Buchrezension: Sex – die wahre Geschichte | Christopher Ryan & Cacilda Jethá

Ausschnitt des Buchcovers »Sex: Die wahre Geschichte«

Treu by nature?! Altes Thema neu begriffen

In diesem Buch geht es nicht nur um Sex. Es geht um alles: Um das Geschlechterverhältnis, unsere Werte und Normen, um die evolutionsbiologischen Wurzeln des Menschen, die Fallstricke moderner Forschung, die Grenzen der Wissenschaft und das, was wir so Treue nennen. Vielleicht werden Sie nach der Lektüre nicht alles über Bord werfen, was Sie bisher über Treue gedacht und gewusst haben. Aber dieses gehaltvolle Buch bringt Ihnen das Thema auf faszinierend entlarvende Art näher.

Die Inhalte dieser Buchrezension:

Buchvorstellung: Sex: Die wahre Geschichte

Darum geht´s:

Wissenschaft ist fehlbar: Sie forscht, deutet, sie stellt fest und schlussfolgert. Das Ganze immer vorbelastet, subjektiv und damit beschränkt. Dies ist eine gedankliche Ausgangsbasis des Buches der spanischen Psychiaterin Cacilda Jethá und des amerikanischen Psychologen Christopher Ryan: Es stellt so ziemlich alle Theorien über Sex und Partnerschaft infrage, die in der westlichen Welt vorherrschen.

Leicht präsentiert ist diese Fülle an gewichtigen Informationen. Die Autoren stellen einige der wichtigsten Forschungsergebnisse über Sex vor – und überdenken sie kritisch. Vom Fortpflanzungssex der Urgeschichte und der Instrumentalisierung des menschlichen Geschlechtstriebs über unsere Vorstellungen von Partnerschaft und Familie bis hin zu Penisgrößen werden sämtliche Ansichten hinterfragt und auseinander genommen. Interessantes und Kurioses, Bemerkenswertes und Beschämendes packen die Autoren in eine hellsichtige Analyse unserer Sex-Sichten – ganz nebenbei ist das auch eine Art Geschichte der historischen Auslegung der menschlichen Sexualität und Aufforderung, Liebe und Sex offener, moderner und ehrlicher zu interpretieren.

Nicht ohne Grund bezeichnet der deutsche Paartherapeut Ulrich Clement das Werk sogar als »Die Bibel der Polyamoristen«. Schließlich räumen die Autoren auf mit dem Märchen von der monogamen Natur des Menschen.

Dieses Buch ist etwas für Sie, wenn

  • … Sie sich an den bekannten Theorien zu Sex stören, weil Sie diese nicht logisch finden.
  • …Sie der der sexuellen Treue kritisch gegenüberstehen und Monogamie als Lebensentwurf fraglich finden,
  • …Sie logische, klug durchdachte und ungemein informative Bücher lieben – und dabei viel über (ihre) Sexualität lernen wollen.

Das steckt im Buch

Die Erkenntnisse in Kürze:

  • Der Mensch ist gar nicht von sich aus monogam, er wird es nie ohne gesellschaftlichen und sozialen Zwang sein.
  • Er kann es gar nicht, weil es seiner biologischen Natur widerspricht.
  • Besonders sexuelle Treue ist nichts, was dem Menschen per se von Nutzen ist.
  • Monogamie ist also nicht das Nonplusultra. Dafür gibt es unzählige Beweise in der Menschheitsgeschichte und biologische Erklärungen.
  • Dass wir an sexueller Treue als dem naturgegebenen Beziehungskonzept festhalten, hat mit unserer Interpretation der Fakten zu tun.
  • Wissenschaft, Soziologie und Gesellschaft – alle haben ein Interesse daran, Sexualität »klein« zu halten, auf die Zweiergruppe zu beschränken.

Die Grundthesen:

  • Die wahre Geschichte der Sexualität wurde im Zuge der radikalen Umwälzungen, die vor etwa 10.000 Jahren begannen, zu einem subversiven Gedankengut.
  • Nicht wie Menschen Liebe und Sex leben, wurde wichtig. Sondern wie Wissenschaft, Medizin und Soziologie Liebe und Sex interpretierten.
  • Dabei ist Sexualität an sich zum Opfer einer systematischen Unterdrückung durch Religion, der Pathologisierung durch Mediziner, der Ignoranz von Wissenschaftlern und der Moralisierung von Therapeuten geworden.
  • Die Autoren meinen: Wir brauchen dringend ein neues Verständnis der Sexualität, ein Bild, das nicht verklärt, verdammt oder verboten ist, sondern einzig und allein auf einer unerschrockenen Sichtung der reichhaltigen Datenlagen beruht.

Die Autoren wollen mit ihrem Buch Antworten unter anderem auf diese Fragen liefern:

  • Warum fällt es so vielen Paaren schwer, sich auf lange Sicht treu zu bleiben?
  • Warum schwindet die sexuelle Leidenschaft so oft, obwohl die Liebe tiefer wird?
  • Ist sexuelle Eifersucht ein unvermeidlicher, unkontrollierbarer Teil der menschlichen Natur?
  • Kann sexuelle Frustration krank machen?

So ist der Inhalt strukturiert:

Das Buch hat 5 große Teile – hier geben wir Ihnen einen kleinen Einblick in jedes Kapitel:

Teil I: »Über die Entstehung der Arten«

Woher stammen eigentlich unsere heutigen Ansichten zu Sex und Liebe? Aus der Steinzeit, möchte man meinen. Sozusagen, machen die Autoren in diesem Kapitel deutlich. Die Abstammungslehre von Charles Darwin (der, nebenbei gesagt, 1882 gestorben ist) und seine Interpretation der Körperlichkeit wurden fraglos von Forschern der vergangenen Jahrhunderte übernommen. Ebenso wie die Affentheorie, die besagt, dass wir Menschen nichts anderes sind als domestizierte Primaten. Die moderne Forschung zu Sex und Partnerschaft fußt auf diesen überholten Erkenntnissen. Wie die Menschheit und damit wir zu diesen Annahmen gekommen sind, die bisweilen jeglicher Logik entbehren und spätestens heute als heillos veraltet ad acta gelegt werden sollten, wird erläutert.

Teil II: »Wollust im Paradies«

Wie war das eigentlich wirklich in grauer Vorzeit? Hatten wir nur einen Geschlechtspartner, mit dem wir gezielt Vermehrungsverkehr hatten, und arbeiteten insgeheim auf das Konstrukt der Ehe hin? Mitnichten, verraten die Autoren. Der Garten Eden war gar kein Garten und unsere Vorfahren alles andere als monogam. Denn das hat ihnen das Überleben gesichert: In Bezug auf Sex und Nachkommenschaft bedeutete Treue mitunter Lebensgefahr. Wer alles für sich behielt, war aus der schützenden Gemeinschaft ausgeschlossen. In der Urgesellschaft wurde geteilt – auch in Hinsicht auf die körperliche Liebe. Das widerspricht der Theorie von der Frau, die treu ist, weil sie den Schutz des Mannes braucht, damit sie und ihr Nachwuchs durchkommen in der wilden, wilden Welt. Es steht auch im Widerspruch zur Annahme, dass der Mann seine Gene so weit wie möglich verbreiten will – und deswegen nicht treu sein kann. Beide Theorien werden als Wissensgut eifrig gepflegt – dabei spricht vieles dafür, dass Frauen und Männer in grauer Vorzeit gut daran taten, alles zu teilen, also polygam zu leben. Dieser Fehldeutung ist unsere Sichtweise über Ehe, Monogamie etc. entsprungen.

Teil III: »Wie wir nicht waren«

Aber wie war es denn nun wirklich ganz früher? Anders wurde alles mit der Erfindung der Sesshaftigkeit – plötzlich war das Teilen eine Gefahr. Denn wo sich jemand niederließ, hortete er (sofern er konnte) Land und Besitz. Dazu wurde nun auch die Partnerschaft gezählt, und es begann eine Besitzstandwahrung, die sich auch auf Sex ausweitete. Wir »modernen« Menschen gehen davon aus, dass die Evolution eine stete Verbesserung der Lebensverhältnisse ist. Unsere Zivilisation sehen wir als Fortschritt, als Sieg des Geistes über den Körper. Dabei unterstellen wir unseren Urahnen, dass ihr Leben grauslich war und wir diese Schreckenszeiten hinter uns gelassen haben. Dass wir uns prähistorische Lebensumstände systematisch falsch vorstellen und uns dabei auf zweifelhafte Erkenntnisse von Historikern und Archäologen verlassen, macht die Sache richtig schwer. Denn so kommen wir der Wahrheit kaum näher.

Teil IV: »Was unsere Körper erzählen«

Nun aber wirklich zur Sache, also zu Vagina und Penis, zu Orgasmus und Ejakulation. Auch hier dominiert überliefertes Wissen unsere Sicht – das sich bei ganz genauer Betrachtung als denkbar unlogisch erweist. Wäre der Mann etwa von Natur aus zur Monogamie berufen, warum hat die Evolution dann dafür gesorgt, dass er mit einem Hodenvolumen und einer Libido ausgestattet ist, die weit über das hinausgeht, was ein Mann für die monogame Paarung benötigt? Und warum haben Frauen eine Klitoris, die ihnen lustvolle Gefühle beschert, wenn sie nur bis zur erfolgreichen Begattung empfänglich für die Annäherungsversuche des Mannes sein sollten? In diesem Kapitel sezieren die Autoren Theorien und Anschauungen über männliche und weibliche Sexualität, warum es Fremdgehen und andere Monogamie-Umgehungsformen gibt, eingeschlossen. Ersponnen und erdacht, bestimmten Strömungen und gesellschaftlichen Diktaten unterworfen, instrumentalisiert und in Formen gepresst – all dies prägt unsere heutigen Vorstellungen von Sex.

Teil V: »Männer stammen aus Afrika, Frauen auch«

Männer und Frauen, zwei Planeten, die sich auf verschiedenen Laufbahnen umkreisen. Männer und Frauen, per Trieb aneinander gebunden, aber vereint in einem unlösbaren Dauerkonflikt. Denn Männer wollen viel ungebundenen Sex, Frauen nur wenige, verlässliche Partner. Wie passt das zusammen? Kaum. Muss es auch gar nicht. Denn dass Männer und Frauen unterschiedlich sind, macht den Reiz aus – das zeigen die Autoren. Weibliche Sexualität trägt noch immer den Schleier des Mysteriösen, wie er ihr nicht erst von Freud auferlegt wurde. Und die männliche Sexualität wird noch immer dämonisiert als entfesselte Natur. Was folgt, ist die systematische Unterdrückung der wahren Natur des Menschen. Jahrhundertelang haben wir uns leiten lassen von religiöser und wissenschaftlicher Propaganda. Dennoch ist die Idee von der Naturgegebenheit der Kernfamilie und damit der Monogamie ausgehöhlt und zum Teil haltlos geworden. Was, wie die Autoren bemerken, viele von uns in einen Zustand der Haltlosigkeit versetzt: Woran sollen wir glauben? Die Autoren liefern eine Antwort: Wir sollten uns mit der wahren Natur der menschlichen Sexualität versöhnen. Was vielleicht heißt: Polygamie leben, andere Formen der Familie durchdenken, Erwartungen an die sexuelle Treue herunterschrauben und vor allem: den Mut aufbringen, zu einer ganz individuellen Auslegung der Bedeutung von Sex zu finden.

3 Argumente gegen Monogamie aus dem Buch

»Keine nichtmenschliche, in Gruppen lebende Primatenart ist monogam, und in jeder menschlichen Gesellschaft wurde Ehebruch dokumentiert – selbst in Gesellschaften, in denen deswegen die Steinigung droht. Angesichts dieser brutalen Verfolgung fällt es schwer zu glauben, dass Monogamie für unsere Spezies etwas „Natürliches“ ist.« »Ist die Erkenntnis, dass die meisten von unseren Vorfahren vermutlich in einem Gefühl von Zugehörigkeit und Gemeinschaftlichkeit lebten, da sich die wenigsten von uns noch vorstellen können, dass sich die menschliche Sexualität entwickelte, um soziale Bindungen zu festigen und auf angenehme Weise Konflikte zu vermeiden…ist diese Vorstellung wirklich so abwegig?« »Seltene Ejakulationen korrelieren mit verschiedenen Gesundheitsproblemen, was ebenfalls darauf hindeutet, dass die heutigen Männer nicht das Potential ihrer reproduktiven Ausstattung ausschöpfen.«

Fazit: Das bringt die Lektüre

So viel geballtes Wissen kann erst einmal erschlagend wirken. Tut es in diesem Fall aber nicht. Und auch das ist ein Verdienst dieses umfangreichen Buches: Es bietet unterhaltsame, aber stets fundierte Wissenshäppchen, arrangiert in einem überzeugenden erzählerischen Gerüst, bei dem selbst die härtesten Fakten realitätsweich werden.

Als wirklicher Ratgeber, der uns den richtigen Umgang mit Sex und Treue beibringt, ist »Sex – die wahre Geschichte« kaum zu gebrauchen. Es bietet viel mehr als abgegriffene Ratschläge, die doch nur wieder eine bestimmte Richtung vorgeben: Die Fülle der Theorien, Annahmen, Erkenntnisse und Thesen animiert dazu, sich tatsächlich selbst ein Bild von der Form der Sexualität zu machen, die einem selbst liegt – monogam oder eben nicht.

Hier geht es portofrei zum Buch –  auch als Kindle-Version erhältlich

2 Minuten für die Wissenschaft

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