Dr. Wolfgang Krüger im Interview

»Wenn wir die Geheimnisse unserer Großeltern nicht kennen, schwächt uns das«

Wie die Liebesgeschichten unserer Großeltern unser Beziehungsleben prägen: Ein Gespräch mit Dr. Wolfgang Krüger

Haben Sie einen guten Draht zu Ihren Großeltern? Oder haben Sie keinen Kontakt zu Ihren Vorfahren und kennen diese Menschen gar nicht? Ganz gleich, wie Sie zu Ihrer Verwandtschaft stehen – ein gewisser Einfluss lässt sich bestimmt nicht verleugnen. Auch in der Liebe mischen die Ahnen bisweilen gewaltig mit, ohne dass wir das merken. Genau hierauf sollten wir unser Augenmerk richten, rät Wolfgang Krüger. Der Psychologe und Paartherapeut spürt den Geheimnissen der Großeltern nach und legt in seinem gleichnamigen Buch dar, wie wichtig es ist, die eigenen Wurzeln zu ergründen – auch für unsere Bindungsfähigkeit und das Liebesglück.

Alle glücklichen Familien gleichen einander. Jede unglückliche Familie ist auf ihre eigene Weise unglücklich. Diese weisen Worte stammen von niemand Geringerem als Leo Tolstoi, dem Autor von Anna Karenina. Das Literaturzitat bringt auf den Punkt, wie es sich mit Familienbiografien verhält: Unglück wird immer sehr subjektiv empfunden und erhält innerhalb einer Sippe oftmals den Charakter einer Erblast.

Wolfgang Krüger, renommierter Paartherapeut und gefragter Psychologe, hat sich jahrzehntelang damit beschäftigt. Nun ist ein Buch entstanden, in dem er Leser dazu einlädt, der eignen Familiengeschichte nachzugehen und über die Erforschung der genealogischen Vergangenheit Erkenntnisse über sich selbst zu gewinnen. Denn in jeder Familie gebe es charakteristische Themen, die von Generation zu Generation weitergegeben werden und sich als Probleme manifestieren können, schreibt Krüger. Deren Lösung ist dann eng mit der Offenlegung dieser Mechanismen verknüpft.

Buchcover: Die Geheimnisse der Großeltern: Unsere Wurzeln kennen, um fliegen zu lernen In »Die Geheimnisse der Großeltern« erklärt Krüger, welchen Einfluss unsere Vorfahren auf unser Leben haben, wie sie unsere Gefühle aus der Vergangenheit dirigieren und dazu beitragen, dass wir Wurzeln schlagen – oder eben auch nicht. In verschiedenen Kapiteln geht der Paartherapeut darauf ein, was wir erforschen sollten und wie wir an die Geheimnisse unserer Großeltern herankommen. Denn diese würden sich immer hinter Geschichten verbergen, die weitergegeben werden, aber bisweilen die Wahrheit verschleiern und uns den rechten Blick auf die tatsächlichen Ereignisse verstellen. Wie man so zu Erkenntnissen über sich selbst gelangen kann, zeigt Krüger sehr anschaulich und gewohnt einfühlsam, indem er erzählt, dass er selbst sich auf die Suche nach den Geheimnissen seiner Großeltern machte und herausfand, wie die Bindungsbiografie seiner Vorfahren letztlich auch seine eigene Lebensgeschichte beeinflusst hat.

Interview geführt am 27.02.2015

Die Seitensprung-Fibel: Wir alle stehen in einer Generationenkette – wie prägen unsere Herkunft, die Erlebnisse und Erfahrungen unserer Vorfahren unser Beziehungsleben?

Dr. Wolfgang Krüger: Meist werden wir durch sprachlose Botschaften, durch sinnliche Erlebnisse geprägt, in denen die Familienwerte und Botschaften weitergegeben werden. Und uns prägen vor allem auch die Defizite, vieles wird aufgrund von Ängsten nicht gelebt, über vieles nicht mehr gesprochen, so dass uns vor allem die »emotionalen Lücken« bestimmen. Aber wir profitieren auch von den Familienschätzen, dem Wissen, den Erfahrungen und vor allem dem Mut früherer Generationen.

Die Seitensprung-Fibel: Warum sollten wir uns überhaupt mit dem (Liebes-)Leben der Großeltern befassen?

Dr. Wolfgang Krüger: Weil sich oft das Liebesschicksal wiederholt, alle trennen sich dann nach kurzer Zeit oder bleiben, obgleich sie unglücklich sind. Wir müssen die Partnerschafts-Botschaften erkennen. Oft werden sie sprachlos weitergegeben: die Großeltern vermitteln dann dem Enkel: lasse Dich nie zu sehr in eine Beziehung ein, das macht unglücklich. Aber eine gute Orientierung in Partnerschaften finden wir nur, wenn wir auch begreifen: was sind die positiven Erfahrungen in den Generationen, inwieweit konnten sie uns zeigen, wie man Konflikte klärt, wie man notfalls allein lebt und trotzdem an die Liebe glaubt. 

Die Seitensprung-Fibel: Liegt also Liebesglück in der Familie und ist Beziehungspech vererbbar?

Dr. Wolfgang Krüger: Es scheint vererbbar zu sein, ist aber immer das Ergebnis von Erfahrungen, auch jener Erfahrungen der Großeltern, die über Stimmungen an uns weitergegeben werden. So entsteht ein Beziehungspech, weil man über Generationen hinweg zu wenig Realismus in der Partnerschaftswahl hat, zu wenig selbstbewusst ist, sich zu wenig durchsetzen kann. Aber meist ist auch etwas Liebesglück in den Familien enthalten, an dem man sich orientieren kann.

Die Seitensprung-Fibel: Sie schreiben, Menschen, die sich für ihre Großeltern interessieren, haben bessere und längere Partnerschaften. Wie ist das erklärbar?

Dr. Wolfgang Krüger: Wenn wir die Geheimnisse der Großeltern nicht kennen, schwächt uns das. Wir sind wie ferngesteuert, weil wir wichtige Einflüsse nicht kennen. Und wir gewinnen neue Kräfte, wenn wir das Schweigen früherer Generationen überwinden. Es stärkt die Liebe, weil wir uns dann selbst gefunden haben. Und schließlich stärkt es die eigene Bindungsfähigkeit, wenn wir uns als Teil einer Generationenkette empfinden. Wer so fühlt, kennt die große Bedeutung stabiler Beziehungen und wird sich stärker bemühen, eine vertrauensvolle Beziehung zu erhalten.

Die Seitensprung-Fibel: Manche Menschen möchten mehr über ihre Großeltern erfahren, haben diese aber niemals kennengelernt oder wissen gar nicht, wer sie sind. Inwiefern können auch diese Menschen von den Geheimnissen ihrer Großeltern profitieren?

Dr. Wolfgang Krüger: Gerade wenn wir die Großeltern nicht kannten, müssen wir ihr Schicksal aufarbeiten. Erst dann können wir unsere Eltern verstehen. Und vor allem: Unsere Eltern geben die Botschaften der Großeltern an uns als Vermittler weiter. Wir werden also durch die Geheimnisse der Großeltern geprägt, auch wenn wir sie nie erlebt haben. 

Die Seitensprung-Fibel: Keine Ehe hat länger als ein paar Jahre gedauert, Affären waren schon immer gang und gäbe – wie kann jemand eine solche Familienhistorie hinter sich lassen bzw. überwinden?

Dr. Wolfgang Krüger: Wir müssen uns an die eigenen Wurzeln sowohl in der Kindheit als auch in der Welt der Großeltern erinnern. Das ist das Fundament der Liebe und unseres Vertrauens. Wir müssen uns also unsere Verletzungen, Unzuverlässigkeiten und Kränkungen aufarbeiten, dann spüren wir, warum wir uns zu wenig binden, eher fliehen müssen und nie einem Menschen wirklich vertrauen. Jeder Seitensprung ist letztlich eine Vertrauenskrise. 

Die Seitensprung-Fibel: Welche Tipps haben Sie, wie wir den wie auch immer gearteten Erfahrungsschatz unserer Großeltern heben können?

Dr. Wolfgang Krüger: Wir müssen die Großeltern fragen, falls sie noch leben oder alle Personen, die unsere Großeltern kannten. Wir sollten uns dazu ein Jahr Zeit nehmen und das aufregende Leben unserer Großeltern erforschen. Oft ist es wichtig, dass wir dazu an die Orte ihres Lebens fahren, um zu begreifen wie sie gelebt haben. Und dann können wir uns fragen: Welche Geheimnisse gab es, welche Werte, Familienaufträge und welche Familienschätze. Letztlich ist dies eine spannende Forschungsreise in die Vergangenheit, bei der wir uns selbst finden.

Lieber Herr Dr. Wolfgang Krüger, wir danken Ihnen herzlich für dieses Gespräch!

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