Muss man manchmal untreu sein, um sich selbst wieder treu zu sein?

Leidenschafliches Paar bei der heimlich ausgeübten Liebe

Unser Buchtipp des Bestsellerautors Paulo Coelho

Buchrezension Untreue von Paulo Coelho

Kurzbeschreibung

Buchcover: Untreue »Untreue« ist ein Roman, der unter die Haut geht. Denn er bringt in literarische Form, was viele Frauen empfinden. Und er thematisiert Gefühle, die unzählige Menschen bewegen. Es geht um Untreue, um den Seitensprung einer Frau, die aus innerem Unglück heraus in eine Liebesaffäre stolpert. Obwohl sie ihren Mann und ihre Söhne liebt, ist sie bereit, alles aufs Spiel zu setzen, um sich wieder in einem berauschenden Taumel der Leidenschaft lebendig zu fühlen. Wohin das führt, sei hier nicht verraten. Nur soviel: Wenn Sie sich schon einmal mit dem Thema Untreue persönlich auseinandergesetzt haben, wird Sie das Buch sicher genau an den richtigen Stellen packen. »Untreue« ist kein Sachbuch, aber der neue Roman von Paulo Coelho besticht durch seine sachliche Komplexität. Allein schon das ist uns eine Vorstellung wert.

Ausführliche Beschreibung

Untreue, literarisch betrachtet

Um die Liebe geht es in den Romanen von Paulo Coelho eigentlich immer. Um die Liebe zu sich selbst, zu einem anderen Menschen, zu einer höheren Macht oder zum Leben. Als Autor vieler symbolträchtiger Bücher hat sich der 1947 in Rio de Janeiro geborene Schriftsteller einen großen Namen gemacht. Mit seinem neuesten Roman wagt er sich an ein heikles Thema, das so modern wie allgegenwärtig ist – den Ehebruch. Wir finden, das sollten Sie mal lesen. Warum, erklären wir hier.

Über Untreue wurden schon Tausende Bücher geschrieben. Der Liebesbetrug ist ein literarischer Topos, der die Menschen immer interessiert hat und interessieren wird. Sachbücher zum Thema gibt es zuhauf, alle haben zum Ziel, zu ergründen, wieso, weshalb und warum Menschen fremdgehen und wie sie es tun.

Paulo Coelhos Roman könnte man als literarischen Versuch bezeichnen, die Untreue zu analysieren. Anhand einer spannenden Geschichte versucht der Bestsellerautor, die Hintergründe eines Liebesbetrugs zu erforschen, die wahren Motive ans Licht zu bringen und zu zeigen, was eine Affäre bewegen beziehungsweise anrichten kann. Das gelingt ihm in einem klaren, unverschnörkelten Ton.

Linda beschließt, untreu zu werden

Stellen Sie sich eine wunderschöne, begehrenswerte Frau vor, die eigentlich alles hat: Einen wohlhabenden und fürsorglichen Ehemann – Investmentfondmanager mit passablem Aussehen – zwei wohlgeratene Söhne und einen spannenden Job als Redakteurin bei einer bekannten Tageszeitung. Müsste die 31-Jährige nicht glücklich sein? Ja, müsste sie. Ist sie aber nicht: Die attraktive Schweizerin hadert mit ihrem Leben. So eines hatte sie sich zwar immer erträumt, aber tagsüber empfindet sie keine Begeisterung für ihr doch so behagliches Dasein, nachts macht es ihr Angst. Weil es in Gleichförmigkeit zu ersticken droht.

Als sie einen ehemaligen Schulkameraden wiedertrifft, ändert sich alles: Linda stürzt sich Hals über Kopf in eine Affäre mit dem Lokalpolitiker. Dabei erlebt sie alle Höhen und Tiefen einer heimlichen Liebe, sie verzehrt sich vor Sehnsucht nach dem Geliebten, plagt sich mit Schuldgefühlen und (er)kennt sich selbst nicht mehr. Denn aus der lockeren Leidenschaft wird eine gefährliche Obsession.

3 Gründe, warum der Roman »Untreue« authentisch ist

Linda ist eine Romanfigur, eine fiktive Frau, die vieles in sich trägt. Sie ist weder eine prototypische Betrügerin, noch eine vorsätzlich Untreue. Ihr Lebensweg führt sie in die Untreue, und irgendwie wieder hinaus. Paulo Coelho ist bekannt dafür, dass er in seinen Geschichten Botschaften verpackt, die über das Erzählte hinausgehen. Das macht er auch in diesem Buch. Und er macht es so gut, dass man Linda versteht und ihre widersprüchlichen Gefühle nachvollziehen kann.

Wir nennen Ihnen mal drei Gründe, warum der Roman thematisch überzeugt:

Grund 1: Die Ursachen für Lindas Untreue

Eigentlich läuft doch alles prima: Lindas Leben könnte netter nicht sein. Dennoch plagt sie eine Rastlosigkeit, eine Traurigkeit, die sie sich nicht erklären kann. Grundlos bricht sie in Tränen aus, grübelt sinnlos über Nebensächlichkeiten und zweifelt. Anzeichen dafür, dass in Lindas Leben etwas falsch läuft, gibt es nicht. Außer dem bohrenden Zweifel in ihr selbst. Es kommt Linda so vor, als stünde ihr Leben still, seit sie verheiratet ist. Aber auch dieses diffuse Gefühl kann sie nicht als Grund für ihr Unglücksempfinden anführen. Ebenso wenig wie die unerfüllte Sehnsucht nach Abenteuern. All das scheint zu wenig, um dieses Bilderbuchleben zu beanstanden – und Linda peinigt sich selbst mit Vorwürfen. Dabei weiß sie, dass es nicht richtig ist, wenn sie ihre Gefühle unterdrückt.

Und dann trifft Linda Jacob wieder. Das Interview mit dem aufstrebenden Politiker ist eher langweilig, sie freut sich aber über das Wiedersehen – und hofft, dass Jacob ihren goldenen Ehering bemerkt. Eine Essenseinladung schlägt Linda aus, eigentlich will sie gar nicht so recht. Doch als Jacob später in seinem Büro einen Annäherungsversuch wagt, geht sie wie selbstverständlich darauf ein – und schon hängt sie in einer Affäre.

So wie Linda geht es vielen Frauen, die irgendwann untreu werden: Eine einzige klar benennbare Ursache gibt es nicht. Viele Menschen gehen irgendwann fremd, obwohl sie ihren Partner lieben und viel von Treue halten, was auch bei Linda der Fall ist. Es ist auch bei ihr nicht nur Sex. Laut Theratalk sind zwar bei 84 Prozent der Frauen sexuelle Defizite in der eigenen Partnerschaft Auslöser für ihr Fremdgehen, allerdings nicht nur. Eine Online-Studie von ElitePartner beispielsweise kommt zu dem Ergebnis, dass 41 Prozent der Frauen aus Verliebtheit untreu werden. Und bei 43 Prozent der Seitenspringer passiert es demnach einfach so.

Auf die Hauptfigur aus Coelhos Roman treffen einige dieser Studienergebnisse zu: Das zufällige Treffen mit dem ehemaligen Schulfreund ist Auftakt für die Affäre, ein Überdruss, der auch das etwas eintönige Sexleben mit ihrem Mann einschließt, und eine rauschhafte Verliebtheit sind Auslöser für Lindas Untreue. Deren Ursachen liegen aber noch tiefer – und auch damit überzeugt die Romanfigur: Ihr Fremdgehen ist der Versuch, eine erstarrte Lebenssituation, die eng mit der Ehe verbunden ist, aufzubrechen und zu neuer Lebendigkeit zu finden. Und die Affäre ist Ausdruck eines narzisstischen Eroberungstriebes, der sehr viel mit Linda selbst, ihrer Persönlichkeit und ihrem Liebesweg zu tun hat – womit sie einige Motive mitbringt, die etwa auch laut Psychologieprofessor Wolfgang Hantel-Quitmann zu einer Affäre führen können.

Grund 2: Der Verlauf der Affäre

Erst kommt ein Sexausrutscher, dann die Gefühle, dann die Komplikationen – Lindas Affäre mit Jacob durchläuft einige typische Stadien. Und wird zu einer Obsession, bei der es mehr um Linda selbst als um die Liebe zu diesem Mann geht. Linda misst der Episode zunächst gar keinen so großen Stellenwert bei, schnell kommen bei ihr aber andere Emotionen hinzu. Sie verzehrt sich nach dem Lover, will ihn unbedingt wiedersehen und wirft relativ schnell all ihre moralischen Prinzipien über Bord. Denn aus der erruptiven Leidenschaft wird für Linda eine Besessenheit: Sie will Jacob haben, will dass seine Gefühle ebenso stark sind wie ihre – obwohl sie gar nicht einmal weiß, wie genau diese überhaupt beschaffen sind.

Viele Affären bekommen rasch eine Eigendynamik: Was als nichtssagende Liaison beginnt, kann schnell den Charakter einer ziemlich ernsten Angelegenheit bekommen. Darum sind auch mehr als 60 Prozent aller Affären keine kurze Angelegenheit, sondern dauern 6 Monate oder länger, das zeigen Untersuchungen. Auch bei Linda ist die Sache nicht nach kurzer Zeit vom Tisch, ihre Affäre ist keine Eintagsfliege.

Und Lindas Gefühle werden umso heftiger, als sie bemerkt, dass sie viel stärker in die Sache verwickelt ist als Jacob. Der erwidert Lindas Liebe nur bedingt, hält sich eher bedeckt und begibt sich auf Rückzugskurs. Und das macht Linda nicht nur verzweifelt und spornt sie zu gefährlichen und grenzwertigen Eroberungsaktionen an, sondern ist das Öl in ihrem Untreuefeuer. Denn Linda ist plötzlich verliebt in ihre Affäre, obwohl sie weiß, dass für Jacob nicht mehr dahinter steckt. Aber darum geht es ihr womöglich gar nicht und auch das kennzeichnet sie als lebensechte Figur: Zeitweise ist Linda so verstrickt in ihre Leidenschaft, dass sie ihre eigenen Motive und Zukunftswünsche gar nicht erkennen, geschweige denn benennnen kann.

Grund 3: Die Folgen der Untreue

Nach dem ersten verfänglichen Zusammentreffen mit Jacob ist Linda selbst erschrocken darüber, wie schnell sie sich auf eine heimliche Affäre einlässt – denn damit hätte sie nun wirklich nicht gerechnet. Und nach der Sünde, wie sie ihre Untreue selbst bezeichnet, überkommt sie die Angst davor, dass herauskommt, was sie getan hat.

Auch damit ist Linda in guter Gesellschaft: Viele Untreue haben Angst davor, dass ihre Affäre auffliegt. Statistisch gesehen ist die Wahrscheinlichkeit auch groß: 58 Prozent der Fälle aller Affären kommen bei Frauen heraus. Ein Drittel der Männer erfährt es direkt von der Partnerin, in etwa 45 Prozent der Fälle kommt einem der Partner auf die Schliche, beim Rest ist es Zufall.

Aber nicht nur damit ist Linda eine klassische Untreuekandidatin, auch in Hinblick auf ihr schlechtes Gewissen verhält sie sich ziemlich typisch: Sie ist hin- und hergerissen. Aber wirkliche Schuldgefühle hat sie eigenen Aussagen zufolge nicht. Eher Angst davor, dass die Affäre herauskommt. Damit ist Linda eine von vielen, denn einer Emnid-Studie zufolge haben nur 25 Prozent aller untreuen Frauen ein schlechtes Gewissen nach dem Seitensprung.

Linda malt sich auch aus, was wäre, wenn sie die Bombe platzen ließe – schreckt aber vor den Konsequenzen zurück. Andere Folgen ihrer Untreue sind eher begrüßenswert: Beispielsweise hat Linda nach dem ersten heimlichen Liebestreffen mit ihrem Lover den besten Sex seit langem mit ihrem Mann. Da geht es ihr wie anderen Seitenspringerinnen: Deren Beziehungssexleben profitiert unter Umständen von den erotischen Eskapaden.

Auch Eifersucht gehört zu den Gefühlsirrungen, die Linda im Laufe ihrer Affäre durchlebt: Sie ist eifersüchtig auf die Ehefrau ihres Geliebten. Und das, obwohl sie selbst verheiratet ist und eigentlich diesbezüglich gar keine Ansprüche zu stellen hat. Damit reagiert Linda wie viele, die ihren Partner betrügen: Obwohl sie selbst untreu ist, erhebt sie Besitzansprüche an den Affärenpartner.

Von der Fantasie in die Realität: Was dieses Buch vermittelt

Linda ist erfunden und ihre Geschichte ist frei erdacht – aber Vorlage für beides ist die Wirklichkeit heutiger Liebesbeziehungen. Aus der hat Coelho offensichtlich geschöpft und auf dieser Basis ein Produkt der Fantasie geschaffen, das uns anschaulich vor Augen hält, wie sich Untreue heutzutage einschleichen kann, wie sie sich anfühlt und wie unberechenbar Liebesgefühle sind.

Das ist kein Lehrstück über Treue, keine Streitschrift für Monogamie, es ist ein poetisches Abbild der Liebesrealität. Da gibt es auch kein wirkliches Richtig oder Falsch – jeder muss einen eigenen Weg finden, wie er mit den ambivalenten Gefühlen umgeht. Auch das vermittelt uns Coelho auf einfühlsame Weise. Genau diese Einfühlsamkeit in Kombination mit dem durchscheinenden Verständnis für die Hauptfigur macht »Untreue« zu einem lesenswerten Stück Gegenwartsliteratur – aus dem sicher viele Menschen wertvolle Impulse für ihr eigenes Liebesleben gewinnen können.

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