Brigitta Schall im Interview

»Lebenslange Treue ist möglich, die Frage ist aber, ob dies ein erstrebenswertes Ziel ist«

Ein Interview mit Brigitta Schall

Vier Frauen im mittleren Alter suchen irgendwie die Liebe – eine davon übers Internet. Rita, Hauptfigur in Birgitta Schalls sympathischem Roman, sucht die risikolose Affäre auf einem Seitensprung-Portal. Doch was sie findet, ist nicht ganz so perfekt wie erwartet. Und auch das Liebesleben ihrer drei Freundinnen lässt trotz fester Beziehungen einiges zu wünschen übrig. Die promovierte Literaturwissenschaftlerin aus München gewährt in ihrem lesenswerten Roman einen tiefen Blick in die moderne Liebessuche. Wir haben mit Ihre über Seitensprungportale, Untreue, Fremdgehen und Liebe ohne Risiko gesprochen.

Seitensprung-Fibel.de: Wie kamen Sie auf die Idee, ein Seitensprungportal zu einem literarischen Schauplatz zu machen?

Buchcover: Perfekte Affären Brigitta Schall: Ich arbeite seit 2006 im Bereich Marketing von Online-Dating Portalen. 2009 kam dann die große Welle der Online-Seitensprungagenturen an den Markt. Ein bisheriges »Nischenprodukt« wurde fast unmerklich zum Mainstream. Der Roman Perfekte Affären untersucht, welche Erfahrungen eine Frau wie Rita macht, die als Typ auf den ersten Blick so GAR nicht auf ein Seitensprungportal passt. Was ist ihre Motivation und wie verändert sie sich? Am Ende wird deutlich, dass es eine wichtige Erfahrung für sie war.

Seitensprung-Fibel.de: Haben Sie selbst Erfahrungen gemacht mit Online-Dating? Wenn ja: War es ein Experiment oder hatten Sie Lust, diese Art der Kontaktanbahnung auszuprobieren?

Brigitta Schall: Beides. Um den Service wirklich gut vermarkten zu können, wollte ich die Vor-und Nachteile gut kennen und viel Zeit auf den Portalen verbringen. Gleichzeitig gingen meine Erfahrungen aber über das rein Experimentelle hinaus. Als ich bei Match.com als Marketingdirektor anfing, war ich Single, konnte mich also »guten Gewissens« auf verschiedenen Singleportalen anmelden und mich zu Dates verabreden. Eine wirklich tolle und wichtige Erfahrung für mich.

Seitensprung-Fibel.de: Ist Rita gleich Birgitta: Wie viel Wahrheit steckt in Ihrem Roman?

Brigitta Schall: Es steckt ein kleines bisschen von mir in allen fünf Hauptpersonen: In Rita, Stine, Babs, Netti und Jan. Sie alle gehören zu mir, denn ich habe die Figuren hervorgebracht.

Seitensprung-Fibel.de: Warum haben Sie als thematischen Rahmen das Pokerspiel genommen, sehen Sie einen Zusammenhang zwischen der Liebessuche und dem strategischen Kartenspiel?

Brigitta Schall: Ursprünglich sollte mein Roman »Der Naheffekt« heißen. Der Roman untersucht, was den Kern von Beziehungen, ob Freundschaft, Liebe oder Sex, ausmacht. Meine Antwort ist »Nähe«, in welcher Form auch immer. Psychische oder körperliche Nähe, emotionale Bezogenheit. Wenn wir Nähe zulassen, passiert etwas mit uns, etwas, das wir nicht wirklich kontrollieren können. Das Pokerspiel ist bestimmt von Ritualen, die keine Nähe zulassen. Die Mitspieler bluffen sich gegenseitig aus, setzen ein Pokergesicht auf, ziehen sich über den Tisch, zocken sich ab, um am Ende als Sieger den Tisch zu verlassen. Leider erinnern viele Beziehungen an ein Pokerspiel, da wird geblufft, abgezockt, ein Pokergesicht aufgesetzt, Rituale werden abgespult und Gefühle kontrolliert. Die Nähe, die so entsteht, gleicht der des Pokerspielers, der nur eine Art von Intimität kennt: Die zwischen sich und seinem Gewinn.

Seitensprung-Fibel.de: Im Kern geht es bei der Seitensprungsuche via Internet ja um sexuelle Abenteuer, um den erotischen Kick ohne Verbindlichkeiten. Wo sehen Sie hier die Chancen und auch die Risiken?

Brigitta Schall: Die Gefahr liegt ganz klar darin, dass andere Menschen für ein primäres Bedürfnis instrumentalisiert werden könnten – aber die Gefahr besteht bei Sex natürlich immer, das sagt nichts über die Seitensprungsuche via Internet. Vielleicht macht das Internet es einfacher, dem Konflikt in einer Beziehung aus dem Weg zu gehen. Der Vorteil liegt ganz klar darin, dass beide Beteiligten von Anfang an wissen, auf was sie sich einlassen. So entstehen keine falschen Hoffnungen. Und natürlich bietet das Internet im besten Fall eine größere Auswahl – schon rein geographisch. Und es gibt auch immer wieder Menschen, die argumentieren, dass ein Seitensprung, ihre Beziehung gerettet hat.

Seitensprung-Fibel.de: Rita sucht die risikolose Affäre just for fun. Warum eigentlich? Und sucht sie nicht doch mehr als nur eine lose, pragmatische Verbindung?

Brigitta Schall: Der Single Rita hat die emotionalen Verwicklungen satt, die eine Beziehung mit sich bringt. Sie will den »Naheffekt«, also zu viel Nähe, meiden. Das klappt mit Hilfe eines Seitensprungportals auch sehr gut. Sie hat Dates, findet gleich mehrere Geliebte und genießt die Leichtigkeit dieser rein sexuellen Zusammenkünfte. Am Ende merkt sie, dass diese Treffen ihr zwar Sicherheit und Selbstbewusstsein geben, ihr gleichzeitig aber auch jede Spontaneität nehmen. Denn der Rahmen dieser Treffen ist von Anfang an festgesteckt, und das empfindet sie nach einer gewissen Zeit als einengend. Sie entscheidet sich für mehr Spontaneität und weniger Kontrolle. Sie gibt das Pokerspielen auf.

Seitensprung-Fibel.de: Glauben Sie, dass viele Date-Surfer doch hoffen, auf Seitensprungportalen eine Liebesbeziehung zu finden?

Brigitta Schall:Das weiß ich nicht. Ich halte das für die falsche Strategie. Es gibt ja genug Flirtportale und Partnersuche-Portale, wo man online einen Freund und Lebenspartner finden kann.

Seitensprung-Fibel.de: Halten Sie es überhaupt für möglich, dass man auf Datingportalen die große Liebe finden kann?

Brigitta Schall: Ja, natürlich! Sie vergrößern die Wahrscheinlichkeit, einen passenden Partner zu finden. Wenn man sich nicht jeden Abend unters Nachtvolk mischt, sind die Gelegenheiten, einen Partner zu finden, auf den Arbeitsplatz, vielleicht noch den Freundeskreis, beschränkt. Und je nachdem, wo man arbeitet und wie groß der eigene Freundeskreis ist, schränkt das die Auswahl entscheidend ein. Andererseits ist es aber auch so: Wer nicht ernsthaft einen Lebenspartner sucht, wird auch auf einem Dating-Portal nicht fündig. Das heißt, es muss der Wille und die Bereitschaft da sein, sich auf jemanden einzulassen.

Seitensprung-Fibel.de: Wie gestaltet sich Ihrer Meinung nach die Liebe in Zeiten des Internets? Ist es schwieriger geworden, den richtigen Partner zu finden?

Brigitta Schall: Die Ansprüche haben sich geändert. Als 2004-2005 das Online-Dating nach und nach salonfähig wurde, war es für viele Menschen eine völlig neue Erfahrung, in einem Profil den idealen Wunschpartner beschreiben zu können. Das hat aber auch zu einer neuen »Kaltblütigkeit« geführt. Wenn der Mann nicht mindestens 188 cm groß ist, »verabschiede« sich Frau von ihm online. Kommt die Frau auf ihrem Profilfoto nicht hundertprozentig ansprechend rüber, reagiert der Mann auf ihre Email-Anfrage nicht. Und so geht es weiter. Sobald irgendetwas nicht passt, sucht man online weiter, immer in dem Glauben, dass es da draußen jemanden gibt, der noch idealer passt. Wir werden zu Konsumenten einer Ware, die »Liebe« heißt, und die Auswahl potentieller Lieferanten dieser Ware steigt ins schier unendliche. Zumindest theoretisch.

Seitensprung-Fibel.de: Ihrem Buch geht es ja auch um Betrug – wie wichtig finden Sie Treue in Beziehungen?

Brigitta Schall: Das muss jedes Paar für sich selbst entscheiden. Und diese Entscheidung ist nicht in Stein gemeißelt, sie kann sich im Lauf der Zeit ändern. Je offener und ehrlicher ein Paar mit dieser Frage umgeht, desto besser. Es ist ein Qualitätszeichen für eine Beziehung, hier NICHT zu bluffen, die Karten offen auf den Tisch zu legen.

Seitensprung-Fibel.de: Jeder zweite Deutsche, egal ob Mann oder Frau, geht im Laufe einer langjährigen Beziehung fremd. Wie erklären Sie sich diesen Trend zur Untreue?

Brigitta Schall: Es wurde schon immer fremd gegangen, und Seitensprünge wird es auch immer geben. Manche sagen, es liegt in unserer Biologie (bei Frauen »Gen-Shopping« genannt…), andere glauben, es ist alles eine Frage der (richtigen) Einstellung. Ich glaube, dass lebenslange Treue möglich ist, die Frage ist aber, ob dies ein erstrebenswertes Ziel ist. Wie hoch ist der Preis, den ein Paar für diese lebenslange Treue bezahlt? Ich habe – definitiv – keine Antwort darauf. Ich sehe meine Aufgabe als Autorin darin, die richtigen Fragen zu stellen und den Leser dabei hervorragend zu unterhalten. Die Antworten muss der Leser selbst finden. Sorry ;-))

Liebe Frau Brigitta Schall, wir danken Ihnen herzlich für dieses Gespräch!

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