»Redet und klärt die Dinge, solange die Gefühle füreinander intensiv sind«

Paarberater und Buchautor Michael Mary im Interview

In Michael Marys neuem Buch geht es ans Eingemachte, nämlich ans Geld. Das sei das letzte Tabu in Beziehungen, meint der Paarberater. Paare reden nicht über Geld, dabei drehen sich fast 80 Prozent aller Beziehungskonflikte ums Finanzielle. Zu viel Geld kann die Liebe ebenso belasten wie zu wenig. Und unterschiedliche Einstellungen zum Umgang mit den Finanzen können ein Dauerproblem werden. Es sei denn, Paare trauen sich, das heiße Thema Geld kühl, also überlegt anzupacken.

Viele Liebespaare wissen nicht, wie sie über Geld reden sollen und haben keine Ahnung, wie ein guter Umgang mit Geld überhaupt aussieht. Außerdem glauben sie, sie beschädigen ihre Liebe, wenn sie über etwas so offensichtlich Profanes wie Geld sprechen, schreibt Mary in »Liebes Geld. Vom letzten Tabu in Paarbeziehungen«. Dabei kann gerade dieses Schweigen zum Verhängnis werden, nicht nur dann, wenn Krisen oder gar das Beziehungs-Aus kommen.

Man müsse die Beziehung vom Ende her denken, rät Mary, der seit 1980 als Paar-, Individual- und Singleberater in Hamburg arbeitet. Dazu gehört, die finanziellen Dinge zu klären, solange die Liebe da ist.

Warum ist Geld ein Problem, in welcher Beziehungsphase sollte man das Thema ansprechen und wie kann man darüber reden – wir haben Michael Mary dazu befragt.

Interview geführt am 02.02.2017

Die Seitensprung-Fibel: Geld ist ein Problem in der Liebe, sagen Sie. Eigentlich müsste das ja von alleine laufen. Wer liebt, der teilt doch gerne?

Michael Mary: Das kann man nur denken, wenn man glaubt, es gäbe nur ein einziges Motiv, jemanden zu lieben. Es gibt aber drei Motive, ein partnerschaftliches, ein freundschaftliches und ein emotional-leidenschaftliches. Je nachdem geht es um Leistungsausgleich, um Teilhabe oder ums Schenken. Bezogen auf Geld erfordert das einen ganz unterschiedlichen Umgang damit.

Die Seitensprung-Fibel: Wenn es um Sex geht, können viele Paare ganz offen sagen, was sie sich wünschen. Wieso haben sie beim Geld offensichtlich Hemmungen?

Michael Mary: Eben weil ihnen diese drei Begriffe fehlen: Partnergeld, Freundesgeld, Liebesgeld.

Die Seitensprung-Fibel: Woher weiß man denn, was welches Geld ist?

Michael Mary: Daher, wozu das Geld bestimmt sein soll. Zum Leistungsausgleich, zur Teilhabe oder als Geschenk.

Die Seitensprung-Fibel: Steht derjenige, der das Thema Geld anspricht, nicht schnell unter dem Verdacht, aufzurechnen?

Michael Mary: Bei Partnergeld muss man aufrechnen, bei Freundesgeld trifft man Abmachungen, die für beide fair sind, bei Liebesgeld schenkt man.

Die Seitensprung-Fibel: Der eine Partner hat kein Problem mit Geld, für den anderen ist es ein ewiges Reizthema. Wie kann ein Paar hier auf einen Nenner kommen?

Michael Mary: Ein gemeinsamer Nenner im Sinne eines gleichen Verständnisses ist nicht nötig. Nötig sind Verträge und Abmachungen.

Die Seitensprung-Fibel: In Ihrem Buch erzählen Sie von einer Frau, die sich im Urlaub in einen Mann verliebt – und sich ganz schnell wieder entliebt, als sie erfährt, dass er pleite ist. Ist das klug oder ist diese Frau gar nicht richtig verliebt gewesen?

Michael Mary: Diese Frau hatte offenbar ein partnerschaftliches Liebesmotiv. Das ist genau so richtig wie die anderen beiden Liebesmotive. Insofern war sie klug.

Die Seitensprung-Fibel: Das klingt ziemlich berechnend. Kann das denn Liebe sein, wenn sie erlischt, weil der andere kein Geld hat?

Michael Mary: Ja, sicherlich. Es ist eine partnerschaftlich motivierte Liebe, keine, die auf Leidenschaft beruht.

Die Seitensprung-Fibel: Sie sagen, man sollte eine Beziehung von ihrem Ende her denken, zumindest was das Finanzielle anbetrifft. Nach der ersten Nacht, vor dem Zusammenziehen oder wenn Kinder kommen – wann ist denn der richtige Zeitpunkt, das anzusprechen?

Michael Mary: Man spricht das Thema an, sobald es um Geld geht. Sobald also gemeinsame Verpflichtungen getroffen werden. Nach der ersten Nacht ist das selten der Fall, es sei denn, es geht darum, wer im Restaurant die Rechnung bezahlt. Aber auch das kann man besprechen.

»Und hier gilt: Es hat der die Macht, der weniger Sex möchte«

Die Seitensprung-Fibel: Mal angenommen, die Frau kommt aus ärmlichen Verhältnissen, der Mann aus reicher Familie. Ist es fair, wenn er per Ehevertrag sein Erbe sichert? Können solche Verhandlungen nicht die Liebe kaputt machen, schließlich kommt hier auch Macht ins Spiel?

Michael Mary: Das Erbe gehört sowieso ihm. Alles andere hängt davon ab, welche Beziehung die beiden haben. Die Beziehung sollte über den Umgang mit Geld bestimmen, aber wie das konkret aussieht, darüber muss sich das Paar einigen.

Die Seitensprung-Fibel: Dinge ändern sich, auch der Umgang oder überhaupt das Vorhandensein von Geld kann sich während der Beziehung ändern. Lohnt es sich also, gleich zu Beginn nach einem Kontoauszug zu fragen, um die Geldverhältnisse des potenziellen Partners unter die Lupe zu nehmen?

Michael Mary: Wenn die Beziehung vorwiegend emotional-leidenschaftlich ist, lohnt es nicht, nach dem Gehalt zu fragen, denn dann gehen die Partner keine gemeinsamen Verpflichtungen ein. Wenn Kinder kommen, sieht das anders aus. Dann geht es genau darum, wer welche Leistungen, materiell oder nicht-materiell, zum Familienprojekt beiträgt.

Die Seitensprung-Fibel: Wenn Sie Paaren einen einzigen guten Rat zum Umgang mit Geld geben könnten, welcher wäre das?

Michael Mary: Macht kein Tabu draus. Redet und klärt die Dinge, solange die Gefühle füreinander intensiv sind.

Lieber Herr Michael Mary, wir danken Ihnen herzlich für dieses Gespräch!

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