Beispiel: Partnersuche im Internet. Per Mausklick können wir in Singlebörsen potenzielle Partner vergleichen und auswählen, bei einem Date »testen« und anschließend entscheiden, ob wir den Kontakt vertiefen oder lieber wieder einschlafen lassen, wenn's nicht recht passen will. Doch was tun, wenn es dafür zu spät ist? Wenn die Verbindung bereits seit vielen Jahren per Heiratsurkunde, Familie und Hausbau besiegelt ist und ein gemeinsames Leben errichtet wurde?
Es ist alles perfekt, was willst du denn?
Diesen Satz hört Charlotte, 38, seit einiger Zeit öfter. Sie hat alles, was eine Frau sich laut Konventionen zu wünschen hat: ihren attraktiven, beruflich erfolgreichen Mann Christian, zwei bezaubernde Kinder, ein schickes Haus im Grüngürtel, Freunde und eine gute Beziehung zu den Schwiegereltern. Das Bild ist perfekt. Trotzdem erträgt Charlotte es nicht mehr.»Ich habe das Gefühl, einem Phantom hinterher zu jagen«, sagt sie. »Mein Leben mit Christian ist harmonisch und geregelt wie ein Uhrwerk, wir streiten kaum, der Sex ist auch okay. Nicht berauschend, was ja irgendwie normal ist nach ein paar Jahren, aber ganz okay.« Schon sind wir beim wunden Punkt, über den rund 90 Prozent aller verheirateten Frauen insgeheim klagen, aber nur selten offen sprechen: lauwarmes Sexleben im Ehebett. Dazu, und wie sich das gemeinsam verbessern lässt, an anderer Stelle mehr. Bleiben wir beim Thema. Es sind merkwürdige Unstimmigkeiten, die ihr erst im Laufe der Zeit bewusst wurden, und die sie nun an Christian zweifeln lassen. Zum Beispiel seine Einstellung zu berufstätigen Frauen.
»Während unserer Kennenlernphase arbeitete ich als Physiklehrerin am Gymnasium und war Gastdozentin an der Uni. Mein Traum war es, vor meinem 40. Geburtstag noch zu promovieren. Christian sagte immer, dass er das gut findet und mich nach der Babypause dabei unterstützen wolle. Doch das ist Jahre her. Seit wir Eltern sind, höre ich immer öfter spitzfindige Anspielungen, dass Mütter sich voll und ganz ihren Kindern zu widmen hätten. Einmal betonte er im Beisein unserer Nachbarn, wie glücklich er sei, dass seine Frau es nicht nötig habe zu arbeiten. Nötig, hallo? Habe ich wirklich so einen antifeministischen Mann geheiratet? Nimmt er meine Ambitionen überhaupt ernst?«
Das Thema Berufstätigkeit ist nicht die einzige Dissonanz, die Charlotte zu schaffen macht. »Christian ist eifersüchtig. Am Anfang fand ich das süß. Seit ein paar Jahren wird es zunehmend zum Problem. Ich habe zwei männliche Freunde, die ich seit der Schulzeit kenne, und mit denen mich eine vertrauensvolle Beziehung verbindet. Einer ist schwul, der andere verheiratet. Es gab niemals amouröse Ambitionen zwischen uns. Christian kennt beide. Nach einer Weile fand ich zufällig raus, dass er ab und zu Anrufe der beiden auf unserer Mailbox löscht und sich außerdem in meinem E-Mail-Account eingeloggt hat.« Ein massiver Vertrauensbruch? Nicht für Christian.
»Als ich ihn zur Rede stellte, hat er nur gelächelt und meinte, ich könne ja auch seine Mails lesen, wenn ich wollte, er hätte nichts zu verbergen.« Was den Einbruch in Charlottes Privatsphäre weder relativiert noch entschuldigt. Schließlich bricht es aus ihr heraus: »Ich kann neben ihm nicht mehr atmen! Ich habe das Gefühl, nicht mehr ich selbst zu sein, sondern eine Rolle spielen zu müssen!«
Dieser Artikel hat 5 Seiten. Lesen Sie auch . . .Seite 1: Ich habe den falschen Mann geheiratet
Seite 2: Trennen oder Kompromisse leben
Seite 3: Warum es so schwer ist Entscheidungen zu treffen
Seite 4: Risiken, Chancen und Irrtürmer
Seite 5: Letzter Ausweg: Trennen und loslassen















