»Die Psychologie der Untreue« hilft, dem Teufelskreis verletzter Gefühle nach dem Fremdgehen zu entrinnen. Wir sagen, was in dem Buch steckt.

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Guter Begleiter in schlechten Zeiten: Das große Ratgeber-Buch für Menschen, die mit Untreue konfrontiert werden

Haben Sie eine Affäre (gehabt), wurden von Ihrem Partner betrogen oder sind Geliebte? Ganz gleich, wie Sie in diese vertrackte Situation geraten sind: Dieses Buch holt Sie da ab, wo Sie stehen. Die Amerikanerin Shirley P. Glass, eine der international führenden Untreue-Expertinnen, hat ein umfangreiches Standardwerk über Fremdgehen verfasst. Glass hat in ihrer langjährigen Arbeit als Eheberaterin jede Menge Stoff zum Thema gesammelt – ihr Buch soll dabei helfen, mit den extremen Gefühlen fertig zu werden, die eine Affäre meist mit sich bringt.

Herausgekommen ist eine Art Handbuch für Betroffene, das tief in die Thematik eindringt und Paare, Untreue und auch Geliebte mit viel Verständnis und Hintergrundwissen dabei unterstützt, aus dem Teufelskreis gegenseitiger Anschuldigungen, Rechtfertigungen und Verletzungen zu finden. Nicht alles wird vermutlich auf Sie zutreffen und für Sie »passen« – aber Sie können dieses Buch als Fundus betrachten, in den Sie hineingreifen, um genau die Wissensteile herauszufischen, die Ihnen in Ihrer Situation helfen können. Eines ist sicher: In dem dicken Schmöker werden Sie auf jeden Fall Anregungen für den Umgang mit dem Seitensprung finden. Denn es ist ein tatsächlich allumfassendes Werk über Untreue.

Buchvorstellung: Die Psychologie der Untreue

Darum geht´s:

Seitensprünge und Affären sind Massenphänomene – was aber keineswegs heißt, dass wir Untreue wirklich verstehen. Informationen und Erklärungen gebe es zwar haufenweise, viele seien aber irreführend, wenn nicht gar falsch, behauptet Shirley Glass. Wer mit Untreue konfrontiert werde, werde mit etlichen gut gemeinten, aber überwiegend von persönlichen Erlebnissen, subjektiven Meinungen und individuellen Überzeugungen beeinflussten Ratschlägen bombardiert. Glass liefert da einen objektiven Gegenpart, indem sie Studien, Forschungsergebnisse, solide Vorhersageparameter und bewährte Bewältigungsstrategien vereint zu einem umfassenden Kompendium über Untreue. Im amerikanischen Original lautet ein Teil des Titels »NOT ›Just Friends‹, zu Deutsch »Nicht nur Freunde«. Damit ist eine Kernannahme des Buches angesprochen, nämlich die, dass vor allem enge Freundschaften die Gefahr mit sich bringen, zu intim zu werden und die Grenzen zu einer Affäre zu überschreiten. Glass vertritt grundsätzlich die These, dass der betrogene Partner durch den Treuebruch eine starke psychische Erschütterung erleidet, auf die angemessen eingegangen werden muss. Damit ist aber keinesfalls gemeint, dass der untreue Partner der Böse und der Betrogene der Gute ist. Es geht vielmehr darum, dass beide Partner gegenseitiges Verständnis entwickeln und in diesem Rahmen das Leiden des Betrogenen angemessen beachtet wird. Um die Enttäuschung und den Schmerz in eine Chance umwandeln zu können, benötigen Paare Beistand. Zunächst einmal brauchen sie Hilfestellung dabei, die Untreue zu verstehen, und dann vor allem praktische Anleitungen, wie emotionale Verletzungen heilen und wie eine andere Partnerschaftsqualität erreicht werden kann. Genau hier setzt das Buch an.

So ist der Inhalt strukturiert:

    Die insgesamt 448 Seiten sind in vier große Teile gegliedert.

  • Teil I »Die ‚rutschige Piste‘ – oder: Das allmähliche Abgleiten in eine Fremdbeziehung« befasst sich damit, wie es zu Außenbeziehungen kommt, was Warnzeichen sind und wie der Übergang in die Untreue verlaufen kann. Kern ist dabei die Annahme, dass vor allem enge Freundschaften ein Untreuerisiko bergen.
  • In Teil II geht es um »Das traumatische Ereignis der Entdeckung«: Glass erklärt, was nach der Aufdeckung der Untreue auf die Partner zukommt, wie sich Lügen und Vertrauensbruch auswirken, wie die traumatische Zeit danach zu überstehen ist, wie man entscheiden kann, ob man die Beziehung retten oder sich trennen sollte und wie mögliche »Reparaturmaßnahmen« innerhalb der Beziehung aussehen können.
  • Teil III behandelt die Aufarbeitung des Untreuegeschehens, »Die Suche nach Sinn«: Dabei geht es um die Entstehungsgeschichte der Affäre ebenso wie um die Vita der Beziehung, es geht um die eigene Entwicklung beider Partner, ihre Vorgeschichte, aber auch um den bzw. die Geliebte/n.
  • Teil IV ist überschrieben mit »Der Weg zur Heilung«. Hier geht es ganz konkret um Fakten der Verarbeitung. Wie lange muss man leiden, bis der Schmerz verebbt? Wie kann man dem Partner oder gar sich selbst verzeihen? Wie geht man mit einer durch Untreue verursachten Trennung um? Diese und viele weitere drängende Fragen werden beantwortet.

Das steckt drinnen:

Dies ist ein amerikanisches Buch – und darum womöglich nicht vollständig auf deutsche Maßstäbe übertragbar. Manche Ansichten sind einer eher konservativen, auf den Erhalt der Monogamie ausgerichteten Einstellung entsprungen. Dafür bekommen Sie aber wirklich alle Facetten der Untreue präsentiert – ungekünstelt geschrieben und sachlich erklärt. Besonders nützlich wird das Buch durch Tests sowie Fragelisten zur Selbsteinschätzung und unzählige gut umsetzbare Verhaltensratschläge für sämtliche Untreuephasen. Außerdem veranschaulicht Glass theoretische Erklärungen mit vielen Geschichten von Paaren, denen auf die ein oder andere Art Untreue passiert.

  • Das Buch soll dabei helfen, mit den Folgen einer Affäre fertig zu werden – als Paar oder alleine.
  • Es liefert nötiges Handwerkszeug und Wissen, damit Sie die dramatische Zeit »danach« so gut wie möglich durchstehen. Es motiviert, nicht zu schnell aufzugeben, macht in schwierigen Phasen Mut und hilft, sich und den Partner besser zu verstehen.
  • Es zeigt Wege, wie Sie Ihre Beziehung – falls Sie sich dafür entscheiden – weiterentwickeln und verbessern können.
  • Sie erfahren mehr über die durchlässigen Grenzen zwischen Freundschaft, Partnerschaft und Affäre und darüber, wie Sie Ihre Partnerschaft vor Seitensprüngen schützen können.
  • Es soll Ihnen auch helfen, loszulassen und zu verzeihen, wenn der für Sie richtige Zeitpunkt gekommen ist.

5 wichtige Erkenntnisse aus dem Buch

1. Altes Lied, neue Untreue: Affären beginnen heute anders

Untreue gab es schon immer, neu ist, wie sie zustande kommt, meint Glass. Die neue Untreue entsteht ihrer Meinung nach zwischen Menschen, die zuerst unabsichtlich eine tiefe, leidenschaftliche Verbindung eingehen, bevor sie merken, dass damit die Grenze von platonischer Freundschaft zu romantischer Liebe überschritten ist. So hätten auch 82 Prozent der untreuen Partner in ihrer Praxis eine Affäre mit jemandem, der zuerst »nur ein Freund« war. Diese Untreue ergibt sich bei Menschen, die überhaupt keine Intention zum Fremdgehen haben oder Untreue sogar grundsätzlich ablehnen. Und warum? Weil die Geschlechterbeziehungen sich derart gewandelt haben, dass es für Männer und Frauen ungemein leichter ist, sich kennenzulernen und sich überall Gelegenheiten für Untreue bieten. Das Wesentliche dieser neuen Krise in der Untreue sei, dass Freundschaften, Arbeitsbeziehungen und Internetbekanntschaften Partnerschaften bedrohen. Während nämlich die Möglichkeiten solch enger Beziehungen zunehmen würden, würde die Grenze zwischen platonischen und romantischen Gefühlen zunehmend unschärfer und leichter zu überschreiten. Zudem ließen sich, anders als früher, immer mehr Männer gefühlsmäßig und mehr Frauen sexuell auf jemand anderen ein.

2. Gehen oder bleiben: Manche Entscheidungen sollte man aufschieben

Manchen Paaren beschert die Aufdeckung einer Affäre völlige Klarheit: Sie wissen plötzlich sicher wie nie zuvor, ob sie mit dem anderen zusammenbleiben wollen oder nicht. Glass weiß, dass viele Menschen so etwas nicht erleben, sondern unentschlossen hin- und her schwanken zwischen dem Wunsch zu gehen und dem zu bleiben. Große Zweifel sind normal, manchmal erscheint dann eine Trennung als die leichteste Lösung. Glass rät aber dringend, drei Monate mit einer endgültigen Entscheidung zu warten. Wenn Sie das Gefühl haben, nicht weiterzukommen, dann gestehen Sie sich die Zeit zu, die Sie brauchen, um sich zu entscheiden. Geben Sie nicht zu schnell auf – Glass zufolge ist der häufigste Fehler, dass Menschen versuchen, ihre Ambivalenz zu schnell zu beenden und die Beziehung zu rasch aufgeben. In den ersten Wochen sei alles in ständiger Bewegung und Veränderung. Solange Sie sich zwiegespalten fühlen, besteht aber noch Hoffnung, denn dann haben Sie noch keine wirkliche Entscheidung getroffen. Glass´ Rat: Wenn Sie von Zweifeln gequält werden, dann verschieben Sie für einen Zeitraum von sechs bis zwölf Wochen jede Entscheidung. Das verschafft Ihnen eine Sicherheitsspanne, in der Sie Ihren Gefühlen auf den Grund gehen können.

3. Nicht glauben, überprüfen: Es kann helfen, dem untreuen Partner nachzuspionieren

Wenn der betrogene Partner dem untreu gewordenen Partner nicht mehr trauen kann, ist es okay, wenn er die Angaben überprüft und etwa einen Detektiv dafür engagiert. Mit dieser Ansicht steht Shirley Glass ziemlich alleine da. So stimmten nur 17 Prozent aller von ihr befragten Therapeuten ihrer Empfehlung zu, einen Detektiv-Treuhandfonds einzurichten, der nach dem Ermessen des betrogenen Partners verwendet werden kann, um die Behauptungen des untreuen Partners zu bestätigen. Wer nach einem Seitensprung dem anderen nicht mehr vertrauen kann, weil ihn die Lügen verunsichert haben, braucht Beweise dafür, dass er wieder an das glauben kann, was der andere sagt. Um Verdachtsmomente dauerhaft zu zerstreuen, kann es laut Glass helfen, sich Außeninformationen einzuholen, quasi als Bestätigung der Glaubwürdigkeit des untreuen Partners.

4. Raus mit der Sprache: Alle Affärendetails müssen auf den Tisch

Auch hier vertritt Glass eine andere Ansicht, als viele Therapeuten, die meinen, nicht alle Einzelheiten des Untreuegeschehens müssten offenbart werden. Glass findet es wichtig, dass alle Fragen kompromisslos beantwortet werden – das hilft, die Verletzung zu überwinden. So ermittelte eine amerikanische Studie: Wenn der untreue Partner alle Fragen beantwortete, blieben 86 Prozent der Paare zusammen. Wenn der untreue Partner sich weigerte, die Fragen zu beantworten, blieben 59 Prozent der Paare zusammen. Nur absolute Ehrlichkeit, der Überzeugung ist Glass, kann einen echten Heilungsprozess einleiten. Einfach ist das nicht, denn viele betrogene Partner sind von den Affärendetails nahezu besessen und drangsalieren den anderen mit Fragen. Hier hilft Offenheit: Solange die Affäre wie unter einer Glasglocke gehalten und als Tabu behandelt werde, behalte sie ihre Faszination, schreibt Glass. Erst wenn die Affäre detailliert besprochen und im harten Licht der Realität überprüft wird, verliert sie ihre magische Macht.

5. Die Beziehung retten: Ein Langzeitprojekt, das Geduld erfordert

Wie radioaktives Material sei eine Affäre, resümiert Glass: gefährlich und möglicherweise tödlich, doch ebenso eine mächtige, verändernde Kraft. Die Energie, die durch die Affäre freigesetzt werde, stoße nach und nach neue Einsichten und ein verbessertes Miteinander an, die die Ehe aufpolieren und Beziehungen erstaunlich neu beleben kann. Der Weg dorthin ist aber steinig, es gibt etliche Rückschläge und viele Höllenfahrten, wenn die Untreue wieder und wieder zum beherrschenden Thema wird. Die Ehe wiederaufzubauen sei ein Langzeitprozess, der mindestens ein oder zwei Jahre dauere. Überhaupt, schreibt Glass, sei es unrealistisch zu erwarten, dass die Sache überwunden ist, bevor der erste Jahrestag der Entdeckung und der Nachbeben verstrichen ist und darüber reflektiert wurde. Außer dem Willen, Ihre Beziehung wieder ins rechte Lot zu bringen, der Bereitschaft zu bedingungsloser Offenheit und einer gemeinsamen Zukunftsperspektive brauchen Sie dafür vor allem: Geduld, Geduld und noch mal Geduld. Das bedeutet auch, dass Sie die Affäre nicht zu schnell zu den Akten legen sollten. Wer sie einfach unter den Teppich kehrt und nicht mit dem Partner aufarbeitet, riskiert einen gefährlichen Schwelbrand, der wie eine Lizenz zum Fortführen des beziehungschädigenden Verhaltens wirken kann.

Fazit: Das bringt die Lektüre

Eigentlich ist dieses Buch so etwas wie eines für alle: Es richtet sich nicht nur an Menschen, die in ihrer Beziehung einen Seitensprung verdauen müssen, sondern auch an all diejenigen, die angesichts der Verbreitung von Untreue das Phänomen verstehen möchten, um so in ihrer Partnerschaft vorbeugen zu können.

Dieses Buch zu lesen lohnt sich vor allem, wenn Sie…

  • einen Seitensprung oder Ehebruch hinter sich haben,
  • erfahren wollen, wie Sie in Ihrer Beziehung Untreue keine Chance geben,
  • Ihre Partnerschaft nach dem Fremdgehen kitten wollen,
  • Ihren Partner verlassen haben oder verlassen wurden,
  • der Grund sind, warum Ihr Partner seine alte Beziehung aufgegeben hat.

Hier geht es portofrei zum Buch

2 Minuten für die Wissenschaft

Systemische Einzel-, Paar- und Familientherapeutin Susanne Nagel

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