trotz fester Partnerschaft mal ins Nachbarnest geflattert ist, wird es mit fünfzigprozentiger Wahrscheinlichkeit wieder tun. Denn statistisch gesehen ist die Hälfte aller Untreuen Wiederholungstäter...

Fazit: Du bist nicht allein... auch andere Liebende haben Probleme

Und wenn Du denkst, es geht nicht mehr, dann kommt von irgendwo ein Lichtlein her – manche Sprichwörter haben eine ganz wunderbare Funktion: Sie zeigen uns, dass wir mit unseren Gefühlen und Problemen nicht allein sind, dass es vielen Menschen geht wie uns – damit spenden sie uns jede Menge Trost in dunklen Liebeszeiten. Und dann noch eine gutmütige Oma, die den ganzen Liebesschmonzes schon hinter sich hat und die Sache von einer ganz anderen Warte aus betrachtet, schon ist mancher Kummer gelindert. Hinter den meisten Sprichwörtern verbergen sich ganz wesentliche Wahrheiten, es sind auf wenige Wörter komprimierte Erkenntnisse geballter Erfahrungen. Man sollte zwar nicht alles für bare Münze nehmen, aber als Zuspruch taugen die bekannten Sätzchen allemal. Vor allem, wenn sie von einer lieben Großmama kommen...

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