Ein bisschen Zahlenwerk
An der Universität Chicago wurde eine Studie mit 3005 Senioren durchgeführt, die über ihr Sexualverhalten Auskunft gaben. Dabei ging es nicht nur um partnerschaftlichen Sex, sondern auch um Selbstbefriedigung. Ergebnis: 73 Prozent aller Befragten zwischen 57 und 64 Jahren haben regelmäßig Sex. Bei den 65 bis 74jährigen sind es immer noch 53 Prozent. Erst jenseits der 75 sinkt die Quote der sexuell aktiven Männer und Frauen auf 26 Prozent. Wobei für dieses Absinken nach Meinung der Forscher nicht etwa nachlassende Lust oder Desinteresse verantwortlich sind, sondern rein körperliche »Liebeskiller« wie Diabetes oder Bluthochdruck, die eine genussvolle Sexualität naturgemäß erschweren. Aber nicht verhindern. So erklärte einer der Studienleiter: »Wer Treppensteigen kann, kann auch Sex praktizieren.« Na, das macht doch Mut!Interessant ist das statistische Verhältnis von Männern zu Frauen: 81 Prozent aller körperlich gesunden Männer und 51 Prozent der Frauen zwischen 57 und 85 Jahren haben regelmäßig Sex. Leider ist der Grund dafür nicht etwa die angeblich nachlassende Libido bei den Damen, sondern die Tatsache, dass Männer nun einmal früher sterben als Frauen und sich eine trauernde Witwe aus nachvollziehbaren Gründen nicht unbedingt gleich ins nächste Liebesabenteuer stürzt.
Grundsätzlich lassen diese Zahlen auf eine erfreuliche sexuelle Aktivität des älteren Semesters schließen. Warum halten sich dennoch die landläufigen Vorurteile und Irrtümer über Sex im Alter so hartnäckig?
Fehlprogrammierung durch lustfeindliche Erziehung
Noch während der 80er Jahre galt »Rentnersex« als etwas, das gefälligst hinter zugezogenen Vorhängen stattzufinden habe und weder in der Medienlandschaft noch im Gespräch thematisiert werden darf. Sollen die Alten doch sehen, wie sie klarkommen. Glücklicherweise ist dieses diskriminierende Denken heute auf dem Rückzug. Mit steigendem Altersdurchschnitt und dem Verblassen des Jugendwahns in der Werbung rückt auch die ehrliche, konstruktive Diskussion über Sex jenseits der 65 in die alltägliche Kommunikation.Verliebt turtelnde Senioren werden nicht mehr schräg angeschaut, sondern gehören ebenso wie knutschende Teenager zum öffentlichen Stadtbild. Im letzten Drittel des Lebens eine erfüllte Sexualität genießen zu dürfen, gehört also zu den großen Privilegien unserer modernen Gesellschaft.Noch größer ist das Privileg, darüber öffentlich diskutieren zu können und konkrete Fragen stellen zu dürfen. Denn ganz so unkompliziert, wie es auf den ersten Blick wirkt, ist die aktive Sexualität im Alter leider nicht.
Was vor allem daran liegt, dass die heutige Generation 65+ in einem extrem lustfeindlichen Umfeld aufgewachsen ist. Wir erinnern uns mit Gruseln an den Mythos vom Rückenmarksschwund durch Masturbieren. Oder das Märchen, dass die Anzahl der Orgasmen bei Mädchen begrenzt sei und man sie keinesfalls durch allzu häufige Selbstbefriedigung »aufbrauchen« dürfe. Sex dient der Familiengründung, basta. Genuss? Sexuelle Phantasien ausleben? Partnerwechsel? Rollenspiele? Bi- oder Homosexualität? Fetische? Gott bewahre, doch nicht bei uns. Was sollen denn die Nachbarn denken!
Wer es unter solchen Umständen schaffte, Kinder in die Welt zu setzen, großzuziehen und ins Erwachsenenleben zu verabschieden, ohne dabei auch nur einmal über seine eigenen sexuellen Defizite zu stolpern, lebt entweder entgegen aller erzieherischer Dogmen eine beneidenswert erfüllte Sexualität – oder steht spätestens in der Lebensmitte vor einem Problem. Warum?
Weil mit dem Abschluss der Familienplanung in einer so lustfern orientierten Lebensgemeinschaft ein handfester Grund zu sexueller Aktivität fehlt. Das Bedürfnis danach ist aber in jedem emotional gesunden Menschen vorhanden, ebenso wie ein aktiver Sexualtrieb. Bedürfnisse lassen sich eine Weile unterdrücken, doch nicht wegzaubern. Was tun? Das letzte Lebensdrittel mit Modelleisenbahnen und Kaffeeklatsch verbringen?
Dieser Artikel hat 4 Seiten. Lesen Sie auch . . .Seite 1: Wahre Lust kennt keine Altersgrenze
Seite 2: Der Schlüssel liegt im Unterschied zwischen Alter und Reife
Seite 3: FSD: Das Märchen von der weiblichen Unlust
Seite 4: Ist guter Sex eventuell ein Privileg des Alters?
















