Untreue kann viele Formen annehmen

Frustriertes Paar schaut sich gegenseitig abfällig an

Fremdsex ist nicht alles: 10 andere Arten, dem Partner untreu zu sein

Sex mit einem anderen als dem eigenen Partner? Das ist für die meisten Menschen ein klarer Fall von Untreue. Doch manchmal ist Fremdsex das kleinere Übel. Es gibt Vertrauensbrüche innerhalb einer Partnerschaft, die wesentlich zerstörerischer wirken können. Doch meist werden sie unterschätzt.

Liebe und Treue gehören zusammen, der Meinung ist Umfragen zufolge die Mehrheit aller Deutschen. Und Treue wird von vielen mit sexueller Treue gleichgesetzt: Steckt man in einer festen Beziehung, dann gibt es Sex nur mit dieser einen Person. Alles andere ist ein No-Go, jedenfalls wenn man eine klassisch monogame Beziehung lebt. Vielleicht liegt es daran, dass Treue an sich ein unfassbarer Begriff ist, den nur wenige Menschen wirklich hinterfragen. Darunter verstehen viele einfach pauschal sexuelle Exklusivität – ein Missverständnis wie Oliver Schott meint.

Buchcover: Lob der offenen Beziehung: Über Liebe, Sex, Vernunft und Glück  von Oliver Schott In Lob der offenen Beziehung hinterfragt er unsere Definition der Treue, ihm zufolge Kern der Monogamieauffassung. Und die setzt heutzutage meist eine Exklusivität von Liebe und Sex voraus. Das eine ohne das andere erscheine undenkbar, dabei sei unklar und umstritten, wo Sex überhaupt anfange und wo er aufhöre. Als sexuell verstünden viele die Handlungen, die in einer Beziehung als Fremdgehen zählen.

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Untreue hat viele Gesichter

Ganz klar: Fremdsex gehört zu den bekanntesten unter den Untreuedelikten. Für viele Menschen ist eine sexuelle Affäre des Partners Trennungsgrund, da sie als schlimmster Vertrauensbruch überhaupt gewertet wird. Allerdings gibt es andere Vertrauensbrüche, die sich noch verheerender auf eine Partnerschaft auswirken können, als etwa ein belangloser Seitensprung.

Dieser Meinung ist John Gottman, einer der bekanntesten amerikanischen Beziehungsforscher. Er untersuchte unzählige Paare in seinem sogenannten Love Lab, einem mit Kameras ausgestatteten Appartement. Seine Erkenntnisse sind Meilensteine der Paarforschung – und liefern Hinweise darauf, was in Liebesbeziehung oftmals falsch läuft. Sexuelle Untreue ist das eine und schlimm genug, meint Gottman. Allerdings können die anderen Arten des Betrugs innerhalb der Beziehung langfristig weitaus dramatischer wirken. Weil wir sie oft verharmlosen, als nicht so schwerwiegend ansehen und manchmal sogar überhaupt nicht wahrnehmen, geschweige denn erkennen! Viele Paare würden streiten und chronisch unzufrieden sein, obwohl sie einander sexuell treu sind – untreu sind sie in ganz anderen Bereichen.

10 andere Arten, den Partner untreu zu sein

Buchcover: Die Vermessung der Liebe: Vertrauen und Betrug in Paarbeziehungen von John Gottman Eine feste Partnerschaft, schreibt Gottmann in Die Vermessung der Liebe, sei ein Vertrag, der auf gegenseitigem Vertrauen, Respekt, Schutz und Rückhalt basiere. Seiner Ansicht nach kann alles, was diesen Vertrag verletzt, eine Form von Untreue sein. Die allerdings ist wesentlich schlechter zu identifizieren als Fremdsex.

1. Sie bekennen sich nicht wirklich zu Ihrem Partner

»Lass uns halt heiraten« – wer weiß, wie viele Ehen nach einem solchen Ausspruch geschlossen wurden. Manche Beziehungen kommen zustande, weil es aktuell keine passende Alternative zu geben scheint. Frei nach dem Motto »...bis sich was Besseres findet« lässt sich so manch eine/r auf eine langfristige Partnerschaft ein, ohne sich jemals wirklich zum anderen zu bekennen. Der ist dann eine Art Übergangslösung, die Beziehung besteht unter Vorbehalt, man flirtet munter weiter, hält nach anderen Liebesoptionen Ausschau.

Untreues Verhalten! Bleibt der Einsatz für die Beziehung oberflächlich, weil einer der Partner sich nicht aus vollem Herzen dafür entschieden hat, dann betrügt er den anderen – denn er bleibt innerlich auf dem Absprung, selbst die unbedeutendsten Alltagsereignisse können dann die Intimität des Paares und die Unterstützung des Partners gefährden. Denn der will eigentlich gar nicht wirklich.

2. Sie haben eine sexlose Affäre

Offenheit ist wichtig für eine Partnerschaft, Geheimiskrämerei problematisch. Nehmen wir ein Paar, das zwar von sich behauptet, glücklich zu sein, sich aber in kompromisslosen Streitereien aufreibt. Fangen dann beide an, wichtige Dinge voreinander zu verbergen, geht Vertrauen verloren. Auch wenn zwei Partner geteilter Meinung sind und hinter dem Rücken des anderen ihren Willen durchdrücken, ohne dass eine Auseinandersetzung stattfand, fällt das in die Kategorie Vertrauensbruch – selbst wenn es geschieht, um keinen Streit aufkommen zu lassen.

Untreues Verhalten! Auch lügen um des lieben Friedens willen, ist Gottman zufolge ein massiver Vertrauensbruch. Unwahrheiten würden der Beziehung schaden, diese aber nicht unbedingt gleich ruinieren. Es sei denn, einer der Partner lügt chronisch.

3. Sie lügen aus Bequemlichkeit

Mit Sex ist schlimm, ohne aber auch: Wer laut Gottman platonische Freundschaften etwa zu engen Arbeitskollegen entwickelt, verhält sich eventuell auch untreu. Denn auch wenn solche Verbindungen – ganz gleich, ob sie im Freundeskreis, im Fußballverein oder in der Nachbarschaft geknüpft werden – normalerweise sexfrei sind, können sie einen derart intimen Charakter annehmen, dass sie für die Beziehung bedrohlich werden. Etwa, wenn jemand für Sie eine immens wichtige Bedeutung bekommt, ohne dass Ihr Partner davon weiß.

Untreues Verhalten! Freundschaften neben der Beziehung sind schön und gut – wenn Ihr Partner aber den Kontakt missbilligt oder sich darüber ärgert, dass Sie Ihrem besten Kumpel oder der liebsten Freundin Vertrauliches aus der Beziehung erzählen, dann hintergehen Sie Ihren Partner.

4. Sie schmieden Bündnisse gegen den Partner

Nur auf seinen Partner fixiert zu sein, ist nicht gerade förderlich für eine gute Beziehung. Wer allerdings Rat und Hilfe in sämtlichen Fragen bei anderen sucht, entzieht der Partnerschaft Vertrauen. Die Frau etwa, die sich immer erst an ihre Freundin wendet, oder der Mann, der sich von seiner dominanten Mutter bevormunden lässt – sie lassen eine dritte Person in ihre Beziehung eindringen, was manchmal nicht weniger gefährlich ist als ein Seitensprung.

Untreues Verhalten! »Mutter findet dich auch geizig« – wer Allianzen dieser oder ähnlicher Natur gegen den Partner schmiedet und bei wichtigen Entscheidungen vornehmlich den Rat anderer konsultiert, lockert auf Dauer das Nähekorsett seiner Beziehung.

5. Sie glänzen durch Abwesenheit und Gefühlskälte

Es gibt immer Phasen, in denen man nicht so viel in die Beziehung investiert. Aber wenn emotionale Abwesenheit zum Dauerzustand wird, wird es schwierig. Und das nicht nur, wenn einer der Partner gerade Unterstützung braucht. Mangelnde Anteilnahme für den anderen und Desinteresse können vergleichbar zersetzend wirken wie eine heimliche Affäre.

Untreues Verhalten! »Du bist nie da, wenn ich Dich brauche« – ist das eher die Regel, denn die Ausnahme, dann fehlt Ihrer Partnerschaft irgendwann das emotionale Fundament. Ebenso negativ wirkt sich tatsächliche Abwesenheit aus: Wer ständig anderweitig unterwegs ist, Job, Freunde, Hobbys oder das Fernsehprogramm der Zweisamkeit vorzieht, ist dem anderen auch untreu. Denn Treue meint auch, dass man zuverlässig und beständig an der Seite des anderen ist, und zwar im eigentlichen Wortsinne.

6. Sie haben kein sexuelles Interesse mehr am anderen

Erotikflauten sind normal, Schätzungen zufolge haben etwa 15 Prozent aller heterosexuellen Paare über 45 Jahre gar keinen Sex mehr, schreibt Gottman. Ist das für beide okay, dann ist es okay. Wenn aber einer darunter leidet, sich durch den Sexentzug vom anderen nicht mehr als Mann oder Frau begehrt und sich zurückgewiesen fühlt, ist das eine Form des Liebesbetrugs.

Untreues Verhalten! Wenn der Entzug von sexuellem Interesse nicht liebevoll und ehrlich angegangen wird und nicht die Bedürfnisse beider Partner berücksichtigt werden, dann ist das eine ernstzunehmende Bedrohung der Beziehung.

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7. Sie verhalten sich resepktlos

»War ja klar, dass das nicht klappt, bei Dir geht ja immer alles schief« – solche Abwertungen wiegen schwer. Wer seinen Partner verachtet und ihm das Gefühl gibt, minderwertig zu sein, macht sich der Respektlosigkeit schuldig. Typisches Beispiel hierfür ist laut Gottman ein Partner, der den Vorwürfen des anderen damit begegnet, dass er Grammatik oder Wortgebrauch korrigiert.

Untreues Verhalten! Eine herablassende, überhebliche Haltung dem anderen gegenüber ist eine Form von emotionalem Missbrauch, schreibt Gottman. Und zwar unabhängig davon, ob sich das in wüsten Beschimpfungen oder subtilen Kommentaren äußert.

8. Ihr Wohlergehen geht Ihnen über alles

Eine Beziehung ist nie wirklich gerecht, aber sie sollte ein Rückzugsort sein, wo es nicht ständig darum geht, dass der eine den anderen übervorteilt. Stichwort Hausarbeit: Die Verteilung derselben ist oft Symptom einer insgesamt schlechten Organisation der naturgemäß anfallenden Alltagsaufgaben. Wenn immer alles auf Kosten des einen geht, entsteht eine Ungleichheit, die Wurzel vieler Beziehungsübel ist. Auch bei den Finanzen wird es kritisch.

Untreues Verhalten! In einer Langzeitbeziehung sollte Ungerechtigkeit kein Thema sein – mal profitiert der eine mehr, mal ist der andere am Zug. Für beide sollte es einigermaßen fair zugehen, laut Gottman ist das ein Grundpfeiler der Liebe. Bröckelt dieser, wankt vielleicht die ganze Beziehung.

9. Sie machen keine Abstriche für die Beziehung

Liebe Dich selbst – schön und gut. Wer es aber damit übertreibt, betrügt den anderen. Wenn etwa Kinder da sind und beide den Nachwuchs abgöttisch lieben, der Mann allerdings eine eingebaute Vorfahrt hat, wenn es um die Ausübung seiner Hobbys geht. Pocht einer auf seine selbstsüchtigen Bedürfnisse und ist nicht bereit, zumindest punktuell zugunsten der Familie kürzerzutreten, ist das eine brandgefährliche Beziehungslage.

Untreues Verhalten! Der eine zieht sein Ding durch auf Kosten des anderen – das kann nicht gutgehen. Paarinteressen sollten bisweilen Vorrang haben, sonst kriegt man gemeinsam nichts auf die Reihe. Als untreues Verhalten kann da gelten, wenn einer nicht bereit ist, für die Beziehung notwendige Abstriche zu machen.

10. Sie halten Ihre großen Versprechen nicht

Ein Versprechen zu brechen kann ebenso verhängnisvoll sein wie eine bewusste Lüge, findet Gottman. Wenn Sie sich für einen Partner entscheiden, geben Sie eine Art Versprechen ab – dass Sie mit dieser Person eine gemeinsame Zukunft anstreben etwa. Wenn Sie beispielsweise den Traum vom eigenen Haus mit Ihrem Partner träumen, der aber irgendwann nicht mehr gewillt ist, Geld dafür zu sparen, sondern lieber gleich ein neues Auto kaufen möchte. Damit platzt der gemeinsame Traum – und zugleich womöglich der von einer vertrauensvollen Partnerschaft.

Untreues Verhalten! Eine Beziehung durchläuft viele Phasen und verändert sich. Das gilt natürlich auch für gemeinsame Pläne, Träume und Werte. Wenn einer aber dem anderen ein Partnerschaftsprojekt aufkündigt und aussteigt aus der Wertegemeinschaft, ohne das zu thematisieren, hintergeht er den anderen.

Fazit: Auch Untreue ist mehr als nur Sex

Sex, Respekt, Empathie, Rücksichtnahme... die Liste der Zutaten für eine glückliche Beziehung ließe sich unendlich lang fortsetzen. Sex ist da nur eine, wenn auch sehr wichtige Komponente. Wer Fremdsex mit einem Dritten hat, betrügt den Partner und entzieht ihm meist etwas, und sei es auch nur Zeit. Aber es gibt noch etliche andere Formen des Betrugs in einer Partnerschaft.

Was diese so schwerwiegend macht, ist, dass sie sich einschleichen und sich nicht als Paukenschlag in einer Beziehung bemerkbar machen, wie etwa ein Sexabenteuer. John Gottman meint, es sei außerordentlich schwierig, eine Beziehung nach einem Seitensprung zu kitten. Aber es ist möglich, vielleicht sogar eher, als wenn eine der anderen möglichen Betrugsformen sich in einem jahrelangen Prozess innerhalb der Partnerschaft entwickelt und festgesetzt hat. Manchmal ist es einfacher, nach einem erschütternden Ereignis wie einer Sexeskapade den Resetknopf in der Liebe zu drücken, als eingeschliffene Verhaltensmuster zu erkennen und dann auch noch zu beseitigen. Dafür spricht etwa auch, dass für viele Menschen ein Seitensprung wie ein Weckruf funktioniert – er zeigt, was in der eigentlichen Beziehung schief oder eben gar nicht läuft. Manchmal ist das nur Sex – sehr oft steckt aber noch viel mehr dahinter. Wer seine Achtsamkeit darauf lenkt, kann vielleicht den ein oder anderen Betrug in seiner Beziehung vermeiden.

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