Emotionale Abhängigkeit hat viele böse Gesichter
Emotionaler Missbrauch in der Kindheit hat viele Gesichter und kann massive Folgen haben: Wer als Kind Fürsorge, Vereinnahmung und Abhängigkeit bis zur Hörigkeit erfahren hat, überträgt gelernte Verhaltensmuster auf spätere Liebesbeziehungen – und leidet. Eltern müssen die eigene Bedürftigkeit erkennen und ihre Kinder loslassen. Die wiederum müssen, egal wie alt sie sind, den Weg aus zerstörerischer Abhängigkeit finden.Weniger befasst sich Heinz-Peter Röhr in seinem Buch mit den Beziehungsstrukturen Erwachsener, er richtet sein Augenmerk vielmehr auf die Kindheit und im Besonderen auf die Eltern-Kind-Beziehung. Denn die ist seiner Ansicht nach die Wurzel allen Übels. Wer eine dominierende Mutter hat, eine, die mit ihrer Fürsorglichkeit tyrannisiert oder eine, die die eigene Hilflosigkeit auf Tochter oder Sohn projiziert, eine, die ihre Defizite über die Kinder auszugleichen versucht, der hat ziemlich schlechte Karten. Vor allem in Liebesbeziehungen.
Das Märchen von der Gänsemagd und die böse Mutter
Starker Tobak ist das. Um die harten Fakten in ein softeres Gewand zu kleiden, nutzt Heinz-Peter Röhr ein Märchen der Gebrüder Grimm. Anhand der »Gänsemagd« illustriert er Ursachen und Wirkung von einer zu engen Mutter-Tochter-Beziehung und schildert ausgehend von dieser Märcheninterpretation mögliche Folgen einer unguten emotionalen Abhängigkeit.Der Inhalt des Märchens in Kürze: Eine alleinstehende Königin verheiratet ihre schöne Tochter mit einem Königssohn in weiter Ferne. Reichlich Bares gibt sie der heiß geliebten Tochter mit auf die Reise, Geschmeide und allerhand Tand sowie eine Kammerjungfer und ein Pferd namens Fallada. Außerdem überreicht sie dem Kind ein mit drei Blutstropfen getränktes Tüchlein.
Soweit, so gut. Auf der Reise zur Hochzeit entpuppt sich die Kammerjungfer aber als böses Ding, behandelt die Königstochter überaus schäbig und zwingt sie schlussendlich dazu, mit ihr die Rollen zu tauschen. So heiratet der Königssohn unwissentlich die Kammerjungfer, die eigentliche Braut muss Gänse hüten. Auch das Pferd Fallada muss dran glauben, die Kammerjungfer lässt dem sprechenden Gaul den Kopf abschlagen. Die Königstochter aber sorgt dafür, dass der Pferdekopf über das Hoftor genagelt wird, wo er weiterhin Kommentare abgibt. Nur der alte König wittert Böses, er belauscht Fallada und will die Gänsemagd alias Königstochter zur Rede stellen – sie kriecht dafür in einen Eisenofen, dem sie ihr ganzes Schicksal klagt. Und dann kommt das gute Märchenende: Die falsche Braut fliegt auf, die böse Betrügerin wird gerichtet und alle sind glücklich.
Heinz-Peter Röhr unterzieht das Märchen einer sehr genauen Analyse und diagnostiziert bei der Mutter eine narzisstische Fürsorglichkeit der Tochter gegenüber. Die wiederum ist das handlungsunfähige Opfer der daraus resultierenden emotionalen Abhängigkeit.
Loslassen können will gelernt sein
Echte Liebe will nicht besitzen, postuliert Heinz-Peter Röhr. Und macht anhand des Märchens deutlich, dass die Königstochter sich nie wirklich von der Mutter lösen konnte. Sie zeigt alle Symptome der emotionalen Abhängigkeit: Sie kann keine eigenen Entscheidungen treffen, sich nicht aus negativen Situationen befreien, versteckt sich hinter passiven Klagen, sie fühlt sich hilflos und wartet auf Erlösung. Ähnliches passiert mit Kindern, deren Eltern nicht loslassen können und die den pubertären Ablöseprozess unterbinden. Geschieht dies, läuft es immer auf emotionalen Missbrauch hinaus. Denn die Kinder werden über die Gefühlsebene so an Mutter oder Vater gebunden, dass sie sich nicht lösen oder trennen können – und schlussendlich keine eigene Persönlichkeit herausbilden. Sie verharren in einer ungesunden Abhängigkeit, die auch ihre späteren Beziehungen prägt. Ein Nährboden für Minderwertigkeitsgefühle sei das, weiß Heinz-Peter Röhr aus der psychotherapeutischen Praxis. Und ein schmerzender Hemmschuh für Liebesbeziehungen. Denn auch in diesen – sofern es überhaupt so weit kommt – nehmen sich Menschen mit einer zu starken Mutter- oder Vaterbindung zu sehr zurück, ertragen unglückliche Verbindungen, werden zu willigen Opfern.Wenn der Partner zum Problemlöser wird
Wer in der Kindheit gelernt hat, seine Gefühle von denen der Mutter abhängig zu machen, wird später Schwierigkeiten haben, in einer Partnerschaft das richtige Maß aus Nähe und Distanz zu finden. Der Partner wird zur Projektionsfläche der eigenen Unzulänglichkeiten, statt Liebe herrscht Abhängigkeit. Manche suchen förmlich nach »schlechten« Partnern, nach solchen, mit denen eine Verbindung zwangsläufig schwierig werden muss. Andere zwingen ihr Gegenüber in die Problemlöserrolle – und lagern so ihr tief sitzendes Gefühl der Unzulänglichkeit aus. Alles kann, so Experte Heinz-Peter Röhr, in einer Persönlichkeitsstörung gipfeln, nämlich die der sogenannten abhängigen bzw. dependenten Persönlichkeitsstörung. Für deren Diagnose gibt es bestimmte Kriterien, die Heinz-Peter Röhr am Ende des Buches aufführt. Auch einen Fragebogen hat er angehängt, mit dem man testen kann, ob man Opfer emotionalen Missbrauchs durch die Eltern wurde.Wenn dem so ist, kann man sich aus seiner Hilflosigkeit befreien – Röhr sieht in dem Märchen einen Leitfaden für die Heilung, also die Befreiung aus zerstörerischen Abhängigkeiten. Wichtig sei zunächst, dass man die eigenen »Dramen« erkenne, den Wiederholungszwang sehe, sich zu lösen lerne und Visionen für das eigene Leben entwickele. Ganz praktisch formuliert Heinz-Peter Röhr Leitsätze, gibt anschauliche Beispiele und erklärt Übungen, mit deren Hilfe man die eigene Wahrnehmung schulen kann.
Heinz-Peter Röhr »Wege aus der Abhängigkeit. Destruktive Beziehungen überwinden«
(Deutscher Taschenbuch Verlag, ISBN: 3-423-34463-0, 192 Seiten, 8,90 Euro)











