Gute Beziehung – aber Angst, was zu versäumen? Warum wir manchmal glauben, dass wir sexuelle Erfahrungen oder den Traumpartner verpassen, lesen Sie hier.

Nachdenkende junge Frau

Ist der Zug abgefahren? Wenn einen die Angst umtreibt, etwas verpasst zu haben

Mit den Beziehungsjahren können die Liebeszweifel kommen: Manch einer fragt sich dann, ob er vielleicht zu früh eine feste Partnerschaft eingegangen ist, wichtige sexuelle Erfahrungen verpasst oder gar den falschen Partner geheiratet hat.

Willkommen in der Beziehungsrealität – spätestens nach etwa 3 Jahren ereilt die meisten Liebesgeschichten dasselbe Schicksal: Sie wandeln sich von der leidenschaftlichen Romanze zu einer mehr oder weniger tragfähigen Zweierkiste. Und zack sind sie da: Die Zweifel, ob es das jetzt gewesen sein soll, ob man womöglich sexuell was versäumt hat, weil man seit gefühlten Ewigkeiten mit ein und demselben Partner zusammen ist oder vielleicht die falsche Person gewählt hat, weil mit der ewiges Liebesglück gar nicht möglich ist. Sind das trügerische Gefühle oder was ist dran?

Die große Ent-Täuschung: Bahn frei für Hadern und Zweifeln

Potrait von Dr. Wolfgang KrügerVerliebt sein kann jeder, die Phase berauschender Hochgefühle bewältigen die meisten Paare ziemlich gut. Danach beginnt die Bewährungsprobe, wenn die Partner nämlich im Beziehungsalltag angekommen sind. Der ist oft alles andere als berauschend, ins Sexleben kehrt Routine ein, das Zusammensein wird mehr und mehr von Pflichten gesteuert, die großen Gefühle machen bestenfalls Platz für Geborgenheit und Konsorten. Dann würde sich bei vielen Menschen eine gewaltige Enttäuschung einstellen, meint der Paartherapeut Wolfgang Krüger. Man erkenne, dass der andere in vielen Bereichen nicht den eigenen Erwartungen entspricht, sehe die Unzulänglichkeiten der Beziehung und spüre, dass Wunsch und Wirklichkeit auseinanderklaffen, schreibt Krüger in Das Geheimnis der Treue.

Und dann? Dann schweifen plötzlich die Gedanken ab, man ist wieder empfänglicher für die Reize dritter Personen, erinnert sich an die ein oder andere Liebesgeschichte, die verheißungsvoll anfing, aber dann doch im Sande verlief. Oder hadert mit dem, was man hat, weil es doch so viele andere Optionen gibt.

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Verpasst, versäumt, vertan – 3 Gefühle, die sich einstellen können

Das Gefühl, tolle sexuelle Erlebnisse zu verpassen

Bei den meisten Beziehungen spielt Sex anfangs eine wichtige Rolle. Das sieht man allein schon an der Sexhäufigkeit: Haben Studien zufolge frisch Verliebte bis zu mehrmals täglich heißen Sex, sinkt die Quote auf ein paar Mal monatlich bei länger Liierten. Die Göttinger Theratalk-Studie kommt auch zu dem ernüchternden Ergebnis, dass kein anderer Bereich der Partnerschaft im Laufe der Zeit so negativ verläuft wie die sexuelle Zufriedenheit. Denn die nimmt in den ersten 10 Jahren der Partnerschaft kontinuierlich ab und bleibt dann auf niedrigem Niveau. Logisch, dass manch einer dieses Abflauen der erotischen Aktivität in der Beziehung zum Anlass nimmt, sich schlecht zu fühlen. Denn subjektiv kann der Eindruck entstehen, etwas zu verpassen, weil es mit dem eigentlichen Partner nicht mehr so leidenschaftlich ist wie zu Beginn. Frei nach dem Motto »neue Besen kehren besser« stellen sich einige dann vor, mit einem anderen Sexpartner könnte alles viel aufregender werden. Und so ist es ja auch, da muss man nichts beschönigen: Mit der Zeit gewöhnt man sich an den Partner, es wird langweilig, weil uns der bekannte Lover nicht mehr so vom Hocker reißen kann wie anfangs. Potrait von Dr. Wolfgang KrügerTatsache ist: Es gibt zwar Belege dafür, dass das Sexleben in längeren Beziehungen sich wandelt. Aber keine wissenschaftliche Untersuchung beweist, dass die Sexualität von Paaren im Laufe der Jahre langweilig werden muss. Ebenso wenig ist erwiesen, dass als toll erlebter Sex nicht im heimischen Bett stattfinden kann. Nach Jahren hat man vielleicht seltener Lust aufeinander, das Begehren nimmt ab – aber ist das wirklich schlimm? Im Gegenzug, das etwa meint Tobias Ruland, könne nämlich die Qualität der sexuellen Begegnungen immens steigen. In Die Psychologie der Intimität schreibt der Sexualtherapeut, wenn die hormongesteuerte Phase der Verliebtheit vorüber sei, könne das Sexleben eine ganz andere Intensität bekommen – wenn beide Partner bereit sind, wirklich intim miteinander zu werden, sich also ganz auf den anderen einlassen und sich mit ihren innersten Gefühlen offenbaren.

Das Gefühl, wichtige erotische Erfahrungen zu versäumen

Sie haben den ersten Mann, mit dem Sie Sex hatten, gleich geheiratet? Oder sind Sie noch immer mit Ihrer ersten großen Liebe zusammen? Verständlich, dass Sie manchmal denken, etwas versäumt zu haben. Zum Beispiel den weltbesten Orgasmus, die faszinierendste sexuelle Erfahrung, das prickelndste Abenteuer. Schließlich haben Sie ja keinen wirklichen Vergleich, Sie kennen nur das, was Sie auf dem Teller haben. Dass Sie da mal über den Rand schauen möchten, ist nachvollziehbar. Tatsache ist: Schenkt man Umfragen Glauben, haben die meisten Deutschen im Laufe ihres Lebens ungefähr sechs verschiedene Sexpartner. Entsprechend viele erotische Erfahrungen kommen da zusammen – aber wie dramatisch das ist, diese zu versäumen, ist Ansichtssache. Zumal sich die Frage stellt, was eigentlich wichtige erotische Erfahrungen sind. Verstehen Sie darunter wechselnde Sexpartner, unterschiedliche Praktiken oder verrückte Stellungen? Oder anders gefragt: Was genau glauben Sie denn zu versäumen? Oft ist es eher der subtile Eindruck, eine entscheidende Erfahrung könne einem durch die Lappen gegangen sein. Aber ob das tatsächlich so ist, sei dahingestellt. Eigentlich ist die Menge der erotischen Erfahrungen, die Sie bisher gesammelt haben, unerheblich. Wenn es für Sie selbst eine Rolle spielt, sollten Sie diese hinterfragen. Denn natürlich können Ihnen sexuelle Erlebnisse verschiedener Art verschiedene Horizonte eröffnen. Muss aber nicht. Ihr sexuelles Profil können Sie auch mit ein und derselben Person schärfen – es hängt davon ab, wie Sie Ihr Sexleben gestalten.

Das Gefühl, Liebeschancen vergeben zu haben

Verliebt, verlobt, verheiratet – ging das alles bei Ihnen ziemlich fix über die Bühne? Klar, dass Ihre Zweifel von etwas soliderer Machart sind. Denn, das behauptet zumindest der amerikanische Paarguru John Gottman, wenn Sie sich sehr schnell und eher aus Zufall gebunden haben, ist es mit Ihrem Commitment, also Ihrem Bekenntnis zu dieser Partnerschaft, vielleicht nicht so weit her. Wer dagegen bewusst und überlegt, nicht aus irgendeiner Not heraus oder weil gerade nichts Besseres zu haben war, eine Beziehung eingeht, lässt sich von aufkommenden Zweifeln nicht so schnell ins Bockshorn jagen, schreibt Gottman in Die Vermessung der Liebe. Wenn Sie eine feste Beziehung eingegangen sind, in der Hoffnung, die guten Gefühle stellen sich schon irgendwann ein, liegen Sie falsch. Denn die starke Bindung muss vorher da sein. Sonst betrügen Sie Ihren Partner und sich selbst, meint Gottman. Kann sein, dass Sie dann irgendwann bereuen, sich auf diese Partnerschaft eingelassen zu haben und wehmütig auf vermeintlich verpasste Chancen zurückschauen. Vielleicht stellen Sie dann auch grundsätzlich Ihre Wahl infrage und glauben, sich voreilig in den festen Beziehungshafen eingeschifft zu haben. Tatsache ist: Die Entscheidung für einen Partner bedeutet den Verzicht auf alle anderen potenziellen Partner – so ist das, wenn Sie eine monogame Lebensweise bevorzugen. Wann Sie sich binden, ist nebensächlich. Wie Sie sich binden ist wichtig: Ausschlaggebend ist, dass Sie diese Beziehung auch wollen. Was später kommt, wissen Sie nicht, Prognosen über Beziehungsverläufe sind immer mit Vorsicht zu genießen. Amerikanische Forscher ermittelten, dass die günstigsten Voraussetzungen für eine glückliche Ehe bestehen, wenn sich die Paare mit Anfang Zwanzig finden. Jünger als 22 sollten sie auch nicht sein, wie Werner Bartens in Was Paare zusammenhält, feststellt. Analysen hätten ergeben, dass früh geschlossene Ehen besonders große Zufriedenheit verheißen. Also sollten Sie es mal von dieser Warte aus sehen: Je früher Sie sich fest gebunden haben, umso größer sind rein statistisch gesehen Ihre Chancen auf Beziehungsglück.

Warum diese Zweifel normal sind

Das alles sind keine schönen Gefühle. Denn sie vermitteln, dass da etwas fehlt, ein Defizit ist, das in dieser Beziehung nicht zu stopfen scheint. Heute sind wir darauf gepolt, alles immer wieder zu hinterfragen, ständig nachzuforschen, ob auch unsere Beziehung das Nonplusultra ist. Gut ist es da, auf dem Boden der Tatsachen zu bleiben:

Unzufriedenheit ist normal – ab und an in Maßen

Wer ist schon immer rundum zufrieden mit allem? Dass Sie manchmal an Ihrer Beziehung zweifeln, liegt völlig im Bereich des Normalen. Das geht uns allen so, etwa 40 Prozent aller Paare würden sich regelmäßig mit der Frage beschäftigen, ob ihre Beziehung Sinn macht und ob sie womöglich an den Falschen geraten sind, sagt Paartherapeut Wolfgang Krüger. Das liege daran, dass eine Partnerschaft immer von einem Auf und Ab gekennzeichnet ist, mit dem wir lernen müssen, umzugehen.

Sex mit Dritten ist normal – in der Fantasie

Egal, ob Mann oder Frau – beide Geschlechter träumen mehr oder weniger häufig davon, mit einem anderen Menschen als dem Partner zu schlafen. Das ist sogar gut, erklärt Werner Bartens. Es wäre eher unnatürlich, wenn Sie gar keine erotischen Fantasien hätten. Sogar, dass wir uns regelmäßig nach potenziellen Sexpartnern umschauen, ist normal – weil es in unserem evolutionären Erbe steckt. Denn die Aussicht auf mehrere Sexualpartner erhöht rein theoretisch die Chancen auf Fortpflanzung. Auch wenn Sie also diese Sexfantasien mit Dritten haben, bedeutet das noch lange nicht, dass Sie in Ihrer aktuellen Beziehung sexuell was verpassen.

Die Sehnsucht nach einer alten Liebschaft ist normal – wenn sie nicht verklärt wird

Alte Liebe rostet nicht – und erscheint uns in der Rückschau oft makellos. Wir stecken ja gerade ganz woanders drin, unsere aktuelle Beziehung raubt uns grad den letzten Nerv, da kommen die Erinnerung an bessere Zeiten und andere Liebschaften gerne mal auf. Das ist aber trügerisch, denn Ex-Liebschaften haben die fiese Angewohnheit, sich unseren Vorstellungen widerspruchslos anzupassen – in unseren Gedanken können wir sie zur Traumbeziehung ausbauen. Die Wirklichkeit sieht aber oft anders aus, womöglich ist die Tatsache, dass daraus nichts geworden ist, Beweis genug dafür, dass es auch nicht das Gelbe vom Ei war. Verklären Sie alte Liebschaften bloß nicht, rufen Sie sich in Erinnerung, was nicht so gut lief. Das ist ehrlicher.

Fazit: Symptom oder Ursache? Warum es sich lohnt, den Gefühlen auf den Grund zu gehen

Jedes Paar hat seine eigene Geschichte, jede Liebe ihre Biografie – darum lässt sich auch bei diesen ambivalenten Gefühlen nichts über einen Kamm scheren. Wenn Sie mit Ihrer Beziehung alles in allem ganz einverstanden sind, bekommen die Gefühle natürlich einen ganz anderen Stellenwert, als wenn Sie in einer kreuzunglücklichen Liaison stecken. Sollte dies der Fall sein, sind Ihre zwiespältigen Emotionen vielleicht Signal dafür, dass Sie etwas verändern sollten.

Manche Partnerschaften brauchen nach einigen Jahren eine Auffrischung, müssen auf neue Füße gestellt oder überdacht werden. Viele Paare verkennen, dass sich jeder der Partner im Laufe der Beziehung verändert – da tut sich dann was, obwohl von außen betrachtet alles beim Alten scheint.

Sie können sich aber auch gemeinsam weiterentwickeln, das behauptet beispielsweise Wolfgang Krüger. In »So gelingt die Liebe, auch wenn der Partner nicht perfekt ist « erklärt er, dass die Liebe aus einem Spannungsverhältnis zwischen dem Traum und der Bodenständigkeit bestehe. Die Kunst bestehe nicht darin, vollkommen zufrieden mit der Partnerschaft zu sein und niemals das Gefühl zu haben, sexuell oder erotisch irgendetwas zu verpassen. Sondern darin, anzuerkennen, dass es diese Empfindungen gibt, dass sie nicht zwangsläufig Indiz dafür sind, dass Sie sich bei Ihrem Partner völlig vergriffen haben. Wenn Sie aber permanent das Gefühl haben, etwas sexuell zu verpassen oder Emotionen zu versäumen, wenn Sie meinen, den falschen Partner zu haben oder Entscheidungen aus der Vergangenheit bereuen, dann sollten Sie Ihre Partnerschaft überdenken. Diese Fragen könnten Ihnen dabei helfen:

  • Zufall oder große Liebe: Warum sind Sie mit diesem Partner zusammen? Wie waren Ihre Gefühle am Beginn der Beziehung und welche Beweggründe hatten Sie dafür, mit diesem Menschen eine feste Bindung einzugehen?
  • Ändern oder akzeptieren: Wie empfinden Sie die körperliche Beziehung zu Ihrem Partner? Ist der Sex befriedigend, was ist gut, was fehlt Ihnen? Und was können Sie ansprechen, wie Ihre Wünsche äußern und gemeinsam mit Ihrem Partner etwas verändern?
  • Beweglich oder starr: Welche unbefriedigten Bedürfnisse können Sie in der Beziehung ansprechen? Ist Ihr Partner offen für Neues, geht er auf Ihre Bedürfnisse ein und versucht, Sie zu verstehen?
  • Echt oder vorgeschoben: Sind Ihre Gefühle, sexuelle Erlebnisse zu verpassen, Ursache oder Symptom? Sehnen Sie sich nach etwas, das Realität werden könnte, wenn Sie es endlich in Angriff nehmen oder sind das Fantasiegebilde, Wünsche, die davon leben, niemals in Erfüllung zu gehen?


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